11.11.2015

SRF

Ruedi Matters "Sowohl-als-auch-Strategie" bei "Hallo SRF!"

Medienkritik im eigenen Haus und sogar live: Am Mittwochabend fand der grosse Showdown bei SRF statt. In einer 45-minütigen Sendung löcherte "Arena"-Moderator Jonas Projer seinen Chef. Bei welchen Fragen hat SRF-Direktor Ruedi Matter alt ausgesehen? Und ist es ihm gelungen, sich diplomatisch und nahbar zu zeigen? Ein Augenschein hinter den Kulissen von "Hallo SRF" im Leutschenbach.
SRF: Ruedi Matters "Sowohl-als-auch-Strategie" bei "Hallo SRF!"

1. Wie angespannt war die Stimmung beim SRF?
Mindestens 9 auf einer Skala von 10. "Hallo SRF!" scheint schon seit Wochen Gesprächsthema Nummer Eins im Leutschenbach gewesen zu sein. Wie wird der nicht unbedingt für volksnahe Kommunikation bekannte SRF-Chef Ruedi Matter seine Aufgabe meistern? Welches sind die giftigsten Fragen aus dem Publikum? Wird es Sendungen oder einzelne Moderatoren geben, die besonders unter die Räder kommen? Auch bei den rund 250 Gästen im eigens aufgebauten Studio und im "Greenroom", wo Journalisten die Sendung live mitverfolgen konnten, ist die Anspannung vor Sendestart deutlich spürbar.

Um 20.06 Uhr geht es los. Und Projer stellt die erste der eingegangenen rund 6'000 Zuschauer-Fragen. Es geht um Werbung: "Warum hat SRF Unterbrecherwerbung zwischen Tagesschau und Meteo, anders als in Deutschland oder Österreich?".

 

2. Welche Kommunikationsstrategie hatte sich Ruedi Matter zurecht gelegt und wie gut konnte er diese umsetzen?
Gross vorbereiten konnte sich Ruedi Matter nicht. Einzig: Er trainierte die Live-Situation zusammen mit dem Kommunikationsteam von SRF. Zudem ackerte er sich durch Dossiers zu Reizthemen wie Sendungskosten, Gebühren oder Service-Public. Schon bei der ersten Antwort wird deutlich, was sich Matter für die Sendung vorgenommen hatte: Die "Sowohl-als-auch-Strategie", sprich Verständnis für die Anliegen des Publikums zeigen und das Verhalten von SRF schlüssig erklären.

Dies zeigte sich an Sätzen wie "diese Frage betrifft sehr viele Leute in diesem Land …", "klar haben Landeskirchen grösseres Gewicht, aber freidenkende kommen etwa in der Sternstunde zu Wort" oder "ich sehe das Problem, aber Werbung ist vertraglich vereinbart …". Zudem gibt er sich demütig, zum Beispiel als er zugibt: "Es passieren in unserem Haus auch Fehler, nämlich dann, wenn ein 'Tatort'-Trailer vor dem 'Guet-Nachtgeschichtli' läuft".

Matter gelingt es locker zu bleiben, zumindest bis zum Zeitpunkt, als ein Zuschauer im Studio Kritik am Setting der laufenden Sendung äussert. Er wirkte insgesamt verständnisvoller und publikumsnaher als erwartet und konnte den Grossteil der Fragen zufriedenstellend beantworten.

 

3. Hat Jonas Projer die wirklich harten Fragen ausgesucht?
Projer stand nicht wie etwa von blick.ch befürchtet auf der Seite Matters. Der "Arena"-Moderator formulierte Zuschauerfragen um oder forderte konkrete Antworten ein. Er schaffte es jedoch nicht, die interessantesten, konstruktivsten Inputs während der Sendung anzusprechen, sondern sie kamen erst im anschliessenden Livestream auf srf.ch zur Sprache: die Sparmassnahmen, das Musik-Konzept bei den Radiosendern, die Unterhaltung als Service-Public und das zu karge Kinderprogramm.

Zur Auswahl der Fragen sagt Projer: "Ein Grossteil, resp. über 80 Prozent der rund 6‘000 eingegangenen Zuschauerfragen behandeln die Themen Verständlichkeit/Sprache, Werbung, Sport und Gewaltszenen im TV. Erstaunlich wenige hingegen betreffen die Billag oder die Service-Public-Diskussion. Weil wir diese öffentlich sehr kontrovers diskutierten Themen in 'Hallo SRF!' auch ansprechen wollten, berücksichtigten wir sie weit überproportional“, so der Moderator im Anschluss an die Sendung im Gespräch mit persoenlich.com.

 

4. Was taugt dieses Konzept? 
Loben wollen wir an dieser Stelle, dass Ruedi Matter tatsächlich spontan antwortete, weil er die Fragen im Vorfeld nicht kannte. Dies im Gegensatz zum vergleichbaren deutschen Format "ARD-check Die Sendung", bei dem die beiden ARD-Intendanten vorher informiert wurden. "Hallo SRF!" ist kein weichgespültes PR-Interview. Und die Tatsache, dass sich das öffentlich-rechtliche Unternehmen jetzt wieder ein selbstkritisches Format leistet, zeigt, dass das knappe Ja zum RTVG das Kader im Leutschenbach wachgerüttelt hat. In der bevorstehenden Debatte um den künftigen Service Public will man sich publikumsnäher geben und das Image offensiv verbessern. 

Seine Ziele erreicht "Hallo SRF!" aber nicht dann, wenn der Radio- und TV-Chef während der Livesendung alle Fragen souverän beantwortet. Wichtig ist vielmehr, dass die Interaktion mit dem Publikum interne Diskussionen über Selektionskriterien, Handwerk, massvollen Ressourcen-Einsatz, Junge als Zielgruppe oder Staats- und Wirtschaftsnähe anregt.

Nun braucht SRF nur noch eine Strategie dafür, wie diese selbstkritische Auseinandersetzung in einem ständigen Format nachhaltig weitergeführt werden kann. Und wie daraus Konsequenzen gezogen werden.

 

 


Fehlkonstruktion des Studios: Um den Gesprächslärm der telefonierenden SRF-Moderatoren abzuschirmen, hätten die Verantwortlichen eine Glaswand installieren müssen.

 

250 Gäste verfolgten die Sendung im Studio; nur wenige konnten eine Frage stellen.

 

Die Journalisten verfolgten die Sendung im "Greenroom".

 

Ruedi Matter stellt sich den Fragen des Publikums, auch beim Apéro im Anschluss an die Sendung...

 

... ebenso Moderator Nik Hartmann.

 

"Inhouse-Interview": Radio SRF 1 befragt den "Hallo SRF!"-Moderator Jonas Projer nach Sendeschluss.

 

Text und Bilder: Edith Hollenstein, drei Bilder oben: SRF



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