Das 5. Radiosymposium von Schweizer Radio DRS ging der Frage nach, ob die junge Generation genug politisch informiert ist, um zur Demokratie zu taugen und ob sie genug traditionelle Zeitungen, Radio und Fernsehen konsumiert, um deren Fortbestand zu sichern oder Gebühren zu rechtfertigen. Im Grunde genommen ein und dasselbe Problem. "Overnewsed but uninformed" lautet die Redewendung des amerikanischen Publizisten und Linguisten Noam Chomsky betreffend Irakkrieg-Berichterstattung. Am 5. Radiosymposium von Schweizer Radio DRS wurde sie zur Fragestellung "Jung, überinformiert -- unwissend?".
Im Befundteil gaben die Medienwissenschafter gleich einmal Entwarnung. In einer Vergleichsstudie von Heinz Bonfadelli, Leiter des IPMZ an der Universität Zürich, war das politische Wissen Jugendlicher in der Schweiz rund doppelt so hoch wie in den USA -- erklärbar durch die direkte Demokratie. Allerdings beeinflussen das eigene Bildungsniveau und die Bildungsnähe des Elternhauses das politische Interesse.
Für Klaus Neumann-Braun, Medienwissenschafter an der Universität Basel, gibt es bei Jugendlichen eine latente Bereitschaft zur politischen Teilnahme, etwa bei besonderen weltpolitischen Ereignissen. Politische Ziele müssen aber gegenwartsbezogen sein und emotionellen Charakter haben, um die Jugend zu interessieren. Ein Langzeitvergleich zeigt: Das politische Geschehen rangierte schon 1979 als Schlusslicht auf der Themenliste junger Menschen.
Zeitungs- und Fernsehnutzer profitieren
"Overnewsed" sind die Jungen vielleicht schon. Gemäss Stephanie Weiss, Leiterin des Medienreferats von Schweizer Radio DRS, nahm die Mediennutzungszeit insgesamt zu, und sie wird verteilt auf mehr Medien. Die Jungen nutzen mehr neue Medien und setzen alle technischen Möglichkeiten von Handy und Internet intensiver sowie parallel ein.
Aber findet die Nutzung statt für politische Bildung? Mirko Marr, ebenfalls vom IPMZ, verglich das Wissen über Lokalpolitik der jungen und beider älteren Generationen. Man höre und staune -- bei der Politikverdrossenheit und Skepsis, etwas verändern zu können, schwingen die Älteren obenauf. Jugendliche, die Bezahlt-Tageszeitung oder öffentliches Fernsehen nutzten, wiesen ein höheres Wissen über Lokalpolitik auf, solche, die vorwiegend privat fern sahen, schnitten schlechter ab. Bei Radio- und Gratiszeitungsnutzern zeigte sich kein Effekt.
Bei den Gratiszeitungen -- namentlich "20 Minuten" -- liegt genau das Problem. Während der Bezahltpresse die Leser sowie Werbeeinkünfte wegbrechen, ist die Pendlerzeitung insbesondere durch bisher zeitungsabstinente Junge zur Schweizer Tageszeitung mit der höchsten Reichweite geworden.
Die Reaktion der Praktiker -- anwesend waren Ueli Haldimann, Chefredaktor Schweizer Fernsehen, Robert Ruckstuhl, Programmleiter DRS 3 und DRS Virus, Markus Spillmann, Chefredaktor NZZ, und Daniela Decurtins, stellvertretende Chefredaktorin "Tages-Anzeiger" -- zeigte denn, dass die Leitmedien die Jungen nicht nur als informierte Staatsbürger des Demokratieerhalts wegen brauchen, sondern auch für den eigenen Fortbestand und zur Erfüllung des Konzessionsauftrags und Legitimation der Radio- und Fernsehgebühren.
Dabei erzielen Schweizer Radio DRS und das Schweizer Fernsehen bei den älteren Generationen und bei den Jungen höhere Reichweiten als vergleichbare Sender sonst in Europa. NZZ und "Tages-Anzeiger" bemühen sich nach Kräften -- etwa mit "Campus" für junge Studierende oder Wochen für Jugendliche -- um Jungleser, ohne dabei ihre Marke zu überdehnen.
Ungeheure Selektionsaufgabe
Die beiden Fragestellungen entpuppen sich auf den zweiten Blick allerdings als eine Einzige: Vom Standpunkt des Qualitätsjournalismus und der Demokratieentwicklung aus sind die Medien auf politisch gut informierte Jugendliche angewiesen; um den hochstehenden Journalismus bezahlbar zu machen, aber auch auf junge Medienkonsumenten. Notabene -- und dies wurde auch gesagt -- sichern aber nicht nur die Jungen das Fortbestehen der traditionellen Medien, sondern auch die kaufkräftigen "Golden Ager". Und schliesslich wird sich auch "20 Minuten" mitsamt seiner Redaktion und seinem Publikum dereinst vielleicht einmal verjüngen müssen.
Die Jungen machen ihre Arbeit übrigens gut. Ihr Medien-Wochenkonsum ist inzwischen auf über 40 Stunden angewachsen. Die ungeheure Selektionsarbeit des Medienangebots nehmen sie wahr bei gleichzeitig anderen Lebensaufgaben wie Berufswahl, unter dem Druck Gleichaltriger sowie ohne die Erfahrung und Einordnungsmöglichkeit älterer Menschen und weitgehend ohne medienpädagogische Unterstützung. Eine Bravourleistung -- die so manchen Energydrink rechtfertigt.
(Text: Michael Walther, freischaffender Journalist, Buchautor und Mediendozent in Flawil SG sowie Vorstandsmitglied des Vereins Qualität im Journalismus)

