15.05.2006

Kommentar

"Radiodoktor" Fasnacht zu seiner Entlassung

"Unverständlicher Gesinnungswandel".

"'Jetzt wollen sie mir doch meinen Radiodoktor wegnehmen!', das war die allererste Klage der älteren Patientin, als ich sie gestern notfallmässig wegen eines Sturzes zu Hause besuchte, obwohl ihre Hüftschmerzen fast unerträglich sein mussten. Die überwältigende Reaktion von Zuhörerinnen und Zuhörern mit unzähligen Briefen, Telefonaten und Mails, welche meine Mailbox schier zum Überlaufen brachten, widerspiegelte ähnlich grosse Betroffenheit und Unverständnis für die fristlose 'Kündigung' ihres Radiodoktors. Offenbar entwickelte sich in den fast fünf Jahren Radioarbeit mit gegen hundert Beiträgen für viele Hörer eine sehr persönliche Arzt-Patienten-Beziehung.

Die Ratgebersendung sollte als bewusster Kontrapunkt zu gewissen allzu abgehobenen Fernsehsendungen die allgemein interessierenden Gesundheitsfragen thematisieren. Verständlich, praktisch und immer auch mit einem Augenzwinkern. Die vielen positiven Rückmeldungen in all den Jahren zeigten, dass diese unterhaltsame Art von medizinischer Information den Leuten gefiel. Ein unproblematisches Konzept mit einer klar abgegrenzten Thematik, möchte man meinen. So war ich letzten Herbst doch sehr überrascht und konsterniert, als man mich von verantwortlicher Seite des Radio DRS 1 anwies, dass ich mich als Radiodoktor in meiner Funktion als Co-Präsident der Oppositionsgruppe gegen eine Atommülldeponie 'KLAR' öffentlich nicht mehr äussern dürfe.

Es war eine Frage meiner eigenen Glaubwürdigkeit und meines Verständnisses für das demokratische Recht auf freie Meinungsäusserung, dass mir dieser Maulkorb nicht passen konnte. Der Entscheid zu meiner fristlosen Entlassung am 3. 5. 2006 als Radiodoktor -- ein Arbeitsvertrag bestand nie -- wurde damit begründet, dass zu vermuten sei, dass ich 'als bekannter Ratgeber-Arzt auch politisch profitieren könnte'. Gleichzeitig wurde mir attestiert, dass ich in all meinen Sendungen nie politisch agiert hätte und auch nie Klagen diesbezüglich eingegangen seien. Was hat zu diesem überraschenden Gesinnungswandel des Programmverantwortlichen geführt?

Es ist allgemein bekannt, dass ich seit über zehn Jahren das Projekt einer Atommülldeponie im Zürcher Weinland an vorderster Front kritisch hinterfrage. Was das Radio DRS bei meinem Engagement wusste und was nie bemängelt wurde. Denn es war für mich keine Frage, dass die Aufgabe als Radiodoktor von meiner politischen Einstellung klar getrennt bleiben musste. Ich verstand mich in meiner Rolle als Radioratgeber immer als medialen Hausarzt, der ausschliesslich auf die Nöte und Bedürfnisse seines Patienten respektive seiner Zuhörerinnen und Zuhörer eingeht. In dieser sehr persönlichen Beziehung ist nicht Politik gefragt. Wenn ich Profil zeige, sei es als besorgter Bürger in der Frage des Atommüllproblems, als politisch engagierter Hausarzt in Sorge um unseren Ärztenachwuchs, als Organisator für Unicef-Veranstaltungen und Kongresse oder seit fast 20 Jahren als Mannschaftsarzt der Kadetten Schaffhausen, so tat und tue ich es mit Herz und Seele.

Das Signal von Radio DRS 1 ist fatal und deckt sich in keiner Weise mit dem hehren publizistischen Leitbild von SR DRS. Mit meiner präventiven Entlassung bevormundet man zudem die Zuhörer: Denn sie haben ungefragt und unter nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen 'ihren Radiodoktor' verloren. Es ist auch ein Zeichen für den Verlust des Realitätsbezugs zum wirklichen Leben in unserer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft, auf die ich stolz bin. In der freie Meinungsäusserung gilt und die mündigen Bürger damit auch verantwortungsvoll umgehen können.

Vor allem stehen aber die Unabhängigkeit und die Glaubwürdigkeit unserer öffentlich-rechtlichen Medien auf dem Prüfstand. Wird der Radiodoktor mit den gleichen Ellen wie der nachweisbar überaus fürstlich gesponserte Fernsehdoktor gemessen? Und gab es da vielleicht doch Druckversuche, um den kritischen Radiodoktor zu entfernen, wie es in vielen Zuschriften vermutet wird? Une affaire à suivre."


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