14.07.2025

Quereinsteiger

«Man ist Gastgeber und Entertainer»

Von der Hotelrezeption ins Radiostudio: Reto Scherrer wollte schon als Viertklässler zum Radio, machte aber erst eine KV-Lehre im Gastgewerbe – eine Notlösung, wie er sagt. Der heutige Senior Anchor bei Blick TV entdeckt in der Sommerserie erstaunliche Parallelen zwischen seinen beiden Berufen und erklärt, weshalb sich der Umweg gelohnt hat.
Quereinsteiger: «Man ist Gastgeber und Entertainer»
Früher und heute: Reto Scherrer auf einer Autogrammkarte aus seiner Zeit bei Radio Top (links) und als heutiger Senior Anchor bei Blick TV. (Bilder: zVg)

Ihr ursprünglicher Beruf war Kaufmännischer Angestellter. Weshalb hatten Sie sich dafür entschieden?
Ich habe mich nicht freiwillig zu einer Lehre entschieden. Ich wollte eigentlich seit meiner frühesten Kindheit zum Radio. Das mit dem KV war eine Notlösung, weil ich damals mit meinen 15 Jahren laut dem Berufsberater fürs professionelle Radiomikrofon noch zu jung war.

Seit 1996 arbeiten Sie als Moderator. Was war der Auslöser für den Branchenwechsel?
Meine ersten Erfahrungen mit dem Radio sammelte ich bereits 1989 beim Spitalradio S in Frauenfeld. Vor Kurzem habe ich dort zu ihrem Jubiläum die Stationssignete neu eingesprochen. Schon als Viertklässler fuhr ich am schulfreien Mittwochnachmittag mit dem Zug alleine vom Thurgau nach Zürich, um den Macherinnen und Machern von Radio 24 über die Schultern zu schauen.

«Mein einziger Zweifel war, ob ich nicht zu lange gewartet habe mit dem Radioberuf»

Gab es auch Momente des Zweifels während oder nach dem Umstieg?
Nein. Mein einziger Zweifel war, ob ich nicht zu lange gewartet habe mit dem Radioberuf. Viele betonen die Wichtigkeit einer Lehre – aber ich glaube, wenn jemand die unbändige Leidenschaft für etwas entwickelt, sollte man so schnell wie möglich damit anfangen und seine Zeit nutzen.

Wie hat Ihr persönliches Umfeld auf den Berufswechsel reagiert?
Mein Umfeld kannte meine Leidenschaft fürs Radio schon immer. Es war also keine Überraschung, dass ich diesen Weg einschlug – vielmehr, dass es mir tatsächlich gelang. Vor einigen Wochen entdeckte ich bei meinen Eltern zu Hause mein altes Schullineal. Darauf habe ich in der 5. Klasse, inspiriert von Roger Schawinski, den Satz «You Can Get It If You Really Want» geschrieben.

Haben Sie sich schnell im neuen Berufsfeld zurechtgefunden?
Das Radio war für mich schon immer mein Zuhause. Als Kind baute ich in Weinfelden mein eigenes Radiostudio und betrieb einen illegalen Sender fürs Quartier. Nach ersten Anstellungen beim Spitalradio und einem Praktikum bei Radio Thurgau folgten zehn Jahre Radio Top und danach 13 Jahre Radio DRS 1 respektive SRF 1.

Ist Ihre Berufsbiografie heute ein Thema im professionellen Umfeld?
Ich glaube, dass der berufliche Werdegang einer Person zweitrangig ist. Was wirklich zählt, sind die aktuellen Ambitionen und Fähigkeiten. Gerade in der Medienbranche gibt es so viele Beispiele von Quereinsteigern, die sich zu hervorragenden Moderatorinnen und Journalisten entwickelt haben – einzig und allein, weil es ihr Traum war.

Gibt es Parallelen zwischen Ihrem alten und dem neuen Beruf?
Durchaus. Meine KV-Lehre absolvierte ich in der Rezeption vom Vier-Sterne-Hotel Thurgauerhof in Weinfelden. Die Gastronomie beziehungsweise Hotellerie und der Beruf eines Moderators haben viele Parallelen. Man ist Gastgeber und Entertainer und will, dass sich die Menschen in der kurzen Zeit, wo sie zu Gast sind, auch wohlfühlen. Egal ob als Zuhörer, Zuschauerin oder eben als Gast im Restaurant oder Hotel.

«Man muss wissen, was man wirklich will»

Welches Know-how aus Ihrer ursprünglichen Tätigkeit hilft Ihnen bis heute?
Schulisch wenig. Aber im kommunikativen Umgang mit den Gästen im Hotel und der exponierten Position an der Rezeption enorm viel. Wer in der Gastronomie tätig war, kennt die Kunst, Menschen glücklich zu machen – und diese Erfahrungen helfen mir bis heute.

Was würden Sie anderen Quereinsteigern raten?
Macht es einfach. Entscheidend ist nur: Man muss wissen, was man wirklich will. Also, was meine Träume sind, wo die Leidenschaften liegen. Wer das weiss, wird Freude haben und erfolgreich sein.

Könnten Sie sich einen erneuten Branchenwechsel vorstellen?
Hier zitiere ich Hape Kerkeling, der mal sang: «Mein Leben ist die Show und das war immer so und das wird sich niemals ändern!»



In der Sommerserie «Quereinsteiger / Quereinsteigerin» stellt persoenlich.com zehn Fragen an Menschen aus der Medien- und Kommunikationsbranche, die nicht den klassischen Weg genommen haben. Eine Übersicht aller bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.


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