08.06.2010

Medienkritik

Wie Abhilfe schaffen?

Roger Blum antwortet auf Gottlieb F. Höpli - Debatte fortgesetzt.

Dass über Medienkritik diskutiert wird, ist erfreulich. Insofern begrüsse ich Gottlieb Höplis Replik auf meine Analyse. Nur hat er sie leider nicht genau gelesen. Was war die Grundthese? Medien üben in der Gesellschaft eine Kritik- und Kontrollfunktion aus, und deshalb stellt sich die Frage, wer diese Kontrolleure kontrolliert. Da die Hauptaufgabe der Medien die Herstellung von Öffentlichkeit ist, muss auch die Medienkritik öffentlich sein.

Die Bestandesaufnahme zeigt aber, dass die Medienzeitschriften, Online-Mediendienste und Blogs, die die Medien kontinuierlich, lebendig und vielfältig beobachten, nur innerhalb der Medienbranche zur Kenntnis genommen werden. Die Gesamtöffentlichkeit merkt davon nichts. Und der Medienjournalismus in den gesamtöffentlichen Medien – also in Zeitungen, in Radio und Fernsehen – ist rar. Die medienkritischen Organisationen wiederum wirken zu wenig kraftvoll, weil sie so zersplittert sind.

Was ist zu tun, damit sich dies ändert? Drei Schritte könnten Abhilfe bieten:

1) Tageszeitungen und Sonntagszeitungen, aber auch die SRG, sollten dem Medienjournalismus mehr Gewicht verschaffen. Sie sollten den Medienmarkt, die Medienunternehmen und das Medienverhalten kritisch verfolgen, analysieren, kommentieren. Sie könnten in ihren Spalten, aber auch auf ihren Websites die Beiträge von Medienzeitschriften und Online-Mediendiensten vermehrt zitieren und diskutieren. In Deutschland verfügen alle grösseren Tageszeitungen über feste Medienseiten. In der Schweiz fehlen diese in mindestens 30 der wichtigen Zeitungen.

2) Die medienkritischen Organisationen sollten ihre Kräfte bündeln statt sich zu zersplittern. Zumindest der "Verein Qualität im Journalismus", "Arbus", der "Verein Medienkritik Schweiz", die "Gesellschaft für Medienkritik Schweiz", die Regionalgenossenschaften der SRG und die Journalistenorganisationen sollten sich nicht vor allem gegeneinander profilieren, sondern im Dienst der Sache am gleichen Strick ziehen. Auch die Wissenschaft könnte einbezogen werden, vor allem der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich und das Europäische Journalismus-Observatorium an der Universität Lugano. In Deutschland erscheinen zur Jahrestagung des "Netzwerks Recherche" jeweils etwa 500 Leute. Auch wenn die Schweiz mehr als zehnmal kleiner ist: Wenn alle zusammenspannen, könnte auch ein jährliches medienkritisches Symposium zu einem Grossereignis werden.

3) Alle Medien sollten Ombudsleute haben, die Beanstandungen aus dem Publikum entgegennehmen und im eigenen Medium regelmässig über grundsätzliche Fragen, die dabei auftauchen, publizieren. In den USA ist diese Institution weit verbreitet. In der Schweiz kennen sie bis jetzt nur Radio und Fernsehen (obligatorisch, vom Gesetz vorgesehen) sowie die Tamedia, die Springer-Medien, die AZ-Medien, "Le Matin", "24heures", "Tribune de Genève", "La Regione" und die "Neue Luzerner Zeitung". In mindestens 10 Medienunternehmen fehlt diese Institution bisher.


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