Den Schweizer Medien weht zurzeit eine heftige Brise entgegen: Die Print-Werbeerlöse gehen zurück, die Auflagenzahlen sind mehrheitlich sinkend, und die Onlinewerbung geht vor allem zu grossen Playern wie Facebook, Google und Co. Vor diesem Hintergrund wird der Ruf nach staatlicher Medienförderung wieder lauter. Erst kürzlich brachte der «Watson»-Gründer Hansi Voigt die Idee einer Service-Plattform für verschiedene publizistische Angebote in diese Debatte ein (persoenlich.com berichtete). Bei Otfried Jarren, Präsident der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK), stösst diese Idee auf Zustimmung. Im NZZ-Interview vom Samstag mit Medienredaktor Rainer Stadler äussert er sich dazu, wie eine solche Plattform organisiert sein müsste und wie sie sich finanzieren könnte.
«Eine Plattform wie ‹Medien Schweiz› würde die Sichtbarkeit der Anbieter, die Auffindbarkeit von Produkten wie die Reichweite für alle erhöhen», erklärt Jarren gegenüber der «Neuen Zürcher Zeitung». Wichtig ist für ihn, dass Nutzer nicht nur wie üblich einzelne Angebote «integral abonnieren» können, sondern dass ausserdem Angebote anderer Anbieter selektiv bezogen werden könnten.
«Pseudojournalismus wird zu gesellschaftlichem Problem»
Das Ziel dieser Plattform wäre laut dem Publizistikprofessor die «Erweiterung sowie die Erhaltung des publizistischen und journalistischen Wettbewerbs» – so hätten auch Nischenanbieter erweiterte Chancen. Es soll aber um viel mehr gehen, nämlich unabhängige publizistische und journalistische Beiträge für die Gesellschaft zu erhalten. Denn diese Unabhängigkeit sei bei nicht aus der Medienbranche stammenden Plattformen, die journalistische Inhalte anbieten, nicht gewährleistet. «Vieles dort ist völlig intransparent. Der dort etablierte Pseudojournalismus wird zu einem gesellschaftlichen Problem», lässt sich Jarren in der NZZ zitieren.
«Die Plattform ‹Medien Schweiz› sollte in Form einer Genossenschaft oder Stiftung institutionalisiert sein», so Jarren weiter. Insbesondere das Genossenschafts-Modell sei prüfenswert, da dieses alle Akteure beteiligen würde. In diesen Gremien sollten Anbieter und Nutzer vertreten sein. Zudem sollte die Plattform allen Playern mit publizistischen Zielsetzungen offenstehen. Ein pluralistisch zusammengesetztes Herausgebergremium könnte dann entscheiden, ob und wer auf die Plattform komme. Aufnahmebedingung wäre das Bekenntnis zu publizistischen Grundsätzen: So sollte laut Jarren die Autonomie der Journalisten gewahrt sein sowie die berufskulturellen Standards und ethischen Grundlagen des Journalismus eingehalten werden.
Das Herausgebergremium sollte das Recht haben, diesbezüglich Transparenz einzufordern, und die Voraussetzungen sollten zyklisch überprüft werden. Grosse Sorgen macht sich Jarren in diesem Bereich allerdings nicht. «Fehlverhalten würde rasch erkannt, skandalisiert und hätte dann Folgen», betont er in der NZZ. Ausserdem wäre auch eine Zertifizierung beziehungsweise Akkreditierung denkbar – so wie es diese im Universitätsbereich gebe.
Finanzierung durch Anbieter und Nutzer
Bei neuen Projekten im Medienbereich stellt sich letztlich immer die Frage der Finanzierung. Medienbranche und der Journalismus würden für die Trägerschaft verantwortlich sein. Da Medien und Journalismus auf die öffentlichen Angelegenheiten verpflichtet seien, könnte die Plattform öffentliche Mittel aus einer Haushaltabgabe erhalten. Andererseits müssten auch die auf der Plattform vertretenen Anbieter einen Beitrag zur Finanzierung leisten.
Diejenigen Anbieter, die auf der Plattform demokratie- und gesellschaftsrelevante Inhalte bereitstellen würden, sollten laut Jarren ebenfalls Mittel aus der Haushaltabgabe erhalten. Ob dieser Leistungsauftrag erfüllt werde, könnte dann eine staatsunabhängige Behörde definieren und überprüfen sowie die Mittel an die entsprechenden Organisationen verteilen.
Gutscheine für journalistische Angebote?
Ebenfalls denkbar für den EMEK-Präsidenten wäre, dass die Bürger über einen Teil ihrer Haushaltabgabe, die sie entrichten müssten, selbst verfügen könnten. «Mittels eines Vouchers könnten sie an die von ihnen präferierten Anbieter zahlen. Das Voucher-Modell würde den Wettbewerb stimulieren», so Jarren in der NZZ. «Und im Falle der Plattform ‹Medien Schweiz› könnte das ein Anreiz für Anbieter zur Beteiligung sein.» Diese Gutscheine dürften allerdings nur für die entsprechend konzessionierten oder im Falle der Plattformlösung für die dort «etablierten journalistischen Anbieter» gültig sein. (pd/tim)
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11.07.2017 09:48 Uhr
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