28.08.2014

SSF

"Mittel- und langfristig ist das TV-Geschäft nicht unser Kernbusiness"

Das Sport-Szene-Fernsehen SSF setzt auf Randsportarten und Szene-Sendungen. Quoten und Marktanteile gibt es keine, da der Sender nicht mehr von der Publica Data gelistet wird. Trotzdem sei SSF "ein gesunder Sender, der schwarze Zahlen schreibt", erklärt Jean-Claude Bruhin, Programmleiter SSF und Geschäftsführer von WebComTV, der Betreiberfirma des Senders. Wie funktioniert das? persoenlich.com hat Bruhin in Winterthur getroffen und mit ihm über geplante Partnerschaften und den neuen Sender "Welt der Wunder" gesprochen, der voraussichtlich im Oktober an den Start geht.
SSF: "Mittel- und langfristig ist das TV-Geschäft nicht unser Kernbusiness"

Jean-Claude Bruhin, vor gut einem Jahr konnte SSF bekannt geben, doch nicht von der Bildfläche verschwinden zu müssen. Wie steht es momentan um den Sender? Ist das Überleben für die kommenden fünf Jahre gesichert?
In unserem Business von fünf Jahren zu sprechen, wäre sehr mutig (lacht). Wir haben den Sender von Grund auf neu aufgebaut und den Programmausbau Schritt für Schritt vorangetrieben. Es sind kleine, aber konsequente und kontinuierliche Schritte, so dass wir uns momentan als gesunden Sender geben, der schwarze Zahlen schreibt. Im Rahmen dieser Möglichkeiten betreiben wir unser Programm. Es kommen laufend neue Sendungen dazu. Zusätzlich zum Sport bietet das Szene-Fenster gewisse Experimentierfläche.

Werden die Nicht-Sport-Sendungen geschaut? Wie sehen die Quoten im Szene-Bereich aus?
Im normalen Programmmix zeigt SSF zwischen 66 und 75 Prozent Sport. Diese Zahl ist stark saisonabhängig. Vor der WM haben wir natürlich den Fussball gepusht. Montag und Dienstagabend sind wir im Szene-Bereich aktiv, Donnerstag wechselt sich Sport und Szene ab. Quoten sind kein Thema für uns, denn in der Publica Data sind wir nicht mehr gelistet. Wir haben andere Rückläufe, die wir messen.

Welche?
Unsere wichtigsten Partner im kommerziellen Bereich sind Anbieter, die direkten Response wollen. Seien das Abverkäufe oder die Telefonanrufe, die sie erhalten. Bei uns sind dies die Mehrwertdienste und Lebenshilfe. Solange diese glücklich sind und uns die Stange halten, kann der Sender nicht so schlecht performen. Zum anderen haben wir eine respektable Facebook-Gemeinde und last but not least verzeichnen wir in unserem Internetarchiv je nach Sendung erfreuliche Zugriffszahlen. Das alles zusammen gibt uns dann ungefähr ein Bild.

Wie finanziert sich der Sender?
Unsere wichtigsten Einnahmequellen sind ganz klar diese Mehrwertdienste und die Lebenshilfe-Sendungen, aber auch über klassisches Sponsoring.

Lässt sich beim SSF einfach Werbung verkaufen?
Die kommerzielle Fläche lässt sich verkaufen. In welcher Form dies geschieht, ist unterschiedlich. Im Moment haben wir sicherlich noch Potenzial im Bereich des Spot-Verkaufs. Aber dank ausgewogenem Haushaltumgang und der entsprechenden Infrastruktur, können wir den Sender in den schwarzen Zahlen halten.

Welche neuen Programmhighlights gibt es in den nächsten Monaten?
Ein wichtiges Thema ist "Welt der Wunder Schweiz", ein neuer Schweizer Sender, der voraussichtlich im Oktober aufgeschaltet wird. Wir haben seit Wochen intensive Gespräche geführt und planen einen gegenseitigen Programmaustausch. Vorgesehen ist ein Themenabend pro Woche mit spannenden Magazinbeiträgen. Zudem sind wir daran, mit den wichtigsten Lizenzpartnern wie IMG und Red Bull neue Packages zu schnüren. Auch den Bereich der Live-Sendungen werden wir ausbauen: Es wird Reitveranstaltungen zu sehen geben (CSI), aber auch weiterhin Handball und Volleyball. Bei Freestyle.ch kommt uns die enge Partnerschaft mit dem SRF entgegen. Immer wenn das Schweizer Fernsehen einen zeitlichen Engpass hat, springen wir ein und übernehmen. Umgekehrt nimmt SRF aber auch Content in seinem Programm auf, der von uns produziert wird.

Sie die Zusammenarbeit mit der SRG noch ausbauen und intensivieren. Was ist geplant?
Die Frage ist immer, wie stark diese Kooperation läuft. Wir haben Verträge über die komplementäre Programmverwertung im Sportbereich. Schön wäre es, wenn wir diese noch stärker spielen könnten, da gehören aber immer beide Seiten dazu. Wir haben immer noch freie Fenster und sind offen für alle Contents, die wir bekommen. Wir wollen aber auch nicht einfach im Seitenwagen der SRG mitfahren. Wir haben ganz klar eine eigene Strategie, wie wir mit Veranstaltern von Sportevents in Kontakt treten.

Welche Projekte laufen denn derzeit in Kooperation mit der SRG?
Freestyle.ch ist wie gesagt momentan im Gespräch. SRF wird die ganze Produktion stemmen und gewisse Live-Einschaltungen am Samstag machen. Am Sonntag würden dann wir zum Zuge kommen. Wenn es hierbei keine rechtlichen Einwände gibt – es sind ja auch noch andere Partner involviert – sieht es gut aus, dass wir in der Schweiz den Final am Sonntag live zeigen können. Jedes Jahr ist aber auch der Superbowl ein Highlight. Die SRG zeigt den Event im Tessin, stellt uns aber ihre Rechte und Signale für die Deutschschweiz zur Verfügung.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Kabelnetzbetreibern UPC Cablecom und Swisscom?
Diese Zusammenarbeit ist langfristig gesichert. Vor einem Jahr mussten ein paar Punkte sichergestellt werden: Neben der Finanzierung, dem technischen Playout ist die Sicherstellung der Verbreitung eigentlich der Kern gewesen. Wir konnten mit UPC Cablecom und der Swisscom die Verträge verlängern. Bei der Programmanpassung von UPC Cablecom sind wir nun im Bündel mit den Sportsendern drin, damit können wir gut leben.

Sie schreiben, dass Sie auf der Suche nach neuen Partnerschaften sind. Was ist im Busch?
WebComTV ist grundsätzlich eine Filmproduktionsfirma, unser Mutterhaus "Die Marketing Manufaktur" DMM eine 360-grad Marketingagentur. Von da her ist es eine spannende Herausforderung, einen eigenen TV-Sender als Plattform zu betreiben und nutzen zu können. Mittel- und langfristig ist das TV-Geschäft allerdings nicht unser Kernbusiness. Das soll es auch nicht sein. Aus diesem Grund haben wir begonnen, Partner zu suchen und haben mit der Filmproduktionsfirma Leguan, die stark in der Live-Sport-Berichterstattung ist, einen ersten solchen Partner gefunden. Sie haben sich mit einem tiefen zweistelligen Prozentanteil bei uns beteiligt. Momentan sind wir auf der Suche nach weiteren Partnern, wobei die Art der Zusammenarbeit sehr offen ist. Es kann gut sein, dass wir künftig den Sender als Auftrag weiterbetreiben, je nach dem, was allfällige Interessenten für Vorstellungen und Anforderungen haben. Wir haben den Medienfachmann Andy Lehmann damit beauftragt, sich im Markt umzuhören und Gespräche zu führen.

Wenn TV langfristig nicht ihr Kernbusiness ist, was dann?
Verschieden Projekte laufen, unter anderem digitale Magazine für diverse Kunden. Wir haben für rund 20 Kunden bereits solche produziert. Diese werden getextet, gestaltet und mit Filmcontent und Bildern angereichert. Wir haben den Vorteil, dass wir innerhalb der DMM sämtliche Zutaten selber produzieren können, was die Abläufe massiv vereinfacht.

Was erhoffen Sie sich durch die Partnerschaft mit der Produktionsfirma Leguan? 
Einerseits können wir durch die Zusammenarbeit von einem Innovationsschub im Bereich der Technik profitieren. Leguan ist ein führendes Unternehmen in diesem Bereich und uns von der Philosophie her sehr nahe. Leguan ist im Sportbereich selber aktiv, sie produzieren beispielsweise den Freeski Final auf dem Corvatsch und diverse Handballspiele wie Cupfinals, Playoff-Final und auch die Länderspiele der Schweizer Nationalmannschaft.

Im letzten November haben Sie Vlog, eine Plattform für Videoblogger lanciert. Wie rege wird diese genutzt?
Vlog ist ein internes Produkt, welches von unseren eigenen Mitarbeitern entwickelt wurde. Hier geht es um Community Generated Content: Die Idee ist, dass man auf der einen Seite eine Community hat, die Filme produziert und einem breiteren Publikum zugänglich machen will. Andererseits können sich aber auch Veranstalter von Events oder sonstige Interessenten, die Aufträge zu vergeben haben, melden und über Vlog einen Bericht zum Anlass erstellen und verbreiten. Wir stellen die produzierten Beiträge ins Internet, zeigen eine ausgewählte Anzahl in der Vlog-Sendung dann auch über den Sender. Die Community ist momentan noch überschaubar. Es sind ca. 50 Vlogger dabei, daraus machen wir aber alle zwei Wochen eine 24-minütige Sendung. Die Community wächst aber und ist aktiv, es gibt immer wieder Treffen untereinander.

Sind weitere vergleichbare Projekte in Planung?
Wir sehen uns als Ideen-Fabrik, es werden ständig neue Projekte entwickelt. Zurzeit möchte ich aber nicht mehr verraten.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie eigentlich?
Rund fünf Mitarbeiter sind exklusiv für SSF zuständig. WebComTV, die Betreiberin vom SSF, hat insgesamt 15 Mitarbeiter. Darunter gibt es Personen, die redaktionell und technisch nur für den SSF arbeiten. Es gibt aber auch die Produktionsleute, die für den SSF arbeiten, Trailer herstellen, Talks aufzeichnen, aber eigentlich der WebComTV zugeordnet sind. Wir profitieren stark von den Synergien.

Sie haben von Philip Michel die Programmleitung von SSF übernommen, sind gleichzeitig aber auch Geschäftsführer der WebComTV. Welche neuen Inputs werden Sie bringen?
Wir haben schon immer eng zusammengearbeitet - Michel war mein Stellvertreter - daher ist mir das Thema bestens bekannt. Beim SSF verfügen wir über ein eingespieltes Team und werden seinen Posten momentan nicht neu besetzen. Den eingeschlagenen Weg werden wir weiterhin konsequent verfolgen. Meine Inputs sind meine Erfahrungen beim Privatfernsehen – ich bin seit der Liberalisierung des RTVG im Jahre 1994 in verschiedenen Funktionen bei privaten TV-Sendern dabei und kann mich auf ein breites Netzwerk abstützen.

Wie setzen Sie Ihre persönlichen Ziele?
Der Fokus ist einerseits darauf gerichtet, weiterhin attraktive Live-Sendungen im Sportbereich anzubieten. Es finden aber auch interessante Gespräche aus Ecken statt, die nicht direkt mit dem Sport in Zusammenhang stehen. So sind wir zur Zeit daran, die 2. Staffel der Schweizer Satiresendung "Bild mit Ton" zu realisieren. Und diese wird noch "schräger" und politisch unkorrekter wie die Erste. Und dann wollen wir den Sender kontinuierlich mit neuen Sportsendungen anreichern, die es sonst nirgends zu sehen gibt. Aber das grösste Ziel bleibt, den Sender weiterhin so kostendeckend zu halten. Mäzenentum gibt es bei uns keines.

Interview: Marco Lüthi; Bilder: zVg. 


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