12.09.2018

Suizid in den Medien

Wie Medien Leben retten können

Der mutmassliche Suizid des Sängers Daniel Küblböck beschäftigt die Medien. Dabei zeigt sich: Immer häufiger werden Infoboxen mit Hilfsangeboten publiziert. Welche Regeln gelten bei Tamedia, Ringier, NZZ oder «Watson»? Der aktuelle Fall in der Praxis.
Suizid in den Medien: Wie Medien Leben retten können
Medienschaffende tragen in der Berichterstattung über Suizid grosse Verantwortung. Gut gemacht, kann ein Bericht über Suizid dazu beitragen, weitere Suizide zu verhindern. Schlecht gemacht, kann er einen Nachahmungssuizid auslösen. (Bild: Keystone)
von Christian Beck

Keine Hoffnung mehr für Daniel Küblböck: Am Montag, einen Tag nach dem Sprung des Sängers von einem Kreuzfahrtschiff vor der Küste von Neufundland, hat die kanadische Küstenwache die Suche eingestellt. Der frühere Kandidat von «Deutschland sucht den Superstar» war nach Angaben der Reederei des Kreuzfahrtschiffs «Aidaluna» am frühen Sonntagmorgen von Bord des Schiffs gesprungen.

Der mögliche Suizid Küblböcks fand in den deutschsprachigen Medien grosse Beachtung. «Medien berichten vorbildlich», stellt dabei der Schweizer TV-Journalist Alexander Wenger auf Twitter fest. Dazu postet er diverse Screenshots, die zeigen, wie Medien auf Hilfsangebote für Personen mit Suizidgedanken hinweisen.


Es sei erwiesen, dass Medienberichte zur Enttabuisierung des Themas beitragen können und damit einen Beitrag zur Verhinderung von Suiziden leisten, schreibt die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich in der Checkliste «Über Suizid berichten». Gleichzeitig wisse man aber auch, dass unachtsame Berichterstattung über Suizid bei bereits gefährdeten Menschen Nachahmungshandlungen auslösen können.

Eine Gratwanderung für Journalisten also. «Wenn auf eine Berichterstattung nicht verzichtet werden kann, dann sollen auch Lösungen aufgezeigt werden», sagt Annett Niklaus, Medienverantwortliche Prävention und Gesundheitsförderung Kanton Zürich. Mit Lösungen meint Niklaus Infoboxen, wie sie im Fall Küblböck eingesetzt wurden. «Wir haben das Gefühl, dass vermehrt solche Hinweise platziert werden», sagt sie zu persoenlich.com.

Eine Feststellung, die auch Franco Baumgartner, Geschäftsführer der «Dargebotenen Hand», schon gemacht hat: «Ich denke, dass bei Medienberichten heute ziemlich konsequent auf die sehr niederschwelligen Hilfsangebote – wie die Telefonnummern 143 oder 147 – hingewiesen wird. Das ist sehr erfreulich.» Baumgartner vermutet, dass dies auch eine Folge der Kampagne «Reden kann retten» sei (persoenlich.com berichtete). Durch die Kampagne sei das Thema Suizid stärker in der Öffentlichkeit diskutiert worden.

Ob es nach Medienhinweisen mehr Anrufe gebe, kann Baumgartner nicht sagen. «Man kann aber sicher sagen, dass das Bewusstsein, dass es ein solches Angebot gibt, in der Öffentlichkeit zunimmt, wenn man konsequent darauf hinweist.» Das führe wohl dazu, dass dann die eine oder andere Person in einem konkreten Fall vielleicht eher anrufe.

Keine Infobox in der NZZ

Im aktuellen Fall Küblböck hat die «Neue Zürcher Zeitung» keinen Hinweis auf Hilfsangebote platziert. «Die NZZ hat sich in diesem Fall an die wenigen verfügbaren bestätigten Informationen gehalten. Hätten wir ein grösseres Thema aus dem Vorfall gemacht, wären auch bei uns Zusatzelemente zum Zug gekommen», sagt NZZ-Sprecherin Sabrina Izumi auf Anfrage von persoenlich.com. «Wir halten uns an bestätigte Fakten und einwandfreie Quellen. Und schreiben demzufolge erst dann von ‹Verbrechen› oder ‹Suizid›, wenn uns entsprechende, offiziell bestätigte Informationen vorliegen.»

Anders bei «20 Minuten»: «‹20 Minuten› setzt die ‹Suizidbox› konsequent, wenn der Artikel das Thema konkret oder implizit streift. Dies im Sinne der Suizidpräventionsorganisationen», sagt der stellvertretende Chefredaktor Gaudenz Looser. «Als Faustregel gilt: Über normale Suizide – SBB, in Privaträumen, et cetera – berichtet ‹20 Minuten› nicht.» Fallweise werde entschieden, wenn Suizide besonders spektakulär in der Öffentlichkeit passieren, Dritte von der Tat erheblich betroffen sind (sogenannter erweiterter Suizid, Fremdgefährdung, etc.) oder Prominente Suizid begehen.

Der «Blick» weist bei solchen Berichten wie jener über Küblböck auf die «Dargebotene Hand» hin. «Wir haben das vor einigen Jahren direkt mit dem Schweizer Verband ‹Dargebotene Hand› so vereinbart und sie begrüssen unser Vorgehen. Wir finden es wichtig, dass Menschen in schwierigen Situationen wissen, wo sie Hilfe finden», sagt Ringier-Sprecher Manuel Bucher.

Seit rund einem Jahr platziert das Onlinemagazin «Watson» jeweils solche Hinweise. «Die Box kommt in jede Berichterstattung zu Suizid oder vermutetem Suizid», so Chefredaktor Maurice Thiriet. «Es gibt ausserdem weitere Richtlinien, wie etwa, dass man immer von Suizid schreibt und nicht etwa Selbstmord oder Freitod, um jede positiv oder negativ dramatische Konnotation wegzulassen.»

Details vermeiden

Nicht nur Checklisten und Guidelines für Medien (wie jene von Ipsilon, einer Initiative zur Prävention von Suizid) geben Tipps, wie – wenn überhaupt – über Suizide berichtet werden soll. Auch der Presserat gibt in der «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» eine Empfehlung ab: «In allen Fällen beschränkt sich die Berichterstattung auf die für das Verständnis des Suizids notwendigen Angaben und darf keine intimen oder gar herabsetzenden Einzelheiten enthalten. Um das Risiko von Nachahmungstaten zu vermeiden, verzichten Journalistinnen und Journalisten auf detaillierte, präzise Angaben über angewandte Methoden und Mittel.»

Ringier sei «sehr zurückhaltend» mit der Berichterstattung über Suizide, sagt Bucher. «Wir berichten in der Regel nicht über Suizide. Ausser, wenn es besondere Umstände gibt: Etwa, wenn das öffentliche Interesse an einer Person sehr gross ist oder der Fall grosse Auswirkungen auf die Öffentlichkeit hat. Aber auch dort berichten wir nicht über alle Details und sind überaus vorsichtig und zurückhaltend.»

«‹Watson› berichtet über Suizide, wenn die Betroffenen Personen des öffentlichen Lebens, Interesses oder der Zeitgeschichte sind und aufgrund der Prominenz der Betroffenen viele Menschen am Tod Anteil nehmen», so Thiriet. «Über Suizid-Versuche oder Suizide in anderen Personengruppen berichten wir nicht oder dann nur mit der Umschreibung ‹Personenunfall›.»

Auch «20 Minuten» halte sich an die Empfehlungen der Suizidpräventionsorganisationen und verzichte so weit als möglich auf Details zum Vorgehen, um Nachahmern keine Anleitung zu liefern. «Im Fall Küblböck war das allerdings nicht möglich, weil der Sprung ins Meer selber zentraler Teil des Ereignisses war», sagt Looser. «Entsprechend den Empfehlungen der Suizidpräventionsorganisationen berichten wir aber über erfolgreich verhinderte Suizide.»

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«Generell behutsam» mit der Berichterstattung zu Suiziden würden auch die Bezahltitel aus dem Haus Tamedia umgehen. «Wir sind jedoch der Meinung, dass es sich nicht um ein Tabuthema handelt, sondern um ein Ereignis, das vorkommt und das man thematisieren darf und soll», sagt Tamedia-Sprecher Roman Hess. Bei erweiterten Selbstmorden im terroristischen Umfeld würden die Namen der Täter normalerweise nicht genannt, «um eine Heroisierung zu vermeiden».

Bei der NZZ werde die Privatsphäre der Einzelnen respektiert, sofern das öffentliche Interesse nicht das Gegenteil gebiete. «Bei Personen des öffentlichen Lebens liegt die Schwelle zur Privatsphäre tiefer. Aber sie existiert sehr wohl und ist zu respektieren. Dieser Grundsatz gilt auch bei der allfälligen Berichterstattung über Suizide», so Izumi.

Erfreulich beim nicht gerade erfreulichen Thema Suizid: «Dass die Arbeit von ‹Tel 143› und die Präventionsarbeit zum Thema Suizid einen gewissen Erfolg hat, zeigt eigentlich die langfristige Entwicklung», so Baumgartner von der «Dargebotenen Hand». Seit den 80er-Jahren seien die Suizide in der Schweiz deutlich zurückgegangen – was aber sicher auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen generell zu tun habe.



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