Trotz der schlechten Wirtschaftslage und trotz der Skepsis vom letzten Frühling: An der Zürcher Dufourstrasse 23 gibt man sich mehr als positiv, was das laufende Jahr anbelangt. 2004 sei ein gutes Jahr für die 99 Titel, die 8 Druckereien und den Fernsehbereich, freut sich Martin Werfeli. Umsatz und Konzernergebnis seien am Wachsen, das Spitzenjahr 2000 könnte sogar übertroffen werden.
Ringiers Stärke liege in der grossen Diversifikation, erläuterte Werfeli weiter. Dies zum einen bei den verschiedenen Mediengattungen und zum anderen geographisch. Hier bekräftigte der Ringier-CEO einmal mehr, dass man vor allem von Asien in Zukunft viel erwarte, aber auch von Zentral- und Osteuropa, wo der Medienmarkt stark in Bewegung sei.
Zentraleuropäischer Markt im Umbruch
Wie Werfeli weiter ausführte, sei die Entwicklung des zetraleuropäischen Markts zur Zeit sehr spannend. So habe die Lancierung eines Blicks für die Frau in der Slowakei und Tschechien umgehend bis zu fünf Konkurrenten auf den Platz gerufen, die teils fast identische Kopien lanciert hätten. Ringier sei in dem Bereich aber heute mit je über 200'000 Exemplaren Marktleader. Im Übrigen habe Ringier diesen Montag auch in Serbien einen ähnlichen Titel auf den Markt gebracht und auch ein in Rumänien lanciertes Blatt für die junge Frau sei auf gutem Weg.
Besondere Beachtung verdient gemäss Michael Ringier auch der ungarische Markt: Hier ist mit einer von Springer im Grossraum Budapest lancierten Tageszeitung ein starker Konkurrent aus dem Ausland in den Markt eingetreten. Zwar scheinen die Verkäufe dem Schweizer Verleger "zu Zeit noch relativ tief", man wolle die Leader-Position des ungarischen Blick-Ablegers jedoch von Beginn weg verteidigen. Generell könne man aber sagen, dass die Ringier-Titel im Osten weiter steigende Auflagen auswiesen, dies trotz immer wieder neuer Konkurrenten. Es stünden daher auch Investitionen in die Druckkapaziäten vor Ort an -- zum einen seien die Auflagen zu hoch für die heutigen örtlichen Druckpartner, zum anderen gehe es darum, die eigene Unabhängigkeit zu wahren.
Generell wies Michael Ringier einmal mehr darauf hin, dass der zentraleuropäische nicht mit dem westeuropäischen Medienmarkt verglichen werden könne. Dazu seien die politischen Einflüsse oft zu markant.

Zukunftsmarkt Asien
Grosse Hoffnungen setzt Ringier weiterhin auf Asien. In Vietnam gibt das Medienhaus als einziger legal operierender ausländischer Verleger fünf Publikationen heraus. Martin Werfeli: "Wir warten zwar schon eine ganze Weile, dass sich das Land öffnet. Da wir aber schwarze Zahlen schreiben, kostet uns dieses Abenteuer zur Zeit kein Geld".
Tätig ist Ringier auch in China, und zwar mit dem Inflight Magazin für die chinesischen Airlines, sowie dem Kochmagazin Betty's Kitchen. Für Betty's Kitchen vermeldet Werfeli einen markanten Anzeigenanstieg von 50 Prozent. Zwar sei die Basis noch ziemlich tief und schlage sich auch noch nicht wirklich auf die Konzernrechnung durch, meinte der CEO augenzwinkernd. Man glaube aber, hier einst einen Massenmarkt abdecken zu können.
Entspannung in der Schweiz
In der Schweiz ortet Ringier in den letzten Monaten eine "spürbare Entspannung". So sei die Zeitungsdruckerei in Adligenswil voll ausgelastet und auch bei den Anzeigenerlösen sei ein Anstieg zu vermerken. Werfeli: "Dieser ist zwar nicht dramatisch, aber zumindest bemerkenswert, da sich in der Schweiz noch keine ökonomische Euphorie eingestellt hat".
Zugelegt hätten bei der Ringier-Presse vor allem die Zeitungen. So werde der welsche Titel Le Temps, den Ringier gemeisam mit Edipresse und zwei weiteren Aktionären dieses Jahr übernommen hatte, erstmals die Gewinnschwelle erreichen. Eine positive Entwicklung verzeichnet Werfeli aber auch bei Cash, was man u.a. dem "kleinen" Relaunch zurechne. So liege man hier über dem Vorjahresergebnis. Das Blatt hatte bekanntlich aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage einen ziemlich hohen Leserschwund hinnehmen müssen und auch bei den Anzeigen stark verloren.
In Sachen Zeitungsauflage stabil habe sich hingegen das Magazin Betty Bossi gezeigt. Die Kooperation mit Coop generiere laufend steigende Umsätze. Das Thema Kochen sorgt laut Werfeli aber auch im TV-Bereich für erfreuliche Zahlen. Seit das von RingierTV produzierte Kochmagazin "Al dente" auf SF 1 ausgestrahlt werde, hätten sich die Zuschauerzahlen nahezu verdoppelt.
Ebenfalls als Erfolgsgeschichte titutliert wurde am Dienstag die Umstellung des Blicks auf Tabloid. So sei die Akzeptanz am Kiosk "sehr gross", erklärte Michael Ringier. Aber auch die Anzeigenkunden hätten positiv reagiert. Die Abonnenten hingegen bräuchten "wohl etwas länger, um sich an das neue Format zu gewöhnen". "Doch", so der Verleger, "wichtig ist für uns nicht eine rasant steigende Auflage, sondern dass unsere Leserschaftszahlen stimmen. Und diese stimmen".
Geändertes Kaufverhalten
Dennoch bezeichnete Michael Ringier den Schweizer Markt weiterhin für alle Ringier-Titel als "wahnsinnig hart". Selbst eine Schweizer Illustrierte, die seit Jahren am Kiosk zugelegt habe, werde mit einem veränderten Kaufverhalten konfrontiert. Es sei nicht so, dass die Leute weniger lesen würden. Stattdessen würden aber viele Zeitungen einfach weitergegeben, wandere ein Blick durch ein ganzes Mehrfamilienhaus. Ein Phänomen, mit dem wohl alle Schweizer Medienhäuser zu kämpfen hätten.
Die ganz grosse Frage sei für ihn aber, wie sich die heutige Jugend künftig verhalten werde. "Die Teens lesen 20 Minuten, chatten im Internet, kommunizieren via Handy -- wie werden diese mit dem Medium Zeitung umgehen, wenn sie 30 sind?" Eine Frage, die ihm grosses Kopfzerbrechen bereite.
Neue Projekte
In den nächsten beiden Jahren wird laut Michael Ringier der Investitionsschwerpunkt des Medienhauses in der Schweiz liegen. Man arbeite einerseits laufend an neuen Projekten, was aber viel Geld koste. Andererseits würden halbe Sachen beim heutigen Konkurrenzfeld aussen gar nicht mehr wahrgenommen. Ringier: "Wenn wir etwas Neues machen, dann mit aller Kraft".
Angestammte Titel müssten den Lesern Zusatznutzen liefern, damit die Auflage gehalten werden könne. Als gelungenes Beispiel nannte der Verleger den Foto-Blick. Dass die Blick-Dienstagsbeilage anzeigenfrei sei, sei aber nicht Konzept, meinte er lachend. Er hoffe, dass die Anzeigenkunden die neue Beilage ebenfalls entdecken würden. Immerhin sei der Kiosk-Verkauf dienstags jeweils leicht höher, ein untrügliches Zeichen für das Leser-Interesse. Zum Projekt "Neue Zeitung" hielt man sich einmal mehr bedeckt.
Gespannt beobachtet man an der Dufourstrasse auch, was sich bei der Swisscom in Sachen Fernsehen anbahnt. Michael Ringier: "Das könnte sehr interessant für uns werden." Der Fernsehmarkt in der Schweiz werde sich stark verändern. Zur Zeit sehe er aber keine Konsequenzen für RingierTV. Und Martin Werfeli doppelt nach: "Wir haben immer Fernsehen gemacht, um Geld zu verdienen -- daran wollen wir uns auch in Zukunft halten."

