20.02.2018

No Billag

Olivier Kessler und BaZ streiten um Interview

Der No-Billag-Initiant habe Antworten «komplett umgeschrieben» und mehrere Fragen gestrichen, berichtete die «Basler Zeitung» am Dienstag. Nun wehrt sich Olivier Kessler. Und die Journalisten antworten mit der Offenlegung des gesamten Mailverkehrs.
No Billag: Olivier Kessler und BaZ streiten um Interview
Olivier Kessler, Mitinitiant von «No-Billag» beim Interview mit persoenlich.com im Februar 2017. (Bild: Archiv)
von Michèle Widmer

Eigentlich wollte die «Basler Zeitung» ein Interview mit Olivier Kessler drucken. Was die Zeitung am Dienstag veröffentlichte, ist eine Mischung zwischen Porträt und Erlebnisbericht. Denn sie darf das Gespräch in der geführten Form nicht drucken, wie die Redaktoren im Artikel mit dem Titel «No Interview» schreiben. Eine Stunde lang haben Christoph Hirter und Michael Surber mit dem No-Billag-Initianten gesprochen – im Hotel Hyatt in Zürich. Das Gespräch sei «launig und nie langweilig» gewesen, schreiben die beiden. Kessler habe druckreife Sätze von sich gegeben und sei stets um Differenzierung bemüht gewesen.

Nach dem Interview habe man sich mit «einem freundlichen Händeschlag» verabschiedet, das weitere Vorgehen schien geklärt. Zum Bruch kam es erst später, wie die Journalisten beschreiben. So habe sich Kessler beim Gegenlesen «viele Freiheiten» genommen. Sprich: «Er hat das Interview komplett umgeschrieben.» In der Lobby des Hyatts habe er klare Ansagen gemacht – seine überarbeiteten Antworten könnten aus einem innerstädtischen PR-Büro stammen. «Nicht nur die etwas pikanteren Passagen waren neu formuliert, er strich auch die Fragen zu seiner politischen Sozialisierung», halten die Journalisten fest. Damit habe er das Prinzip eines Interviews ausgehebelt.

Vom Beitrag «überrascht»

Kessler selbst sieht das anders. Auf Anfrage von persoenlich.com macht er auf einen Beitrag auf seiner Webseite in der Sache aufmerksam. 

Im BaZ-Artikel würden «Halbwahrheiten und Unwahrheiten» über ihn verbreitet, schreibt er dort. Mit der Interviewversion der Journalisten sei er «nicht gerade glücklich» gewesen. Unzufrieden war Kessler vor allem wegen der «Formulierung der Antworten». Diese erschienen ihm «zu wenig verständlich und argumentativ noch zu wenig schlüssig». Dass er eine Frage ganz gestrichen habe, sei lediglich ein Vorschlag gewesen, wie man das Interview kürzen könnte. 

Zudem war es laut Kessler nicht er, sondern die BaZ-Redaktoren, welche den E-Mail-Kontakt abgebrochen hätten. Auf ein Mail, worin er nach wie vor sein Interesse am Interview bekundet habe und sich für weitere Fragen zur Verfügung stellte, habe er keine Antwort mehr erhalten. Fünf Tage später sei er schliesslich vom veröffentlichten Beitrag «überrascht worden». 

BaZ gewährt Einsicht in Mailverkehr

Die BaZ-Journalisten Michael Surber und Christoph Hirter wollen sich auf Anfrage nicht äussern, gewähren persoenlich.com aus Transparenzgründen jedoch Einsicht in den vollständigen Mailverkehr mit Olivier Kessler. Dieser gibt Aufschluss darüber, in welchem Ausmass Kessler interveniert hat, inwieweit die Journalisten ihm entgegengekommen sind. Zudem haben sie ihn über eine mögliche Berichterstattung abgesehen vom Interview informiert. 

So schreibt Kessler im Mail mit den Interviewkorrekturen, dass er «2 bis 3 aufeinanderfolgende Fragen weggelassen» habe, die aufgrund der Änderungen nicht mehr in den «Flow» des Interviews gepasst hätten. Daraufhin machen die beiden Journalisten Kessler klar, dass sie «diese Version nicht akzeptieren» können. Allerdings schicken die Redaktoren ihm eine Kompromissfassung, wobei sie laut eigenen Angaben Dreiviertel seiner Änderungen berücksichtigen. Dennoch zieht Kessler das Interview darauffolgend zurück. «Sollten Sie an dieser Version festhalten wollen, erteile ich Ihnen keine Erlaubnis, dieses Interview zu veröffentlichen», schreibt er im Mail, das persoenlich.com vorliegt. Im nachfolgenden Mail bestätigen die Journalisten Kessler, dass das Interview nicht in der BaZ erscheinen wird.

Wenige Interviews

Kesslers Beziehung zu den Medien ist ambivalent. Anfang Februar machte er in einem Auftritt bei der «Arena» von sich reden. Kurz vor Aufzeichnung der Sendung kam es zum Eklat, weil er Bundesrätin Doris Leuthard selbst interviewen wollte. Moderator Jonas Projer sei als SRF-Mitarbeiter nicht unabhängig (persoenlich.com berichtete).

Kessler ist nicht oft am Bildschirm zu sehen und er gibt wenige Interviews. Im Dezember sprach er mit dem «Blick». persoenlich.com gab der 31-Jährige vor einem Jahr ein Interview.

 



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Kommentare

  • Matthias Giger, 26.02.2018 08:37 Uhr
    Gut gemacht. Ich bewundere den Mut von Herr Kessler, sich mit dem bisschen Medienkompetenz vor den No-Billag Karren zu spannen.
  • Ruedi Stricker, 24.02.2018 11:09 Uhr
    @Herr Custer, ich habe seit 20 Jahren keinen Fernseher mehr und leide darunter, dass ich bei Dschungelcamp, Kilchperger und Fussball grosse Defizite kumuliert habe. Ganz anders bei politischen Sachthemen; hier gewinne ich häufig den Eindruck, meine Gesprächspartner seien teilweise recht einseitig informiert, zum Beispiel wenn es um den rechtlichen Rahmen im Bereich von staatlichen Leistungen und deren Finanzierung über Gebühren oder Steuern geht.
  • Ueli Custer, 23.02.2018 14:46 Uhr
    Oliver Brunner: Die Schweiz hat es ja auch schon gegeben, als es noch keinen Strom, keine Autos und keine Eisenbahnen gab. Dann braucht es das alles ja heute auch nicht, oder?
  • Oliver Brunner, 22.02.2018 09:56 Uhr
    @Benz Zeller. ehrlich: ...mit seiner schrägen No-Billag-Initiative nicht nur das Funktionieren unserer Demokratie abschaffen... glauben sie das. Victor Giaccobo, Patrizia Läri und A. Honegger als Säulen unserer Demokratie. Wo war die SRG genau, als 1848 die moderne Schweiz etabliert wurde. Auch 2048 wird die SRG nur eine Fussnote der Mediengschichte sein, und die Demokratie weiter funktionieren.
  • Luki Frieden, 21.02.2018 17:27 Uhr
    Ach, Roger Doelly. Ich hab nur mein Bildchen auf der "Sendeschluss? Nein" Homepage hochgeladen mit ein paar Sätzen, warum ich die Initiative ablehne. Kann übrigens jede und jeder, ohne, dass man gleich zur "elitären Besserwisser-Truppe" gehört. Ich weiss, was ich will, und das ist NEIN stimmen. Ob ich deshalb gleich ein Besserwisser bin?- Wenn ich's mir aber überlege, so gehöre ich lieber zur "elitären Besserwisser-Truppe" als zur "uninformierten Nichtwisser-Truppe". Cheerio;-)
  • Roger Doelly, 21.02.2018 14:58 Uhr
    Filmregisseur Luki Frieden gehört übrigens zur elitären Besserwisser-Truppe «Sendeschluss? Nein». Diese No-Billag-Gegner sehen ohne die SRG den nationalen Zusammenhalt in Gefahr. Völlig frei von Ironie versteht sich.
  • Luki Frieden, 21.02.2018 10:34 Uhr
    Lieber Ueli Custer, mein Text ist ironisch. Dass sich Herr Kessler sogar mit der ihm wohlgesinnten BaZ verkracht, zeigt doch, dass er eben genau KEINE Ahnung von Journalismus, respektive Demokratie und freien Medien, hat. ;-) - Hoch peinlich, wie er sich selber ständig blossstellt, der Herr Kessler.
  • Ueli Custer, 21.02.2018 08:56 Uhr
    Luki Frieden scheint den Beitrag nicht gelesen zu haben. Wenn Herr Kesser sogar mit der ihm tendenziell wohlgesinnten BaZ Probleme bekommt, dann weiss er ganz offensichtlich nicht, wie Journalismus funktioniert. In diesem Sinn ist Beni Zeller eindeutig zuzustimmen. Und die BaZ ist zu beglückwünschen, dass sie so konsequent gehandelt hat obwohl ihr Chefredaktor grosse Sympathien für die Initiative hat. Chapeau!
  • Luki Frieden, 20.02.2018 20:08 Uhr
    Ich finde es demokratisch, dass auch ein Herr Kessler das Recht hat, sich selber in der Öffentlichkeit blosszustellen. Und er macht das richtig gut und konsequent. Sei es vor und während der Arena Sendung, sei es jetzt wieder mit viel Elan in der ihm wohlgesinnten BaZ.
  • Beni Zeller, 20.02.2018 15:24 Uhr
    Olivier Kessler will mit seiner schrägen No-Billag-Initiative nicht nur das Funktionieren unserer Demokratie abschaffen, sondern er zeigt mit seinem Verhalten auch, dass er mit Demokratie nicht umgehen kann, wohl nicht gelernt hat, wie Demokratie funktioniert. Zu hoffen ist, dass der 31-jährige nicht der Prototyp einer neuen, irrlichternden Generation ist, von denen sich viele nur noch via Social Media und 20-Minuten informieren. Ich selber gehöre zwar auch zu dieser Generation, doch ich mache mir manchmal Sorgen, wie schlecht vieler Leute meiner Generation informiert sind, resp. desinformiert sind (Stichworte: Fake-News, Filter-Bubble etc). Dies, obwohl es noch nie so viele Informationsanbieter gibt wie heute. Trotzdem bin ich überzeugt, dass die Mehrheit der Schweizer/innen die No-Billag-Intitative bachab schicken wird und Olivier Kessler als einer in Erinnerung bleiben wird, der sich selber schlussendlich doch nur lächerlich gemacht hat. In all seinen Interviews (oder eben "nicht"-Interviews) desavouiert er sich gleich selber. Das schräge an unserer Demokratie ist, dass es solche Initiativen schaffen, zur Abstimmung zu kommen. Das starke an unserer Demokratie ist, dass das Volk sehr oft viel Vernunft an den Tag bringt, und meistens "richtig" abstimmen. Das wird auch diesmal der Fall sein.
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