10.08.2010

"Willisauer Bote"

Parodie auf die Zeitungslandschaft

Aussergewöhnlich Sommerserie.

Kaum mehr wiedererkannt haben die Leser und Leserinnen des "Willisauer Boten" (WB) in den letzten Wochen ihr Leibblatt. Dieses ging nämlich fremd und parodierte bekannte Schweizer Printmedien. Mit durchschlagendem Erfolg. Ein Leser des "Bötu", wie er in Willisau genannt wird, erkannte seine Zeitung nicht wieder und warf die vermeintliche "Schweizer Illustrierte" in den Papierkorb. Dafür reklamierte er beim Verlag, weil er den WB nicht erhalten habe. Dort klärte man ihn über seinen Irrtum auf und empfahl ihm, noch einmal einen genauen Blick auf die "Schweizer Simulierte" zu werfen.

Seit Jahren beschert der WB seiner Leserschaft jeweils eine Sommerserie. Mal wurden die Grenzen des Amtes abgelaufen oder Mitarbeiter wurden mit 50 Franken auf die Piste geschickt und berichteten darüber. Die TV-Serie "Big Brother" konterte man in Willisau mit "Big Sister".

So aufwendig und spektakulär wie in diesem Jahr waren die Sommerserien aber bisher nicht. Sechs Ausgaben des WB erschienen jeweils in der Gestaltung einer anderen Zeitung. Neben der Frontseite mit leicht abgeändertem Titel wurden auch die zweite und dritte Seite in Layout und Jargon dem parodierten Medium angepasst. Den Auftakt machte am 23. Juli die "Schweizer Simulierte" inklusive Vergabe von "Rose" und "Kaktus". Es folgten "50 Minuten", "Bleck" (mit Girl auf Seite 1), "annabella", "Die Napfwoche" und - zum Abschluss am 10. August - "Tiernapf".

"Es ist die pure Lust, die uns antreibt", schrieb WB-Chefredaktor Stefan Calivers in einem Leitartikel zur Sommerserie. "Die Lust auf fette Schlagzeilen und schlanke Promis. Die Lust auf grosse Bilder und kleine Texte. Die Lust auf geschmeidige Büsis und pralle Busen. Die Lust auf einseitige Analysen und zweideutige Annoncen..."

Die Serie sei zwar mit Mehraufwand verbunden gewesen, so Stefan Calivers gegenüber der Nachrichtenagentur SDA, dieser sei aber nicht grösser gewesen als für die anderen Sommerserien. Der Layouter freilich habe jeweils eine Zusatzschicht einlegen müssen, aber er habe das mit Begeisterung getan. Die Resonanz war durchschlagend. Noch nie habe eine Serie so grosses Echo ausgelöst, sagt Calivers. Und zwar überwiegend positiv. Überall und immer wieder werde er darauf angesprochen. Rechtliche Schritte von seiten der parodierten Medien habe man, nach Rücksprache mit dem Hausanwalt, nicht befürchtet. Sie blieben denn auch aus.

Bloss ein Kioskbetreiber hatte ob der "20 Minuten"-Parodie wohl gemischte Gefühle. Die vermeintliche Gratiszeitung wurde ihm nämlich vom Stand "gestohlen". Was immerhin für die Qualität der Zeitungs-Kopierer vom WB spricht. (sda)


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