Herr Maissen, momentan dominieren in der Berichterstattung der SDA die Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Angriff auf Charlie Hebdo. Wie erleben Sie diese Zeit?
Wir haben seit dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo in unseren drei Sprachdiensten 976 Meldungen (Stand 14.1.2015, 12 Uhr) zu diesem Thema publiziert. Zum Vergleich: Zu 9/11 im Jahr 2001 im haben wir gleichen Zeitraum rund 15 Prozent mehr Meldungen erstellt. Damals war Online noch bei weitem nicht so dominant wie heute und die Nachfrage damit geringer.
Wird eine allfällige Ankurbelung der Aufmerksamkeitsspirale bei Ihnen diskutiert?
Aus meiner Sicht haben wir dem Thema die richtige Bedeutung gegeben, ohne aber zu übertreiben. Wir diskutieren an den Morgensitzungen immer, was wir zu einem solchen Thema machen.
Welche Überlegungen stehen dabei im Vordergrund?
Die Abdeckung der Aktualität im Sinn einer klassischen Berichterstattung. Da gibt es in solchen Fällen eine enorme Flut an Input zu bewältigen. Bei derartigen Grossereignissen überlegen wir aber auch, was wir an Zusatzleistungen liefern können. Wir versuchen allerdings, den Output nicht übermässig ansteigen zu lassen. Und wenn wir den Eindruck haben, dass alles gesagt ist, fahren wir mit dem Zusatzmaterial zurück. Im vorliegenden Fall sind wir aber stark von den internationalen Agenturen abhängig. Gegen deren Info-Fluss kann man schlecht ankämpfen, aber man kann ihn kanalisieren. Ich finde, das ist uns recht gut gelungen, und wir haben die Schweizer Aspekte gut herausgearbeitet.
Dieser Diskurs über die Pressefreiheit lenkt etwas von der Strukturkrise der Medienbranche ab. Doch die Probleme sind akut, trotzdem will der Bundesrat der Branche Zeit geben, die Angelegenheiten selber anzupacken. Sehen Sie das auch so?
Der Bundesrat ist konsequent. Er hält an seiner Haltung zur Medienförderung fest. Ich verstehe seinen Grundsatz gut. Es ist richtig, dass er nicht zu stark eingreifen will und somit die Unabhängigkeit der Medien gefährden will. Denn direkte Medienförderung ist heikel.
Als eine der wenigen Massnahmen schlägt der Bundesrat eine zeitlich begrenzte Unterstützung der SDA vor. Das müsste Sie freuen.
Das ist noch sehr weit weg. Die SDA bietet drei gleichwertige Sprachdienste – Deutsch, Italienisch und Französisch – zum gleichen Preis an, auch wenn die Sprachräume und die Medienmärkte sehr unterschiedlich gross sind. Seit jeher ist klar, dass die Basisdienste in Französisch und Italienisch nicht kostendeckend angeboten werden können. Die Defizite des französisch- und des italienischsprachigen Dienstes belaufen sich zusammengenommen jährlich auf 2,5 bis 2.7 Millionen Franken.
Dafür mussten bisher die Aktionäre aufkommen.
Ja, unsere Besitzer, die Verlagshäuser und die SRG, haben die Defizite bisher immer getragen. Dies indem wir mit dem deutschsprachigen Dienst entsprechende Gewinne erwirtschaften konnten. Jetzt sinken wie in der ganzen Branche aber diese Einnahmen und der Überschuss kann längerfristig die Defizite nicht mehr ausgleichen und Tarifanpassungen sind im aktuellen Umfeld undenkbar. Ausserdem würden sich die grossen Häuser überlegen, ob sie nicht eine In-House-Agentur aufbauen sollen. Damit wäre die Existenz der nationalen Agentur gefährdet. Daran haben aber nicht nur die Medien, sondern auch die Eidgenossenschaft kein Interesse.
Sie würden das Steuergeld also für die Dienste in den Minderheitssprachen einsetzen.
Wenn wir von der Eidgenossenschaft Geld erhalten, dann ist das mit einem Leistungsauftrag verbunden. Wie der im Detail aussehen könnte, weiss ich nicht. Sicher würde die Unterstützung aber an die Verpflichtung geknüpft, wie bisher Dienste in den drei Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch zu erstellen und die Berichterstattung über die Sprachgrenzen im aktuellen Umfang beizubehalten. Eine solche Unterstützung durch den Bund ist gemäss Artikel 18 des Sprachengesetzes möglich.
Die Politik muss sich überlegen, ob sie unsere Leistung, also die Transferleistung zwischen den Sprachregionen, als Teil der Grundversorgung, als Service Public, verstehen will. Eine allfällige finanzielle Unterstützung kann auch nur vorübergehend geschehen, resp. so lange, bis die Medienbranche ein neues Geschäftsmodell gefunden hat.
Was genau ist denn z.B. Service public der SDA im konkreten Fall "Charlie Hebdo"?
Selbst bei einem solchen internationalen Thema sieht man in unserem Dienst, wie der Austausch zwischen den Sprachregionen funktioniert. So garantieren wir zum Beispiel die flächendeckende Berichterstattung über Gedenkanlässe in allen Sprachregionen. Wir haben aber auch die unterschiedliche Betroffenheit in der Romandie und der Deutschschweiz thematisiert, wie auch die unterschiedliche Tradition und Bedeutung von Karikaturen in den Medien herausgearbeitet. Damit tragen wir in unseren Diensten dazu bei, dass Phänomene und Reaktionen in den jeweils anderen Sprachregionen besser verstanden werden. Und schon allein dadurch, dass in unserer Zentralredaktion die Teams für alle drei Sprachdienste im gleichen Raum und teils am gleichen Tisch arbeiten, wird das Bewusstsein für die unterschiedliche Wahrnehmung geweckt, was sich natürlich auch in der Berichterstattung auswirkt.
Um diese Minderheitssprachdienste weiterzuführen: Wie viel Geld brauchen Sie vom Staat?
Es hat noch keine konkreten Gespräche zur Höhe einer allfälligen Unterstützung gegeben. Das ist Sache der Politik.
Sie sind wohl der einzige Chefredaktor, der sich explizit staatliche Unterstützung wünscht.
Halt, das sehe ich anders: Viele Chefredaktoren sind froh, um die staatliche Unterstützung via Posttaxen-Verbilligung, manche über die Gelder, die sie aus den Konzessionsgebühren erhalten und sicher alle, über die reduzierten Mehrwertsteuersätze für Zeitungsabonnemente. Medienvielfalt ist gerade in unserem direktdemokratischen Land ein hohes Gut. Das sollte sich der Staat auch etwas kosten lassen.
Das wäre dann indirekte Förderung.
Ja, dieser Grundsatz ist sehr wichtig. Medien müssen, – wenn überhaupt – nur indirekt gefördert werden. Die Unterstützung der sda für die beiden defizitären Dienste ist eine indirekte Unterstützung aller Medien in der Schweiz, denn so können wir unsere Tarife attraktiv gestalten und innovative Produkte entwickeln. Uns fehlt leider das Geld für Innovationen, die zentral statt dezentral in jedem Verlagshaus betrieben werden könnte. Der ganze multimediale Bereich, die automatisierte Bearbeitung von standardisierten Inhalten, die Aufbereitung von News für immer mehr Kanäle und Systeme, die Live-Berichterstattung im Text-Bereich, Social-Media-Beobachtung und Belieferung, Planung und Agenda, all das sind Dinge, mit denen sich kein Medienhaus längerfristig von der Konkurrenz unterscheiden kann. Deshalb lohnt es sich, für solche Themen zentrale Lösungen bei der Agentur einzukaufen.
Eine zeitlich begrenzte öffentliche Finanzierung der SDA hat ja auch Avenir Suisse vorgeschlagen.
Wenn der Think Tank Avenir Suisse bei seinem Vorschlag zur Medienförderung tatsächlich an die SDA gedacht hat, ist das schön. Mit uns gesprochen hat jedenfalls niemand. Das vorgeschlagene Modell ist ziemlich radikal. Letztlich geht es darum, dass die SRG-Inhalte über eine Agentur, den anderen Medien zur Verfügung gestellt würden. Das würde schon eine beträchtliche Einschränkung der SRG bedeuten. Ich glaube nicht, dass diese Variante politisch realisierbar wäre. Doch der Vorschlag ist ein interessantes Denkmodell.
Avenir Suisse sieht die SDA längerfristig als Public Content Privider, der nicht nur Text, sondern zunehmend audiovisuelle Dienste anbietet: Live-Streams, Videos, Podcasts.
Wir produzieren heute ausschliesslich Text. Und wenn wir nun auch noch Bilder, vor allem Bewegtbild produzieren müssten, dann ginge dies einfach ins Geld. Aber wie erwähnt, wir sind für innovative Ansätze und Lösungen sehr offen, wenn das Geld zur Verfügung steht. Allerdings darf man nie vergessen, dass wir den Medien gehören. Sinnvoll sind deshalb nur Lösungen, die allen Playern im Medienmarkt nützen.
Was geschieht, wenn Sie die 2 bis 3 Millionen Franken nicht zugesprochen erhalten? Werden Stellen abgebaut werden?
Unsere Mittelfristplanung zeigt, dass wir in zwei bis drei Jahren Probleme bekommen, wenn wir uns nicht neue Einnahmen erschliessen können. Im Moment ist es aber viel zu früh, um darüber zu spekulieren, was wir "au cas ou" machen werden. Im Moment laufen bei uns weitere Optimierungsprojekte mit "SDA future" für die Produktion der Online-Dienste, sowie der Integration der Sportinformation und der IT per 2016. Wir warten keinesfalls tatenlos auf allfälliges Manna aus dem Bundeshaus, sondern erledigen weiter unsere Hausaufgaben.
Interview: Edith Hollenstein, Bild: Keystone

