Herr Venzago, Sie stellten Ihre Voodoo-Bilder in Südamerika aus. Wie kam Ihre Voodoo-Ausstellung bei der heimischen Bevölkerung an?
Der Erfolg ist überwältigend. Wir verzeichneten in Bogota täglich 600 Besucher, insgesamt kamen in Kolumbien 10'000 Personen an unserer Ausstellung. Zugleich hatten wir sehr viel Echo in den Medien. Das Fernsehen war da, es gab Live-Interviews mit Radiostationen, die Tageszeitungen berichteten gross über die Voodoo-Ausstellung.
Hat Sie der Erfolg überrascht?
Das grosse Interesse erstaunt mich nicht allzu sehr. Denn es handelt sich bei der kolumbianischen Gesellschaft um eine spanische Ex-Kolonie, die einen katholischen Ursprung hat sowie ehemalige Sklaven, die sich an der Karibik- Küste niederliessen. Die Leute sind deshalb sehr offen gegenüber dem mythologischen Geschehen. Der Voodoo-Kult und der Katholizismus werden ja schleichend zusammengebracht. Das finde ich faszinierend. Mich interessieren ja nicht die Religionen, sondern vor allem die Rituale.
Wie reagieren die Menschen auf Ihre Bilder?
Die Bilder, die allesamt aus Afrika stammen, sind echt. Sie lösen etwas in ihnen aus, das sie auch tief in sich tragen. Sie suchen sozusagen nach einem Wort, das sie noch nicht kennen, oder nach einer Liebe, von der sie noch nicht wissen.
Gab es auch negative Reaktionen? Störte es niemanden, dass hier ein Weisser seine Sichtweise von Voodoo kolportiert?
Ich habe versucht, möglichst nahe an die Sache heranzugehen und den Bildern einen Wert zu geben. Das erkennen die Menschen in meinen Geschichten. Erstaunt hat mich dabei, dass vor allem junge Menschen sich mit meinen Voodoo-Bildern auseinandersetzen. Das Durchschnittsalter der Besucher lag wohl etwa bei zwanzig Jahren. Im Gegensatz dazu sind es bei uns ja vor allem die älteren Semester, die ins Museum gehen. In Südamerika ist das offensichtlich völlig anders. Wie ich nun in Haiti und Kuba aufgenommen werde kann ich jedoch nicht sagen. Es kann natürlich sein, dass mich die Menschen dort als Verräter wahrnehmen.
Sie befassen sich nun seit fast zwei Jahrzehnten mit Voodoo. Wie sehr ist Ihnen dieses Universum Voodoo fremd geblieben, wie sehr ist der animistische Kult bereits Teil von Ihnen?
Ich bin kein Voodoo-Anhänger geworden (lacht). Aber Voodoo ist mittlerweile ein fester Bestandteil meines Lebens. Und einen wie mich, der als Hardcore-Katholik aufgewachsen ist, faszinieren natürlich die Rituale. Mit dem Voodoo-Kult erging es mir aber nicht anders als bei anderen Arbeiten: Die Kamera hatte für mich immer eine Türöffner-Funktion, die mir Zutritt zu fremden Kulturen verschafft. Ich war fünf Jahre in Japan und habe dort die Mafia porträtiert. Nach so einer langen Zeit kann man nicht einfach sagen: Ciao zäme, es war schön mit Euch, aber ich gehe jetzt. Vielmehr bleibt sehr viel haften. Auf einmal werden die Objekte zu Menschen, zu Freunden. So laufen die Geschichten natürlich weiter.
Können Sie sich vorstellen, dass es eine Fortsetzung ihrer Voodoo-Reportage in Haiti und Cuba geben wird?
Nachdem mein Film "Mounted by Gods" an einem Festival in Rio gezeigt wurde, erhielt ich viele Anfragen von Candomble, wie man Voodoo in Brasilien nennt. Sogar Priesterkongregationen schrieben mir, wie faszinierend es für sie sei, den Ursprung von Voodoo in meinen afrikanischen Bildern zu erkennen. In Kuba und Brasilien haben die Voodoo-Götter denselben Namen wie in Afrika. Das heisst, Voodoo ist ein Welt umspannendes Netz geworden. Die Menschen erkennen die Bilder aus anderen Kontinenten wieder. Aber natürlich: Ohne Kamera geh ich nirgends hin.
Haben Sie noch nicht genug vom Voodoo-Zauber?
Ich mache viele andere Sachen. Voodoo ist für mich so etwas wie mein Instant-Karma. Ich tauche in die Welt ein und muss mich nicht verkleiden. Der Kraftakt des Fotografierens ist geschafft, nun kann ich viel lockerer an die Sache herangehen.
Wohin geht die Ausstellung in den nächsten Monaten hin?
Sie geht nun weiter nach Haiti und Cuba -- also dorthin, wo der Sklavenhandel die Religion hingebracht hat. Da ist es interessant, wie die Leute damit umgehen, wenn sie mit der eigenen Geschichte konfrontiert werden. Das ist für mich mindestens so spannend, wie für die Besucher der Ausstellung.
Letzte Frage: Vor kurzem fand die Oskar-Verleihung in Hollywood statt. Wollten Sie Ihren Film "Mounted by God" nie einreichen?
Ich hätte einfach Hollywood unter den Voodoo-Spell belegen sollen (lacht). Aber ernsthaft: Es wäre vermessen, meinen Film mit einer Hollywood-Produktion gleichzusetzen. "Mounted by God" ist ein sehr kleiner Film und wir haben den zu dritt im kleinsten Rahmen produziert. Natürlich aber schaue ich die Dokumentarfilme, die an der Oskar-Verleihung präsentiert wurden, mit Interesse an. Mein Film ist sehr persönlich und weder ein Dokumentar- noch ein Spielfilm. Er richtet sich auch eher an eine Minderheit.








