Roger Köppel leitet seit Juni die deutsche Tageszeitung Die Welt. Aber alles umkrempeln, wie seinerzeit bei der Weltwoche, will er nicht, wie er gegenüber dem Tages-Anzeiger erklärte. Köppel freut sich ganz besonders, Chefredaktor einer politisch bürgerlich positionierten Zeitung zu sein, da er dies gerade in der heutigen Zeit "für eine hervorragende politische Positionierung" hält. So sieht er im TA-Interview die Welt mit ihrer "parteiunabhängigen, liberalen Sensibilität" "auf der Höhe des Zeitgeistes".
Köppels Ziel ist es, "interessanten, unterhaltsamen und intellektuell anregenden Journalismus" zu machen, der realistisch die Welt betrachte. Wenn er dabei ein paar intelligente Provokationen auslöse, dann mache ihn das glücklich. Dass er, kaum in Deutschland angekommen, in einem Kommentar das Land als eine der letzten sozialistischen Gesellschaften geschildert hatte, sieht er aber nicht als Provokation -- er stelle einfach fest.
Auf die grosse Konkurrenz angesprochen, sagt Köppel, ihm sei klar, dass in Deutschland niemand darauf gewartet habe, dass "irgendeiner aus der Schweiz" komme. Um der Welt seine Handschrift zu verleihen, sei ihm Provokation als Marketinginstrument aber zu simpel. Er habe grossen Respekt vor seinem Team, das er "hervorragend" finde. Seine Aufgabe sei es, mit einer grossen Mannschaft Akzente zu setzen.
Köppel sagt, er orientiere sich grundsätzlich nicht an der Konkurrenz, er lese phasenweise eher Bücher als Zeitungen. Er glaube, dass es für einen offenen, neugierigen Journalismus, der sich am realen Tischgespräch der Menschen orientiert, immer eine Marktnische gebe. Wie er mit der Welt überrachen will, kann er nicht verraten, das sei "Betriebsgeheimnis". Köppel zitiert aber Ben Bradlee, Chefredaktor der Washington Post, der gesagt hat: "Heute eine gute Zeitung, morgen eine bessere."

