08.05.2020

Coronasession

Unhaltbare Zustände und laute Lüftungen

Stühle im Keller statt Pressetribüne im Bundeshaus: Die Medien konnten die Parlamentsdebatten in der Bernexpo nur über Monitore verfolgen. Bundeshausjournalistinnen erzählen von der ausserordentlichen Session – und stellen Forderungen für die Austragung im Sommer.
von Michèle Widmer

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Nathalie Christen

Bundeshauskorrespondentin SRF TV


«Session zu Coronazeiten, das bedeutet zuerst mal Distanz. Die Wege in den Expohallen sind so lange, dass sich der Kollege den Toilettengang möglichst lange verkneift, die Kollegin am zweiten Tag die Stiefeletten durch Turnschuhe ersetzt und ich froh bin, dass in den Einschaltungen und Interviews die Füsse nicht sichtbar sind. So kann das Schuhwerk bequem statt elegant sein. Apropos Interview: Im Raum, der offiziell dafür vorgesehen ist, rauscht eine Lüftungsanlage so lautstark, dass die Fernsehredaktion in Zürich nach dem Interview mit der Bundespräsidentin zurückmeldet, der Ton sei an der Grenze zum Sendbaren. Derweil schwinden die anfänglichen Distanzen unter den Parlamentsmitgliedern. Im Restaurant, das Einzeltische in gebührendem Abstand bietet, scharen sich am zweiten Mittag schon etliche Parlamentarier um einen einzigen Tisch und eine Flasche Wein. Distanz: eher 20 Zentimeter als zwei Meter. Auch als Journalistin ist es schwierig, Distanz zu halten. Parlamentsmitglieder mit jüngeren Kindern berichten auf einer der vielen Treppen von ihren Schwierigkeiten, ihre Kinder während der Coronasession betreuen zu lassen. Die Kindertagesstätte sei im Notbetrieb und nur bis 16 Uhr offen. Plötzlich merke ich, wie wir nur noch eine Treppenstufe entfernt voneinander stehen. Ich rücke etwas ab und denke: Es ist wohl kaum Zufall, dass das Parlament gegen den Willen des Bundesrates Kindertagesstätten helfen will. Hier ist das Parlament dem Alltag näher. Nähe regiert über Distanz.»


 

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Doris Kleck

Co-Ressortleiterin Inland CH Media


«Nein, das Schreiben der Parlamentsdienste für die Journalisten war nicht sehr freundlich. Man konnte leicht den Eindruck gewinnen, dass Journalisten nicht erwünscht sind in der Bernexpo. So hiess es: ‹Wir fordern die Redaktionen auf, jeweils nur eine Vertreterin an den Sessionsort zu entsenden.› Oder: ‹Medienschaffende haben keinen Zugang zu National- und Ständerat sowie deren Vorzimmer.› Und Verpflegungsmöglichkeiten gebe es auch keine. Ich ging trotzdem hin, am Montag, schliesslich war es ein historisches Ereignis. Es gab Reden zur Lage der Nation. Man feierte die Rückkehr des Parlaments, das Ende des Durchregierens der Exekutive. Ein emotionaler Moment. Schon bald aber verlief die Session gäng wie gäng, das Parlament verfiel in seinen Alltagstrott. Das Gute daran: Auch wir Journalisten konnten uns in der Bernexpo wieder freier bewegen, bekamen mit, wie die Emotionen hoch gingen, Nerven blank lagen, sich Fraktionen stritten. Und, man bekam selbst als Journalist ein Sandwich. Allerdings: Bis heute liegen die Abstimmungsprotokolle nicht vor. Ein unhaltbarer Zustand.»

 


 

Eva Novak 

Eva Novak

freie Bundeshausjournalistin

«Mit Anekdoten zur Corona-Session kann ich nicht dienen, denn ich verfolge die Debatten von zuhause aus. Ich bringe es einfach nicht fertig, nach Jahrzehnten im Bundeshaus – über dessen architektonischen und künstlerischen Charme man zwar geteilter Meinung sein kann, dessen Symbolik eine Journalistin aber nicht unberührt lässt – diese schrecklich sterilen BEA-Hallen zu betreten. Noch nicht. Bis zur Sommersession werde ich mich wohl oder übel überwinden müssen.»

 


 

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Fabian Renz

Leiter Bundeshausredaktion Tamedia

«Ich finde vor allem die Situation für die Medien auf dem Bernexpo-Gelände unbefriedigend. Wir haben keine Möglichkeit, das Geschehen in National- und Ständerat sinnvoll mitzuverfolgen. In den Tagungssälen sind keine Journalistinnen und Journalisten zugelassen, und es fehlen Pressetribünen wie im Bundeshaus. Die einzige Möglichkeit, den Ratsdebatten vor Ort zu folgen, sind zwei Monitore in einem Kellerraum – deren Tonspur sich aber oft überschneidet, weil sie zu nahe beieinander stehen. Anders als im Bundeshaus gibt es für uns auch keine Möglichkeit, ein Ratsmitglied durch eine Weibelin oder einen Weibel aus dem Saal zu rufen. Mir ist klar, dass man unter den aktuellen Umständen nicht auf eine voll ausgebaute Infrastruktur zählen kann. Mein Eindruck ist aber doch, dass die Bedürfnisse der Medien auf der Prioritätenliste weit nach hinten gesetzt wurden. Das ist bedauerlich, zumal dieser Tage ja oft und gerne die Bedeutung der Medien für unsere Demokratie beschworen wird.»

 




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Larissa Rhyn

Bundeshausredaktorin Neue Zürcher Zeitung


«Wir sassen im Keller der Bernexpo und verfolgten die Rede der Bundespräsidentin am Bildschirm, statt wie üblich von der Pressetribüne im Ratssaal. Wir zählten mühsam, wie viele Personen bei einer Abstimmung aufstanden, weil der Ständerat die elektronische Abstimmungsanlage nicht nutzen wollte. Und wir waren zeitweise im Homeoffice statt im provisorischen Parlament, weil man von uns forderte, ‹die physische Präsenz auf ein absolutes Minimum zu beschränken. Hinter die Kulissen zu sehen, war schwieriger als sonst. Normalerweise haben wir Medienschaffenden in der Schweiz leichten Zugang zu Volksvertretern und dürfen uns im Parlamentsgebäude relativ frei bewegen. Nicht so während der Coronasession. Einige der Einschränkungen waren gut begründet. Andere weniger. Doch eines ist zentral: An der nächsten Session im Juni müssen Journalistinnen und Journalisten wieder besseren Zugang zum Parlament haben. Das ist wichtig für die Demokratie, auch – oder besonders – in Krisenzeiten.»





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Matthias Steimer

Leiter Bundeshaus-Redaktion TV & Radio CH Media


«Erster Sessionstag, Mittagspause auf dem Vorplatz der Bernexpo. ‹Einmal feine Prosciutto!›, ruft SVP-Nationalrat Marcel Dettling frohgemut. Vor ihm stapeln sich die gerade gelieferten Pizzen. SP-Nationalrätin Jacqueline Badran verdrückt ein Sandwich, während sie dem freisinnigen Kollegen Andri Silberschmidt die Leviten liest. Er isst etwas aus einer Kartonbox. Adieu, Galerie des Alpes. Dafür Campusatmosphäre mit Coronatouch: Dutzende Politiker stehen da mit verordnetem Abstand zueinander und essen, politisieren, besprechen die sonderbare Situation. Das Setting durfte gerade uns Journalisten nicht davon ablenken, dass in den Messehallen mit helvetischer Lichtgeschwindigkeit beispiellose Hilfspakete verabschiedet wurden. Umso irritierender, dass in den Ratssälen keine Journalisten zugelassen waren. Platz wäre reichlich vorhanden gewesen. Den Politikern im wahrsten Sinne des Wortes auf die Finger zu schauen – journalistische Pflicht. Allein die SRG durfte filmen. Dies sollte sich im Hinblick auf die Sommersession ändern.»





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