Sie kauft bereits im Februar Kleider für den Herbst: Tatjana Kotoric, Chefstylistin bei Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), shoppt aber nicht für sich selber, sondern für die rund 220 SRF-Moderatoren. Im Einkaufswagen landen etwa weisse Blusen für "Tagesschau"-Sprecherin Katja Stauber, ein gestrickter Schaal für "Meteo"-Mann Thomas Bucheli oder hochhackige Schuhe für "g&g"-Gesicht Annina Frey.
Wie arbeitet eine der einflussreichsten Stilexpertinnen der Schweiz? Persoenlich.com besucht Kotoric im SRF-Gebäude im Zürcher Leutschenbach. Ihr "Büro" ist der SRF-Showroom. Ein Raum, den man sich wie eine fensterlose Dreizimmerwohnung ohne Trennwände vorstellen muss. Hier hängt akkurat aufgereiht und mit Namen beschriftet, was Kotoric und ihr dreiköpfiges Stylisten-Team in den Showrooms von über 20 bekannten Brands in Zürich, Paris, Mailand oder London erstanden haben.
Aufgabe der 37-jährigen Stylistin und ihres Teams ist es, alle 220 SRF-Moderatoren in Outfit-Fragen zu beraten und sie einzukleiden. "Dafür muss man Körper verstehen und gut mit Menschen umgehen können", sagt Kotoric in einem Zürich-Deutsch, dem eine leichte Färbung anzuhören ist. Luzerner Einfluss? "Nein", lacht Kotoric, "ich wurde in Bosnien geboren und kam als Fünfzehnjährige mit meiner Familie nach Zürich, wo ich bis heute lebe".


Wir sitzen am Tisch in der Raummitte und Kotoric studiert wie jeden Morgen die Screenshots von ausgestrahlten Sendungen (Bilder von jeder Sendung, die sie täglich aus der Sendestrasse bekommen). Mit routiniertem Blick sortiert sie die postkartengrossen Fotos und langsam erheben sich zwei Beigen: links die Guten, rechts die Schlechten. Manchmal hält sie kurz inne, kneift ihre Augen zusammen, um genauer sehen zu können und erklärt: "Trägt eine Moderatorin kurz hintereinander das gleiche oder passt das Outfit nicht zum Dekor, dann intervenieren wir."
Frau Kotoric, Sie greifen also ab und zu zum Telefon und beschweren sich bei den Redaktionen über die Outfits der Moderatoren?
Wenn wir beispielsweise sehen, dass ein Hemdkragen rausschaut oder eine Gürtelschnalle blendet, müssen wir eingreifen. Wir rufen den Moderator an und versuchen, mit ihm zusammen das Problem zu lösen.
Mode einkaufen mit dem prall gefüllten Portemonnaie, davon träumen viele: Wie gross ist Ihr Budget?
Über Zahlen reden wir nicht. Jede Redaktion macht für ihren Moderator ein Budget für die entsprechenden Sendungen. Daraus resultiert der Betrag, den wir jährlich für den Einkauf zur Verfügung haben. Natürlich versuchen wir möglichst günstig einzukaufen und die Kleider mehrfach zu verwenden.
Wie lassen Sie sich inspirieren? Von ausländischen TV-Sendern?
Modetrends sind wichtig, wir beobachten diese an Modeschauen, dazu lesen wir Blogs und Zeitschriften. In Bezug auf unsere Konkurrenz schaue ich bewusst höchstens bei BBC, denn grundsätzlich wollen wir einen eigenen Stil kreieren. Nur schon in den verschiedenen SRG-Sendern gibt es Unterschiede. Bei 1.-August-Sendungen zum Beispiel sind ja Moderatoren der deutsch-, italienisch- , rätoromanisch- und französischsprachigen Schweiz vertreten. In dieser Sendung kann man meistens sehr gut die kulturell unterschiedlichen modischen Stile der einzelnen Moderatoren und Regionen erkennen. Oft sind RSI-Moderatoren mutiger als wir in der Deutschschweiz. Vielleicht liegt das daran, dass sie näher beim Modeland Italien sind.
Gibt es Moderatoren, bei denen Ihnen das Einkleiden und Beraten besondere Freude macht?
Es sind 220 unterschiedliche Charakteren, genau das macht den Job so spannend. Daher kann ich nicht einzelne Moderatoren hervorheben. Es macht mit allen Spass.
Sie geben sich ja äusserst diplomatisch: Bei wem konnten Sie in Sachen Styling einen neuen Input geben?
In den jeweiligen Beratungen mit den Moderatoren ist Diskretion sehr wichtig. Aber natürlich geben wir in unseren Beratungen viele Tipps und Inspirationen - etwa mit einem Farbvorschlag oder einer neuen Jupeform.
Vor einigen Monaten war der Trend zu Gesichtsbehaarung bei Männern ein grosses Thema. Wie gefallen Ihnen die Bärte von Stephan Klapproth, Kurt Aeschbacher und Roger Schawinski?
Stephan Klapproth trägt ja seinen Bart schon sehr lange und er passt sehr gut zu ihm, finde ich.
Und Kurt Aeschbacher?
Herr Aeschbacher kommt als einziger nicht in unsere Beratung. Bei seinen Stylings greife ich nicht ein.
Roger Schawinskis Dreitagebart verschwand innerhalb von zwei Wochen wieder. Passierte dies auf Ihre Intervention hin?
Roger Schawinski trug kurz über den Sommer einen Bart. Er wollte etwas Neues ausprobieren. Doch ich finde, dass er live und auch vor der Kamera ohne Bart besser aussieht.
Also, was gilt nun: Bart oder besser keinen Bart vor der Kamera?
Das kommt auf den Typ an. Wir suchen den Kontakt zum Moderator, denn oft ist es notwendig, dass sie anfangs eine oder zwei Beratungen von einem Barbier erhalten, wie sie den Bart optimal trimmen sollten. Teilweise wirkt ein Bart am Bildschirm ganz anders als im Alltag. Bei Haaren und Make-up ist es essenziell, dass sich der Moderator sehr gut damit identifizieren kann. Das heisst, im Gegensatz zu den Kleidern, können die Moderatoren abends den Bart oder die Frisur nicht ablegen. Daher müssen wir gerade da oft einen Kompromiss finden.
Wie ist es mit Solarium?
Solarium empfehle ich überhaupt nicht, im Gegenteil. Vor der Kamera sehen braungebrannte Menschen nicht schöner aus als hellhäutige.
Und das Einstecktuch: Tragen es die männlichen Moderatoren auf Ihren Input hin?
Vor drei bis vier Jahren wurden "Pochettli" als männliches Accessoires sehr oft auf den Shows gezeigt. Uns gefiel es sehr gut und wir setzten sie öfters anstelle oder ergänzend zur Krawatte ein. Das Pochettli steht für einen eleganten Casual-Look: ob in Kombination mit einem modischem Anzug oder einem Veston und Jeans.
Wenn Sie solche Empfehlungen geben und nun plötzlich mehr Männer am TV Pochetten tragen, führt dies doch dazu, dass sich generell mehr Schweizer Männer für dieses Accessoire interessieren. Sind Sie sich dieser Verantwortung bewusst?
(lacht). Das würde mich natürlich sehr freuen und es wäre toll, Leute inspirieren zu können. Ich würde uns dennoch nicht als Trendsetter betiteln, da für unsere Arbeit eher die Attribute Qualität, Funktionalität vor der Kamera und Zeitlosigkeit oberste Priorität haben, als den neusten Trends nachzujagen.
Tragen Sie dazu bei, dass sich die Schweizer Männer modischer stylen?
Natürlich streben wir an, dass unsere Mode den Zuschauern gefällt. Wir bekommen auch immer wieder Anfragen von Leuten, die sich erkundigen, wo man ein bestimmtes Kleidungsstück kaufen kann.



Tatjana Kotoric arbeitet seit 2008 bei SRF. Davor war sie im Detailhandel als Verkaufs- und Marketingleiterin bei verschiedenen nationalen und internationalen Modelabels tätig – vor allem im Einkauf und in der Promotion. Zu ihren Aufgaben gehören neben Beratung und Kleider-Einkauf, das Erstellen von strategischen "Look Books" für die Moderatoren der einzelnen Sendungen. "Jede Person soll den für sie optimalen Stil durch unsere Beratung bekommen, passend zu ihrem Moderationstyp", so der Anspruch Kotorics an ihre eigene Arbeit.
Text und Bilder: Edith Hollenstein
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