06.06.2022

Kolt

«Wir bewegen uns in einem Pioniergebiet»

Nach 13 Jahren stellt das Oltener Magazin Kolt den Betrieb ein. Herausgeber Yves Stuber erzählt von den letzten Monaten und sagt, was er rückblickend in Bezug auf Finanzierung und Produktstrategie anders gemacht hätte. Zudem spricht er über andere regionale Onlinemedien.
Kolt: «Wir bewegen uns in einem Pioniergebiet»
«Dass wir Kolt beenden, bedeutet nicht, dass es in Olten nicht funktioniert»: Yves Stuber ist Gründer und Herausgeber von Kolt. (Bild: Oliver Nanzig)
von Michèle Widmer

Herr Stuber, Kolt einzustellen falle schwer, befreie aber auch, steht in der letzten Ausgabe. Wie geht es Ihnen ein paar Tage nach der Entscheidung?
Die paar Tage haben an meiner Gefühlslage noch nicht viel verändert. Ich zitiere aus meinem Abschiedstext, den man hier in voller Länge lesen darf: «Es fühlt sich an, als ob ein bester Freund stirbt. Ein Freund, der so oft Unterstützung und viel Energie benötigte; den ich deshalb manchmal hasste und öfters liebte. Weil ich ihm dankbar bin für die reiche Erfahrung, die wertvollen Begegnungen, das erlernte Wissen, die Freuden und Leiden, die mein Leben dank ihm 13 Jahre lang erfahren durfte.»

Welche Reaktionen haben Sie von den Leserinnen oder generell aus der Branche erhalten?
Wir erhalten zahlreiche, sehr dankbare, aufmunternde und wertschätzende Worte. Es wird Kolt, mir und meinem Team sehr viel Respekt für seine Arbeit gezollt. Das ist echt sehr beeindruckend, überwältigend und zeigt mir, dass wir mit Kolt eine doch sehr geschätzte und wichtige Arbeit für die Region und die Branche geleistet haben.

In den letzten Monaten haben Sie und das Team ein neues Konzept entwickelt, das Kolt nochmals vorantreiben sollte. Warum kommt der Entscheid gerade jetzt?
Tatsächlich. Vom optimistischen Plan zur unvermeidlichen Notbremse. Auch hier möchte ich aus meinem Text zitieren: «Ich sähe (nach wie vor) das Potenzial. Mithilfe von Stiftungen wäre es wohl auch möglich gewesen, die weiteren Monate zu finanzieren. Aber: Die Strategie wäre wieder mit sehr grossem Risiko und weiteren Jahren des finanziellen Drucks, ewiger Geldbeschaffung, Lohnverzicht und dem Zwang, möglichst schnell möglichst viele Abonnenten zu gewinnen, verbunden gewesen. Die Erfolgsaussichten wären wiederum äusserst unsicher gewesen. Ironischerweise glaube ich noch immer, dass ein funktionierendes, lokales Modell von Kolt möglich wäre. Wenn da nur genügend Energie und Kapital existierte. Es bräuchte auch dann noch ein paar Jahre Schnuuf, wenn das erneuerte Modell erfolgreich geworden wäre.»

«Wir haben auch am Ende dieses Projekts als Team gehandelt»

Wie viele Personen sind von der Schliessung betroffen?
Unmittelbar betroffen sind mein Team und ich. Das Team zählt nebst mir drei Festangestellte und vier Personen auf Mandatsbasis.

Wann und wie haben Sie das Team informiert?
Unmittelbar nach dem definitiven Entscheid in der zweiten Maihälfte habe ich begonnen, bilaterale Gespräche zu führen. Zuerst mit den Festangestellten, danach mit dem restlichen Team. Ich hatte sehr, sehr grossen Respekt vor diesen Gesprächen. Sie waren dann so verständnisvoll und konstruktiv, dass wir auch am Ende dieses Projekts als Team gehandelt haben. Das ist eine Erleichterung und macht auch ein wenig stolz. Wir helfen einander, wo wir können, und sind auch jetzt in regelmässigem Austausch.

In den letzten Jahren sind mehrere lokale Onlineportale entstanden. Tsüri, das 2021 erstmals den Break-even erreichte, Bajour oder seit Neuestem Hauptstadt. Warum funktioniert es dort und in der Region Olten nicht?
Wir sind mit diesen Portalen freundschaftlich verbunden und haben uns mit ihnen punktuell ausgetauscht. Ich beobachtete deren Entwicklung immer sehr aufmerksam. Die Modelle unterscheiden sich stärker, als es auf den ersten Blick erscheint. Auch in ihrer Finanzierung. Ich habe grossen Respekt vor deren Arbeit, möchte aber doch festhalten: Nein, die funktionieren alle nicht, wenn ich sie mit demselben Anspruch bewerte, den ich an Kolt hatte. Selbst bei Tsüri relativiert sich dann der Break-even, wenn man die Löhne betrachtet.

«Dass wir Kolt beenden, bedeutet nicht, dass es in Olten nicht funktioniert»

Welche Rolle spielen die regionalen Unterschiede des Zielmarktes?
Grundsätzlich unterscheiden sich die Regionen und ihre Menschen mit ihren Präferenzen, Herausforderungen und ihren eigenen medialen Situationen, was spezifische Lösungen verlangt. Selbstverständlich bedeutet ein grösserer Markt eine höhere Chance, genügend zahlende Mitglieder oder Leserinnen zu gewinnen. Sprich insbesondere in den Schweizer Grossstädten muss das einfach möglich sein, wenn man sich thematisch und auch politisch nicht allzu stark einschränkt, und dabei trotzdem ein klares Profil aufweist. Und dass wir Kolt beenden, bedeutet nicht, dass es in Olten nicht funktioniert. Es funktionierte noch nicht oder nicht so, wie wir bisher gearbeitet haben. Ich glaube noch immer, dass es möglich gewesen wäre.

Wie meinen Sie das?
Man muss wissen: Wir bewegen uns hier in einem Pioniergebiet. Wir sind alle auf der Suche, nach dem, was funktioniert und was nicht. Wir bewegen uns dabei nicht nur im Schweizer Vergleich, sondern wir sind alle ein Teil einer internationalen Entwicklung. Das feine Rezept, welches überall funktioniert, das gibt es nicht. Aber wir haben alle viel dazu beigetragen, herauszufinden, welche Zutaten in welcher Dosierung funktionieren und welche nicht. Es erscheint mir manchmal wie ein komplexes Rätsel. Die Teile liegen vor der Nase. Sie lassen sich in verschiedenen Kombinationen zusammenfügen. Die Lösung liegt da und benötigt noch viel Zeit und Energie bis sie in Erscheinung tritt. We’re getting there!

Im Oktober 2020 haben Sie Kolt mit einem neuen Konzept lanciert. Welche Entscheidungen hätten Sie rückblickend auf die letzten eineinhalb Jahre anders gefällt?
Rückblickend ist man immer klüger. Aber okay: 1. Finanzierung zu 80 bis 100 Prozent garantiert über mindestens drei, besser fünf Jahre. 2. Abo-/Paywall-Diversifizierung: kostenlos, was Reichweite verlangt, niederschwelliger Zugang online und ein Premium-Modell, was unserem bestehenden Modell entspräche. 3. Klares eigenständiges Profil, das sich zu 100 Prozent von anderen Medien unterscheidet und einen authentischen Charakter aufweist. 4. Journalismus ist Mittel und kein Zweck. Wir verkaufen nicht Journalismus, sondern den Zweck! Also: Wofür tun wir unsere Arbeit und wo ist der grösstmögliche Nutzen für die Bevölkerung? 5. Der Trichter muss gross sein und möglichst die gesamte Zielgruppe ansprechen. Das funktioniert regional gedruckt besser als digital. Das konkrete Gebiet lässt sich mit einer Gratiszeitung zu 100 Prozent ansprechen. 6. USP auf den Punkt bringen mit einer einfachen, leicht verständlichen Sprache, die möglichst viele aus diesem Trichter mindestens zur kostenlosen Newsletter-Anmeldung bewegt.

«Ja, ich glaube, nach Annahme des neuen Gesetzes wäre auch unsere Situation optimistischer gewesen»

Ein Ja im Februar zum Mediengesetz hätte dem Projekt finanzielle Perspektiven gegeben. Inwiefern spielte diese Abstimmung und das Ergebnis beim Aus von Kolt mit?
Es fühlt sich nicht gut an, dieses Aus zu politisieren. Wir produzierten Kolt seit 2009 bereits Jahre vor dieser Abstimmung. Aber es ist natürlich schon so, dass die vorgängige Diskussion Hoffnung geweckt und somit auch die Bereitschaft erhöht hat, weiteren Effort zu leisten, weil da Licht am Horizont war. Wir haben uns regional enorm für ein Ja eingesetzt und in Olten ein 50-50 herausgeholt. Das zeigte mir, dass mit mehr Power ein anderes Resultat hätte erzielt werden können. Ja, ich glaube, nach Annahme des neuen Gesetzes wäre auch unsere Situation optimistischer gewesen. Wir haben 2009 mit einer minimalen privaten Anschubfinanzierung gestartet; das ist möglich, benötigt aber enorm viel Willen und sehr viel Ausdauer. Und irgendwann kommt der Punkt unweigerlich, wo einfach mehr Kapital benötigt wird. Solange kein positives Beispiel realisiert wird, das zeigt, dass Lokaljournalismus ein Geschäft sein kann, wird kein gewichtiges, externes Investment riskiert. Economics! Ich bin der Republik dankbar, dass sie den Break-even derart schnell geschafft hat. Ein solches Beispiel hat sehr starken positiven Einfluss auf potenzielle Nachfolgeprojekte. Nur deshalb, weil es die schwarzen Zahlen erreicht hat. Es ist jetzt national Neues möglich, wenn man will. Punkt. Lokal, regional gibt es noch Pionierarbeit zu leisten. Sie wird glücklicherweise auch ohne Kolt weiterhin geleistet.

Haben Sie in Bezug auf eine allfällige Übernahme von Kolt in der Branche Gespräche geführt?
Nein, aber ich habe mir die vergangenen Jahre darüber Gedanken gemacht. Offenbar haben mich meine Kalkulationen nicht überzeugt, einen solchen Versuch zu starten. Dazu kommt: Kolt ist regional ein sehr starker Brand, der als positiver, aktiver und inspirierender Charakter wirkt. Daraus kann theoretisch noch viel Gutes entstehen. Niemand zahlt mir den Wert dieses Brands, weil die Rechnung nicht stimmt. Das andere ist: Ich habe jetzt gerade vielleicht keine grosse Lust. Aber ich kann den Knopf drücken und die Maschine wieder starten, wenn denn jemand Interesse hätte. Sie benötigt motivierte Talente und nur wenig Infrastruktur. Unser regional stark verankerter Veranstaltungskalender lässt sich vielleicht in einer Kooperation wirtschaftlich nutzen. Diese Option existiert.

War es keine Möglichkeit gewesen, kürzer zu treten und Ihre Aufgaben als Verleger und Geschäftsführer an eine andere Person zu übergeben?
Und diese Person hätte im Lotto gewonnen? Was Energie raubt, ist nicht die Arbeit, sondern das ewige Damoklesschwert «Liquidität».

Wie sehen für Sie nun die kommenden Wochen aus?
Hauptsächlich mit Menschen reden und Lösungen finden. Kolt hat Rechnungen zu begleichen, Löhne zu bezahlen und Darlehen, die rufen. Ich bin zuversichtlich und arbeite daran, dass Kolt auch diesbezüglich einen würdigen und fairen Abschluss findet.

Und längerfristig: Wo sehen Sie sich oder was wünschen Sie sich beruflich für die kommenden Jahre?
Auf der Strasse startet das Gespräch mit dieser Frage. Ich werde Gespräche mit Personen führen, die im Umfeld der Innovation und Unternehmensentwicklung tätig sind. Vielleicht auch innerhalb der Medienbranche. Da möchte ich mich noch nicht einschränken. Es öffnen sich bereits vereinzelt Türchen und Möglichkeiten. Zuvor muss ich mir klar werden, was ich mit meinen Fähigkeiten anstellen möchte und wen ich gerne unterstützen würde. Ziemlich sicher wird dies im Bereich der kunden- und produktorientierten Entwicklung sein, Ideen- und Konzeptfindung. Vielleicht beratend. Es ist das Einzige, was ich richtig gut kann, was mir einfach passiert und wogegen ich mich nicht wehren kann: Herausforderungen und Möglichkeiten sehen, Ideen für neue Chancen entwickeln, Bestehendes verbessern, Menschen miteinander vernetzen, um potenzielle Lösungen auszuprobieren, umzusetzen und Nutzen zu kreieren. Ich freue mich darauf!

Yves Stuber hat die Fragen schriftlich beantwortet.



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Kommentare

  • Oliver Kraaz, 07.06.2022 09:41 Uhr
    «Es fühlt sich an, als ob ein bester Freund stirbt. Ein Freund, der so oft Unterstützung und viel Energie benötigte; den ich deshalb manchmal hasste und öfters liebte. Weil ich ihm dankbar bin für die reiche Erfahrung, die wertvollen Begegnungen, das erlernte Wissen, die Freuden und Leiden, die mein Leben dank ihm 13 Jahre lang erfahren durfte.» - Entschuldigung. Das ist eine Entgleisung gegenüber allen, die ausserhalb der Medienbubble leben, in der man sich und seine Projekte so fürchterlich wichtig nimmt.
  • Lukas Vogelsang, 07.06.2022 07:38 Uhr
    Nun, etwas viel Innovationsgerede, als wäre KOLT das einzige Kulturmagazin in der Schweiz gewesen. Es gibt aber noch viele andere. Ich persönlich bin jetzt 20 Jahre daran und produziere nun die letzte unabhängige, inhabergeführte, Kulturzeitschrift in der Schweiz. Nach 13 oder 20 Jahren sind wir aber nicht mehr in einem Innovationsmarkt, sondern gehören zum alten Eisen. Das heisst, das Businessmodell lässt sich nicht mehr durch die Crowd finanzieren und mit etwas Glimmer auf dem Honigbrot, wirft man uns kein Geld zu. Aber in dieser Zeit hat man sich ein Netz aus Partnerschaften, Relevanz und Exklusivität gebaut - es ist die Stabilität im Markt, die auch das Anzeigegeschäft ankurbelt. Im ganzen Innovationsblabla geht oft vergessen, dass wir Kunden haben, die unsere Plattformen für Werbung verwenden. Das heisst, wir haben auch hier einen Nutzen zu erfüllen. Und das fehlt eben oft, wenn man sich nur auf den geilen Inhalt konzentriert. tsüri, bajour und Konsorten haben keine wirklich überlebensfähigen Konzepte zu liefern und wer diese Betriebe analysiert, stellt fest, dass viele gute Worte kein Betriebskonzept darstellen. Es wird viel Sand gestreut in dieser Branche.
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