22.01.2014

Wahlen

"Mit den meisten Leuten bin ich per Du"

"Filippo – einer von uns", mit diesem schlichten Slogan will Filippo Leutenegger Zürcher Stadtpräsident werden. Welche Taktik steht dahinter? Im Interview über seine Werbestrategie wettert der Medienunternehmer und FDP-Politiker gegen "Schawinski" und den "Tages-Anzeiger": Der SRF-Talk sei vor allem Selbstinszenierung des Moderators, dem Tagi wirft er unfaire Berichterstattung vor.
Wahlen: "Mit den meisten Leuten bin ich per Du"

Herr Leutenegger, am Montag waren Sie zusammen mit Corine Mauch Gast bei der SRF-Talksendung "Schawinski". Was brachte Ihnen dieser Auftritt? 
Bei "Schawinski" geht es vor allem um Roger Schawinski selber, und weniger um seine Gäste. Diese sind bestenfalls spannende Zutaten. Ihn fesseln seine eigenen Thesen, diese findet er spannend und kann sich daran ergötzen, aber eigentlich interessieren ihn die Antworten der Gäste nicht besonders, es sei denn, sie seien eine Bestätigung seiner eigenen Thesen.

Unterhaltungswert vor Erkenntnisgewinn also.
Ja, er weiss eigentlich schon alles über sein Gegenüber, und vor allem besser. Darum gibt es auch kaum Fragen, sondern Thesen und Widersprüche in die sich Gesprächspartner verwickeln können. Am liebsten stellt er dem Gast ein Bein. Das kann lustig sein, bringt aber in der Regel wenig Neues, weil die Gäste in Deckung gehen. Das ist vielleicht auch ein Grund warum die Marktanteile seiner Sendung immer noch bescheiden sind.

Inwiefern empfanden Sie es als ungemütlich, als mittels Archivaufnahmen Widersprüche in Ihrer Biografie aufgezeigt wurden?
Bei einer Gesprächssendung muss man sich für ein Konzept entscheiden. Entweder man versucht den Menschen zu ergründen und verborgene Seiten zu entdecken. Dann können Archivaufnahmen ein gutes Hilfs- und Stilmittel sein, oder man macht ein Duell, bei dem vor allem die Kontrahenten zu Wort kommen. Beides miteinander zu mixen gibt aber einen Salat und wenige Erkenntnisse. Da bleiben Personen und Inhalte auf der Strecke. Schade um die Sendezeit.

Dass Sie Roger Schawinski siezten, wirkte ziemlich künstlich. Mit ihm sind Sie ja sicher nicht per Sie, denn sogar auf Ihrer Webseite sprechen Sie die Besucher mit "Du" an.
Siezen am Sender ist in der Regel richtig, weil sich sonst das Publikum von der Diskussion ausgeschlossen fühlen kann. In der Medienbranche und auch unter meinen Kollegen aus Wirtschaft und Politik bin ich aber mit den meisten Leuten per Du, weil ich alle schon sehr lange kenne. Ich persönlich habe in meinem Alltag keine ausgeprägte "Siezis-Kultur".

Welche Werbestrategie verfolgen Sie in Ihrem Wahlkampf?
Meine Strategie basierte auf zwei Grundannahmen: Erstens ging ich davon aus, dass der Kampf ums Stadtpräsidium eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit bringt. Zweitens hatte ich den Vorteil einen schon hohen Bekanntheitsgrad zu haben. Darauf basierte die Werbestrategie, die sich auf Plakate, Inserate in den Quartieranzeigern und auf einen guten Webauftritt  beschränkte.

Die Kandidatur fürs Stadtpräsidium ist vor allem eine PR-technische Massnahme für grössere mediale Aufmerksamkeit im Stadtrat-Wahlkampf?
Nein, denn ich denke nicht in erster Line werbetechnisch, sondern strategisch. Wir wollen mit den Top 5 und mit meiner Kandidatur fürs Stadtpräsidium eine Alternative zur derzeitigen Rot-Grün-Regierung bieten. In der aktuellen Zusammensetzung ist Rot-Grün mit sieben von neun Stadträten gegenüber ihrem Wähleranteil krass übervertreten und schlittert immer tiefer in eine Defizit- und Schuldenwirtschaft. Dies gilt es zu korrigieren. Die Werbestrategie ist nur ein Hilfsmittel dazu.

Welche Erklärung werden Sie am 9. Februar abgeben, sollten Sie nicht als Stadtpräsident, sondern "nur" als Stadtrat gewählt werden? 
Als liberaler, bürgerlicher Stadtrat gewählt zu werden wäre sicher keine Niederlage, sondern ganz im Gegenteil: eine sehr erfreuliche Trendwende.

Welche Werbemassnahmen planten Sie?
Mein primäres Anliegen war es aufzuzeigen, wofür ich mich bisher eingesetzt habe und einsetzen werde. Diese Sujets zeigten wir auf Plakaten und Inseraten in den lokalen Quartierzeitungen. In einer ersten Phase geschah dies über sechs Sujets mit unterschiedlichen Testimonials, die aufzeigen sollten, bei welchen Themen ich mich engagiert habe und werde: Bau, Verkehr, Bildung, Sport, usw. Dann jetzt, in der zweiten Phase, kommen neue Plakate mit der Liste von Top 5 zum Einsatz, welche die Menschen zum Wählen auffordern. Da es sich beim Stadtrat um Majorz-Wahlen handelt, und die Namen nicht auf einer Liste stehen, sollen diese Sujets mit dem Wahlzettel den Wählern zeigen, wen sie auf ihren Stimmzettel schreiben sollen und wie man die Namen korrekt schreibt.

Sie inserieren nur in Quartierzeitungen. Warum nicht im Tagi oder in der NZZ?
Diese beiden Zeitungen sind teuer und haben für eine reine Stadtzürcher Kampagne einen erheblichen Streuverlust. Zudem habe ich sehr bewusst auf ein tiefes Werbebudget gesetzt und mich dafür mehr auf meinen persönlichen Einsatz in den Quartieren konzentriert. Das ist zwar anstrengend, aber die direkte Begegnung und das persönliche Gespräch mit den Menschen bringt mehr. Schliesslich hatte ich den Eindruck, dass das Leitmedium "Tages-Anzeiger" keine Lust auf Wahlkampf hat und lieber der amtierenden Stadtpräsidentin ein grosses Jahresend-Interview gewährt hat.

Der Tagi behandelt Sie unfair?
Der "Tages-Anzeiger" schien in der Anfangsphase keine besondere Lust auf inhaltliche Wahlkampfthemen zu haben, welche die finanzielle Schieflage der Stadt betreffen. Dies wird deutlich, wenn man in der Schweizerischen Mediendatenbank SMD nachschaut, wie die Zeitung über die Ankündigung des 213-Millionen-Defizits berichtete: Ganz klein wurde es auf der Frontseite erwähnt und erst im Zürich-Teil auf der dritten Seite erschien der Text, und dann sogar noch mit einem irreführenden Titel: "Zürich bekämpft Defizit mit tiefen Einschnitten", was ja nachweislich bis jetzt nicht passiert. Im Gegensatz dazu hatten Geschichtchen über das unterschiedliche Grinsen der Kandidaten oder eine Geschichte über ihre persönlichen Steuern einen prominenteren Platz. Der Tagi, als Leitmedium in Zürich, meidet eine grosse Debatte über die finanzielle Schieflage – übers Budget, und über drohende Steuererhöhungen.

Dafür stehen Sie und Ihre Themen in der Gunst der NZZ.
Ich erwarte vom Leitmedium in einer Region weder Gunst noch Sympathie, sondern das Aufgreifen von relevanten Wahlkampfthemen, welche die künftige Legislatur betreffen. Ich betone beispielsweise bei jeder Gelegenheit, dass die jetzige Stadtregierung die Leistungsüberprüfung, an der sie schon ein Jahr arbeitet, unter Verschluss hält und erst nach den Wahlen präsentieren will. Diese Leistungsüberprüfung enthält aber explosiven Stoff und vermutlich sogar eine Steuerhöhung. Zudem wurde erst im Herbst beschlossen den Zeitpunkt der Präsentation der Rechnung 2013 auf nach den Wahlen zu verschieben, möglicherweise weil das Defizit höher ausfällt als das Budget. Beides sind Themen, die von entscheidender Bedeutung sind und in einer Redaktion Recherchierfieber auslösen müssten. Doch bis jetzt habe ich davon nicht viel bemerkt. Immerhin wurde mir im Tagi-Pflichtsujet, beim persönlichen Portrait, für dieses Thema den Titel "einsamer Rufer" verpasst, was ich treffend finde. Die NZZ hat diese Fragen schon früh thematisiert, vor allem in den Kommentaren aufgegriffen und sich als warnende Stimme gegen die drohende Schuldenwirtschaft positioniert.

Melden Sie sich jeweils bei den Redaktionen, wenn Sie sich unlauter behandelt fühlen?
Politiker sollten sich immer dann wehren, wenn Sie publizistisch unkorrekt behandelt werden. Bei handwerklichen Fehlern, also wenn z.B.  Zitate anders veröffentlicht werden, als sie freigegeben wurden, oder bei Fakten die ganz einfach falsch sind. Das ist für Aussenstehende nicht immer einfach herauszufinden und präzise zu orten. Ein sonst sehr gut dokumentierter Journalist schrieb beispielsweise in drei verschiedenen Artikeln, ich sei ein "entmachteter BaZ VR-Präsident". Nach dem dritten Mal habe ich ihn zum Kaffee eingeladen und nachgefragt, warum er diese Falschmeldung immer wieder abschreibe. Ein Blick ins Handelsregister hätte genügt, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Er entschuldigte sich für diesen Fauxpas. Aber weil in der SMD auch viele falsche Infos abgespeichert sind, werden wohl andere Kollegen wieder Falsches abschreiben, wenn sie es nicht selber recherchiert haben. Darum der Ratschlag an die Politik: nicht Schweigen aus Angst, sondern auf Korrektheit und wahrheitsgetreue Wiedergabe bestehen.

Wo intervenieren Sie am häufigsten?
Fehler kommen in allen Redaktionen vor, aber weil der Tagi im Stadtratswahlkampf gegenwärtig mehr über mich schreibt, passieren auch mehr Fehler, die ich in Regel umgehend moniere. Meistens entschuldigt sich der Redaktor dafür, und dann ist der Fall für mich erledigt.

In seinem Büro: Filippo Leutenegger sammelt Artikel und interveniert bei handwerklichen Fehlern.

Sie werben mit "Filippo – einer von uns". Haben Sie diesen Slogan selber erfunden?
Dieser Slogan entstand in einem Brainstorming mit Alexandra Heitzer vom Food-Festival "il Tavolo", die mich bei der Kommunikation unterstützt.

Originell ist er ja nicht.
Gute Kommunikation misst sich nicht an der Originalität, sondern am Ziel und an der Wirkung. Der Slogan entspricht meinem bisherigen politischen Engagement. Ich setze mich für verschiedene Anliegen und gesellschaftliche Gruppierungen ein und es entspricht meinem Alltag als geselliger Mensch. Zudem bewege ich mich auch gerne in sozialen Gruppen mit verschiedener Gesinnung oder aus unterschiedlichen Branchen. Ich war z.B. kürzlich erst am Filmfestival im Solothurn, was ja nicht gerade ein freisinniger Anlass ist. Dort, unter vielen Kollegen von früher, fühle ich mich genauso wohl, wie im freisinnigen Zirkel.

Wie viel kostet Ihre Kampagne? 
Konkrete Zahlen will ich aus grundsätzlichen Gründen keine nennen. Die Kosten sind auch dieses Mal tief, denn ich setze ja nur auf Plakate in der Stadt und auf Inserate in Quartierzeitungen, diese sind nicht so kostspielig.

Angenommen Sie werden gewählt: Bleiben Sie weiterhin Verwaltungsratspräsident der Basler Zeitung Medien?
Nein, sicher nicht. Die Sanierung ist zu einem grossen Teil abgeschlossen. Die Basler Zeitung Medien dürften dieses Jahr, dank der hervorragenden Leistung von Rolf Bollmann und seinem Team wieder schwarze Zahlen schreiben, den ich übrigens für diesen Sanierungsjob geholt habe. Meine Aufgabe ist auch mit der Sanierung der in Schieflage geratenen Pensionskassen, deren Präsident ich bin, weitgehend abgeschlossen.

Interview: Edith Hollenstein


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