Vor einigen Wochen, im Vorfeld der vorgezogenen Parlamentswahlen in Serbien, eröffnete Zoran Kesic, der bekannte Moderator einer beliebten Satiresendung, sein Programm mit einer unmissverständlichen Warnung: «Diese Wahlen entscheiden darüber, ob unsere Kinder hierbleiben werden.»
Bei der Wahl am Sonntag tritt die Serbische Fortschrittspartei (SNS) des ehemaligen Präsidenten Aleksandar Vucic gegen eine Studentenbewegung an. Diese hat sich im Verlauf von fast zwei Jahren voller Proteste zu einer politischen Kraft entwickelt, die nun vor ihrer ersten Bewährungsprobe an der Wahlurne steht.
Inzwischen wurde die Sendung «24 Minuten mit Zoran Kesic» aus dem Programm genommen, offiziell aus «geschäftlichen Gründen».
«Es erscheint mir absurd, dass eine der beliebtesten Sendungen Serbiens keinen Platz im Fernsehen hat», sagte der auch in anderen Balkanländern sehr bekannte serbische Journalist der Nachrichtenagentur AFP. «Wir wissen, dass die Machthaber jede kritische Stimme zum Schweigen bringen wollen», sagt Kesic weiter. Seine bissige politische Kritik verbreitet er inzwischen auf YouTube.
Sein Beispiel verdeutlicht, was Medienbeobachter seit Jahren kritisieren: Unabhängige Stimmen werden verdrängt, während regierungsfreundliche Inhalte immer mehr Raum einnehmen.
Eine kürzlich abgehaltene Wahlkampfveranstaltung der dominierenden SNS wurde nach Angaben der Wahlbeobachtungsorganisation CRTA von 46 Fernsehsendern live übertragen - in einem Land mit 6,6 Millionen Einwohnern.
Journalisten im Exil
Regierungstreue greifen politische Gegner über Boulevardmedien wie «Informer» heftig und häufig mit Beleidigungen an. Das Medienunternehmen gibt eine Tageszeitung heraus und verbreitet seine Inhalte über ein Onlineportal und einen Fernsehsender.
«Ich glaube, wir treten in die letzte Phase der Kontrolle über die Medien in Serbien ein», sagt Pavol Szalai, ein Vertreter der Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF)
Die Organisation setzte Serbien in ihrem im Mai veröffentlichten Index der Pressefreiheit auf Platz 104 von 180 Ländern. Unter den 40 Ländern der Region EU-Balkan belegt Serbien den letzten Platz.
Serbien sei das einzige Land dieser Region, in dem Journalisten wegen ihrer Arbeit ins Exil gezwungen worden seien, sagt Szalai weiter.
Der auf Verteidigungsfragen spezialisierte Journalist Aleksandar Radic floh im Juni aus Serbien, nachdem er über den mutmasslichen Einsatz einer Schallwaffe gegen Demonstranten bei einer Kundgebung im März 2025 in Belgrad berichtet hatte. Die Behörden bestritten einen solchen Einsatz.
Seine Analyse eines vor Ort fotografierten Geräts war in Serbien und in internationalen Medien breit aufgegriffen worden. «Seit diesem Moment habe ich eine zunehmende Feindseligkeit seitens des Systems gespürt», sagte der Journalist der AFP von einem geheim gehaltenen Aufenthaltsort im Ausland aus.
Die Polizei verhörte ihn und durchsuchte seine Wohnung und sein Büro. Schliesslich wurde ihm eine Verschwörung gegen die verfassungsmässige Ordnung vorgeworfen.
Übernahme von TV-Sender sorgt für Kontroverse
Der frühere Arbeitgeber des bekannten Journalisten Zoran Kesic, der Fernsehsender Nova, erhielt eine neue Führung, nachdem seine Muttergesellschaft Adria News Network vom portugiesischen Investmentunternehmen Alpac Capital übernommen worden war. Adria News Network betrieb bedeutende unabhängige Medien auf dem westlichen Balkan.
Die Übernahme löste in den Redaktionen Befürchtungen hinsichtlich der redaktionellen Unabhängigkeit aus, auch beim Fernsehsender N1, einem der meistgesehenen und gegenüber der serbischen Regierung kritischsten Sender.
Die Geschäftsleitung versichert, dass die Medien ihre journalistischen Standards beibehalten würden. Dennoch demonstrierten Journalisten von Nova, N1 und anderen zu Adria gehörenden Onlineportalen «für das Überleben der Medien».
Das Nachrichtenportal von Nova reagierte auf die Drohung seiner Journalisten, die Arbeit zu boykottieren, indem es ihnen die Wahl liess: unter der Leitung der neuen Chefredaktoren weiterarbeiten oder eine Abfindung annehmen.
«Die Führung von Redaktionen wenige Wochen vor Wahlen umzubauen, entspricht nicht den europäischen Standards», sagt Szalai. Er warnt, dass dies den Wählern den Zugang zu unabhängigen Informationen erschweren könnte.
Nachdem Nova entschieden hatte, den Vertrag mit Zoran Kesic nicht zu verlängern, demonstrierten Hunderte Menschen in Belgrad, um ihre Unterstützung für ihn zu zeigen.
«Diktatoren hassen Humor»
Mit mehr als 700'000 Abonnenten auf YouTube ist seine Sendung weiterhin sehr beliebt. Kesic versichert, dass seine Beobachtungen manchmal sogar Wähler der Regierungsparteien zum Lachen brächten.
Für Szalai wurde Kesic aus einem offensichtlichen Grund ins Visier genommen: «Diktatoren hassen Humor.» Für den Macher von «24 Minuten» war der Wechsel auf eine andere Plattform dank seiner Bekanntheit einfacher. Doch angesichts des Drucks sorgt er sich um seine Kollegen: «Wohin sollen sie gehen?» (sda/afp/spo)
Von Ognjen Zoric und Andrew Leeson, AFP

