18.12.2018

Doris Leuthard

Über die Kaste der Verleger und das Leben danach

Die scheidende Bundesrätin hat am Montag auf ihre zwölfjährige Amtszeit zurückgeblickt und sich ein letztes Mal den Fragen der Medien gestellt. Dabei hat sie über das neue Mediengesetz, ihr strahlendes Lachen und ihre persönlichen Zukunftspläne gesprochen.
Doris Leuthard: Über die Kaste der Verleger und das Leben danach
Die abtretende Bundesrätin Doris Leuthard fordert die Journalisten dazu auf, faktenorientiert zu berichten und auf Zuspitzung und Skandalisierung zu verzichten. (Bild: Keystone/Peter Schneider)
von Anna Sterchi

Es herrscht reges Treiben in der Berner Kaffeebar Diagonal unweit des Bundeshauses. Die letzten Mittagsgäste haben das Lokal verlassen, nun strömen Radiojournalisten, Fernsehteams und weitere Medienschaffende ins Café und richten sich ein. Im hinteren Teil steht ein kleiner Bartisch, darauf thronen bereits fünf Mikrofone, auch etliche Kameras sind installiert.

Nichts deutet auf einen «Umtrunk» hin, wie in der Einladung der Medienministerin angegeben, sondern vielmehr auf eine klassische Medienkonferenz. Aus den Reihen der Journalisten hört man skeptische Voten, ob sich die Teilnahme am Anlass wohl lohne oder nicht. Andere äussern sich kritisch, weil es am Ende der Veranstaltung keine Möglichkeit für ein persönliches Interview gibt.

Rund vierzig Medienschaffende sind der Einladung gefolgt, unter anderem CH Media, das Schweizer Radio und Fernsehen sowie Keystone-SDA. Auch Journalisten aus der französischen und italienischen Schweiz sind vor Ort. Im Rahmen eines bilanzierenden Mediengesprächs will sich die Medienministerin nach zwölf Jahren von den interessierten Journalistinnen und Journalisten verabschieden. Pünktlich treffen Doris Leuthard und ihre Entourage ein. Mit breitem Lachen auf dem Gesicht bahnt sie sich den Weg durch die Medienleute. Sie erklärt sogleich, der Anlass solle informell und locker sein. Doch das Versprechen wird nicht eingelöst, einzig die eine oder andere Frage vonseiten der Journalisten sorgt für Lacher.

Auf Zuspitzung und Skandalisierung verzichten

Zu Beginn richtet Leuthard ihre Worte an die Medienschaffenden und fordert sie dazu auf, faktenorientiert zu berichten und auf Zuspitzung und Skandalisierung zu verzichten. Sie bedauert den zunehmenden Zeitdruck, der sich auf die Qualität auswirke. Die Aufgabe der Medien sei angesichts der Zunahme von «fake news» und «misleading news» anspruchsvoller und wichtiger geworden, stellt die Medienministerin fest.

Gleichzeitig hält die Bundesrätin eine Neuigkeit bereit: Der Bundesrat erwäge, einen Fonds für digitale Infrastruktur zu schaffen. Finanzminister Ueli Maurer lasse dies in seinem Departement prüfen, so Leuthard. Sie würde einen vom jährlichen Budget unabhängigen Digitalisierungsfonds sehr begrüssen. Schuldenabbau sei gut, aber auch Investitionen seien wichtig, stellt sie fest. Ein Fonds würde eine längerfristige Planung ermöglichen.

Fehlende zeitliche Ressourcen

Im zweiten Teil der Veranstaltung ist es an den Journalistinnen und Journalisten, letzte Fragen an die Bundesrätin zu stellen. Leuthard antwortet souverän – sei es auf Deutsch, Französisch oder Italienisch. Angesprochen auf die Veränderungen im Bundesrat und in der Medienwelt während ihrer Amtszeit, hebt sie einerseits die Digitalisierung in ihrem Arbeitsalltag hervor, andererseits die knapper werdenden zeitlichen Ressourcen: «Wir hatten früher mehr Zeit, um miteinander zu kommunizieren.»

Sie sei überzeugt, dass guter Journalismus Zeit brauche, da sorgfältig recherchiert werden müsse. Diese fehle heutzutage oft. «Es hat nur noch wenige Fachjournalisten, was ich bedauere», so Leuthard. Für die Berichterstattenden sei es sehr anspruchsvoll, sich in viele verschiedene Dossiers einzudenken, sagt die scheidende Medienministerin, und fügt an: «Aber diese Problematik müssen Sie mit Ihren Chefs besprechen.»

Eine «herkulische Aufgabe»

Auch ihre eigene Zeit sei knapp bemessen: «Ich verfüge über keinen Twitter-Account. Ich weiss nicht, wie man dafür Zeit findet.» Das Führen des Bundesamts für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) sei eine «herkulische Aufgabe». Mit dem richtigen Mitarbeiterstab sei es aber «handle-bar». Sie sei froh, dass mit Simonetta Sommaruga nicht eine neue, sondern eine bestehende Bundesrätin diese «grosse Nummer» übernehme.

Trotz der herausfordernden Aufgabe ist Leuthard nie der Optimismus vergangen. Eine Journalistin im Publikum vergleicht ihr Lachen mit jenem von Toni Brunner und will wissen, wer den Strahlepart künftig in Bern übernehmen werde. Das will die Bundesrätin nicht beantworten, sagt aber: «Ein Lachen hat immer geholfen, bei schwierigen Themen trotzdem entspannend und motivierend zu wirken.»

Zuversicht betreffend Mediengesetz

Einem neuen Verfassungsartikel für Medienförderung steht Leuthard skeptisch gegenüber. Dieser käme erst in vier bis sechs Jahren, und das sei viel zu spät, gibt sie zu bedenken. Die Medienministerin zeigt sich aber zuversichtlich, dass das umstrittene Mediengesetz justiert werden kann – etwa mit der Subventionierung von Digitalabonnements – und so doch noch mehrheitsfähig wird.

Auf jeden Fall werde die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten spannend bleiben, auch im Zusammenhang mit dem Verhältnis der Schweiz zu Europa, hält Leuthard fest. Dieses werde im kommenden Jahr wohl von weiteren Komplikationen geprägt sein. Die neue EU-Kommission könnte allerdings neue Dynamik bringen. «Die Hoffnung stirbt zuletzt.»

Auf die Frage, wer ihr mehr Kopfzerbrechen bereitet habe – die Verleger oder die Journalisten –, geht ein Lachen durch die Menge. Leuthards Antwort kommt schnell und deutlich: «Ganz klar die Verleger. Die Verleger sind eine schwierige Kaste.» Es habe zu lange gedauert, bis sie auf die Veränderungen in der Medienbranche reagiert hätten.

Persönliche Pläne bleiben geheim

Künftig freue sie sich, wieder viel mehr eine Privatperson und nicht mehr eine öffentliche Person zu sein. Angesprochen auf ihre berufliche Zukunft, gibt sie sich bedeckt: Sie wisse noch nicht genau, welche Mandate sie übernehmen werde. Ideen und Angebote gebe es schon, doch wolle sie sich nicht dazu äussern. Auf politischer Ebene wolle sie sich nicht mehr einmischen, insofern werde sie tatsächlich «verschwinden».

Ausserdem wolle sie nicht zu viele Mandate ausüben, denn sie möchte nicht mehr so viel arbeiten wie bis anhin. In den letzten Jahren habe sie viel mehr Zeit mit ihren Mitarbeitenden verbracht als mit ihrem Mann. Gleichzeitig werde ihr manches aus Bundesbern fehlen, doch: «Es gibt ein Leben nach der Politik.»

Verhaltener Applaus zum Schluss

Als die Fragen der Medienschaffenden nach rund einer Stunde versiegt sind, bedankt sich Leuthard ein letztes Mal für die gute Zusammenarbeit. Die Journalistinnen und Journalisten reagieren mit einem verhaltenen Applaus. Kurz darauf leert sich die Kaffeebar. Die Medienministerin gönnt sich mit ihrer Mediensprecherin Annetta Bundi ein «Gents Tonic Water» an der Bar. Mit herzlichen Worten und einem Händedruck verabschiedet sie jene Journalisten, die ein paar letzte persönliche Worte mit der Medienministerin austauschen wollen.

Am Schluss schart sich ein kleiner Kreis von Medienschaffenden um Leuthard. Nach zehn Minuten Smalltalk verabschiedet sich die scheidende Medienministerin bereits wieder und verlässt das Diagonal Richtung Bundeshaus. Die Herkules-Aufgabe hat noch einmal gerufen.


Teilweise mit Material von Keystone-SDA.

 



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