13.11.2006

"Ringier hat im Osten alle entscheidenden Schlachten gewonnen"

Thomas Trüb, Konzernleitungsmitglied von Ringier, gibt Vollgas. Der gebürtige Luzerner mit drei festen Wohnsitzen hat in der Schweiz soeben die Gratiszeitung Cash daily mitinitiiert, die restliche Zeit verbringt er in China und Vietnam, wo er die Auslandspublikationen des grössten Schweizer Verlags betreut. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen -- trotzdem lautet seine Lebensdevise immer noch: "Je schwieriger, desto spannender". Ein Interview-Ausschnitt aus "persönlich rot":
"Ringier hat im Osten alle entscheidenden Schlachten gewonnen"

Herr Trüb, Ringier erzielt einen grossen Anteil der Einnahmen in Osteuropa. In welchem Land war am schwierigsten, Fuss zu fassen?

Jedes Land stellte andere Anforderung. Meine Devise lautet, je schwieriger, desto spannender. Kaum hatten wir mit unserer Auslandsstrategie erstmals richtig Erfolg, begannen auch die Probleme. Sobald sich diese auf mehrere Länder verteilen, wird es kritisch. Es gab Zeiten, in denen ich mich mehr in der Luft als auf dem Boden befand. So absolvierte ich innerhalb eines Jahres 230 Flüge. Anfangs hatten wir eine fliegende Eingreiftruppe, die -- sobald Schwierigkeiten auftauchten -- aus der Schweiz heraus operierte. 1997 ging das Ganze in geordnetere Bahnen über, als der spätere Tamedia-CEO Martin Kall die Leitung des Auslandsgeschäfts übernahm.

Martin Kall gilt als Ihr Gegentyp.

Kall ist ein hervorragender Manager, ich bin eher der kreative Macher. Mit Kall begann die Strukturierung des Auslandsgeschäfts. Dessen Nachfolgerin Silvia Lepiarczyk führte das Ganze schlussendlich zum Erfolg.

Wie muss man sich die Konkurrenzsituation mit anderen Verlagshäusern wie beispielsweise dem Springer-Verlag vorstellen?

Das Klima im Osten ist eindeutig viel aggressiver als in Mitteleuropa. Hierzulande herrschen fast schon idyllische Verhältnisse. Wagt ein Verlagshaus, einem anderen unter dem Hag durchzufressen, wird es sogleich zurückgepfiffen. Im Osten hingegen spielt die Konkurrenz voll. Viele Entscheidungen sind irrational. Regelmässig vor Wahlen tauchen neue Titel auf, die mit sehr viel Geld und politischem Know-how ausgestattet sind. Damit versucht man die Bevölkerung zu beeinflussen. Kaum sind die Wahlen vorbei, verschwinden diese Publikationen wieder in der Versenkung. Auch mit Grossverlagen wie Springer haben wir einige Kämpfe ausgefochten. Der Ringier-Verlag hat dabei aber alle entscheidenden Schlachten gewonnen.

Schlachten?

Sobald im Osten etwas funktioniert, wird es sogleich kopiert. Dies führt zu regelmässigen Abwehrkämpfen. Wenn man eine Boulevardzeitung hat, setzt man eine andere dagegen. Manchmal erfolgen die Angriffe aber auch über Drittpersonen. Zu den Anfangszeiten war es noch viel beschaulicher. Meine Nachfolgerin Silvia Lepiarczyk wurde mit schöner Regelmässigkeit von der Konkurrenz attackiert, ging aber -- wie gesagt -- immer als Siegerin vom Platz.

Was ist dann im Osten matchentscheidend: das Publizistische, das Marketing oder der Vertrieb?

Eindeutig das Publizistische. Unsere Spezialität sind die Boulevardzeitungen. In allen Ostländern ausser der Ukraine, wo wir erst gestartet sind, sind wir mittlerweile die Nummer eins. Wenn man über solche Leuchttürme verfügt, ist es einfacher, Nachfolgeprodukte aufzubauen. Wir sind nun bereits seit 16 Jahren im Osten und verfügen inzwischen über einen hochprofessionellen Apparat. Mittlerweile ist es für Aussenstehende auch mit grösseren finanziellen Anstrengungen sehr schwierig, uns vom Markt zu verdrängen.

Seit 14 Jahren sind Sie auch noch in Vietnam und China tätig. Wodurch unterscheidet sich der pazifische Raum von Osteuropa?

Im Fernen Osten stellen sich viel grössere Schwierigkeiten als in Osteuropa. Wer in Ungarn eine Zeitung gründen will, kann sofort starten. In China und Vietnam dürfen private Verleger immer noch keine eigene Zeitung besitzen, sondern müssen komplizierte Kooperationen eingehen. Dies ist sehr mühsam. Zudem fehlt auch die Rechtssicherheit, wodurch man bei Investitionen sogleich viel vorsichtiger wird.

Es ergeben sich also nur Nachteile?

Nein, überhaupt nicht. Das Asien-Geschäft in Vietnam und China gibt uns einen Riesenkick, da wir Akteure in neuen, boomenden Märkten sind. Daneben gibt es auch noch die emotionale Komponente: Asien haben wir in unser Herz geschlossen.

Was publizieren Sie in China?

In China beschäftigen wir mittlerweile 650 Personen, wovon 250 in Druckereien arbeiten. Neben 25 Fachzeitschriften geben wir in Peking und Shanghai die beiden führenden Cityguides heraus und verlegen zusätzlich ein Kochmagazin mit TV-Sendung sowie ein englischsprachiges Wirtschaftsmagazin.

China wird immer mit Korruption in Verbindung gebracht. Inwiefern spielt dies in Ihrem Geschäft eine Rolle?

Da wir selber nicht mit den Behörden, sondern mit einem chinesischen Partner kooperieren, der uns die fehlenden Bewilligungen und Verträge besorgt, sind wir auch nicht korruptionsanfällig. Was aber innerchinesisch passiert, wissen wir nicht. Andererseits hat in China die Pflege der persönlichen Beziehung eine sehr grosse Tradition. Dieser komme ich bei gutem Essen und Trinken selbstverständlich gerne nach.

Was kann Gerhard Schröder in diesem Bereich bewirken?

Sehr viel. Im Frühling hat unser Verwaltungsrat in China getagt. Zuvor habe ich mit Gerhard Schröder und Michael Ringier Vietnam und China besucht. Schröder ist nicht nur ein wunderbarer und inspirierender Gesprächspartner, sondern auch ein hervorragender Türöffner. Dies schafft uns zusätzliche Optionen.


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen
Neue Podcast-Folge: Jetzt reinhören