Herr Müller, was verbindet heute NZZ und NZZ am Sonntag -- ausser dem Namen?
Als wir in der Schlussphase der Projektierung den Namen der zu gründenden Zeitung diskutierten, wurde alle Möglichkeiten wie "Sonntagsblatt", "Welt am Sonntag" etc. rasch verworfen. Die drei Buchstaben NZZ sind ein Bekenntnis zu den zentralen Prinzipien des Hauses NZZ: eine liberale Grundhaltung in politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen - also eine Absage an den Reflex, für alle auftauchenden Probleme sofort Lösungen vom Staat einzufordern. Und sie sind ein Bekenntnis, publizistische Qualität und Genauigkeit in den Fakten zur zentralen Richtschnur auch unserer Arbeit zu machen -- was nicht ausschliesst, dass wir in unseren Meinungen nicht auch sehr pointiert auftreten können.
In welchen Bereichen arbeitet die NZZ am Sonntag mit der NZZ zusammen?
In wenigen. Eine institutionalisierte Zusammenarbeit besteht im Sport-Bereich, wo es nur eine Redaktion für beide Titel gibt. Ebenfalls kooperieren wir im Bereich der Beilagen. Ansonsten arbeitet unsere Redaktion noch am Ehesten im Bereich der Auslandsberichterstattung mit der NZZ zusammen. Aber beide Redaktionen haben eine starke Eigenidentifikation -- was bei der NZZ nach 226 Jahren nicht erstaunen kann, was sich dagegen bei der NZZ am Sonntag innert gut vier Jahren rasch und positiv entwickelt hat. Ausdruck dieser Tatsache ist, dass wir auf der Redaktion fast keine Wechsel hatten.
Wird diese Zusammenarbeit verstärkt, da jetzt Ihr früherer Weggefährte Markus Spillmann das Zepter bei der NZZ übernommen hat?
Auch wenn es noch zu früh ist, um dazu verlässliche Aussagen zu machen, so glaube ich nicht, dass sich an den gegenwärtigen Verhältnissen viel ändern wird.
Die NZZ am Sonntag wagt sich auch an leichtere Stoffe heran -- ganz im Gegensatz zur NZZ. War es schwierig für Sie, diese publizistische Linie durchzusetzen?
Die Kunst besteht darin, auch über sogenannt Leichtes intelligent zu schreiben. Wobei ich überhaupt der Meinung bin, eine Zeitung sollte sich mit allen Themen befassen, mit denen sich die Menschen im Alltag beschäftigen. Und nicht immer stehen diese am Morgen auf und diskutieren als erstes leidenschaftlich den neusten Friedensplan im Nahen Osten. Ich habe von allem Anfang an intern gesagt, dass am Sonntag auch diese sogenannt leichteren Stoffe in der Zeitung Platz haben müssten. Dies wurde durchaus akzeptiert, wenn auch nicht immer mit genuiner Begeisterung.
Auch Ihre Zeitung macht bei der in der Sonntagspresse ausgeprägten Jagd nach Primeuren mit. Muss sie das eigentlich?
Es gibt drei Gründe eine Zeitung zu lesen: Sie bringt Neuigkeiten, also News; sie wartet mit Hintergründen und klugen Kommentaren auf; sie bereitet mit gut geschriebenen und thematisch attraktiven Reportagen ein Lesvergnügen. Die NZZ am Sonntag konnte und wollte nie eine dieser Sparten der Konkurrenz überlassen. Unsr Anspruch ist es, in allen drei Bereichen führend zu sein. Vielleicht noch ein Wort zur leicht pejorativen Formulierung "Jagd nach Primeuren" -- die ja als Standardfloskel so flüssig über die Lippen von Politikern und Medienjournalisten kommt. Wir recherchieren und recherchieren hartnäckig, weil wir den Dingen auf den Grund gehen wollen. Als Wochenzeitung haben wir dafür mehr Zeit als viele Kollegen, die im Tagesgeschäft stecken. Dass wir etwa die Winkelzüge von Bundesrat Joseph Deiss in der Kampfhunddebatte ans Tageslicht gebracht haben, mag dessen Rücktrittsabsicht bestärkt haben. Aber dies brachte Transparenz in eine Angelegenheit, in der alle Beteiligten nur noch mit Blick auf die Galerie agierten.
Wo hebt sich Ihrer Ansicht nach die NZZ am Sonntag von ihrer Konkurrenz ab? Und wo hat sie Rückstand?
Wir sind die Qualitätszeitung am Sonntag. Punkt. Im Rückstand sind wir noch bei der Auflage. In publizistischer Hinsicht dagegen sollten wir uns wie bis anhin aus uns selbst entwickeln und nicht auf die beiden Mitbewerber starren.
Die NZZ am Sonntag ist im Gegensatz zur NZZ auch bei der jüngeren Leserschaft angesagt. Zudem ist der Titel finanziell erfolgreich. Spüren Sie manchmal Neid von Seiten der Kollegen von der Wochentags-NZZ?
Was das Finanzielle betrifft, so wollen wir das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist! Wir hoffen, dieses Jahr die schwarzen Zahlen zu erreichen. Aber es ist erst Mai. Zudem ist auch die Wochentags-NZZ selbst, also die Zeitung, finanziell erfolgreich. Und da die Wochentags-NZZ das Trendige noch nie zu ihrem Markenzeichen machen wollte, sehe ich gar keinen Anlass für Neid. Dagegen gibt es sicher im journalistischen Alltag ein gewisses Wettbewerbsdenken. Aber insgesamt würde ich das Verhältnis als gut bezeichnen.
Zeigt der Erfolg der NZZ am Sonntag Ihres Erachtens, dass auch die NZZ sich noch stärker bewegen müsste?
Da ich nur für die NZZ am Sonntag zuständig bin, steht es mir nicht zu, diese Frage zu beantworten.
Was hat sich durch die vielen personellen Wechsel in der Geschäftsleitung der NZZ für Sie geändert?
Die NZZ am Sonntag hat ein gewisses Ausmass an Autonomie und Selbständigkeit gewonnen. Und auf der Ebene Geschäftsleitung, Verlag und Anzeigen ist niemand mehr da, der an der Lancierung der NZZ am Sonntag beteiligt gewesen war. Fast schon komme ich mir wie der "letzte Mohikaner" vor.
Wie erklären Sie sich, dass alle Titel die am Sonntag erscheinen, zulegen?
Mit der Veränderung des Nutzungsverhaltens der Leserinnen und Leser, die unter der Woche eine multimediale Informationsstrategie befolgen -- Radio, Fernsehen, Internet, Gratiszeiungen, Tageszeitungen, Fachpresse ---, aber am Sonntag Zeit und Musse haben, sich gründlicher und vertiefter der Lektüre hinzugeben. Auch am Sonntagmorgen vor dem Computer zu sitzen ist emotional und familiär unattraktiv. Und nur auf den Selbstleser mit Musse warten die thematischen oder intellektuellen Überraschungen, die sich im Alltagsstress kaum einstellen.
Die Südostschweiz steigt in diesen Tagen in den Sonntagsmarkt. Rechnen Sie damit, dass noch mehr Regionalzeitungen Sonntagsausgaben lancieren werden?
Ich bin sicher, dass die anderen Regionalzeitungen das Experiment der Südostschweiz aufmerksam verfolgen. Sollte es erfolgreich sein, dürften analoge Projekte nicht auf sich warten lassen. Wobei man sich immer bewusst sein muss, dass Hanspeter Lebrument auf sehr spezielle Art und Weise zu kalkulieren pflegt. Dies "Bündner Arithmetik" ist nicht einfach aufs Unterland transferierbar.
Sie fürchten Sie sich also nicht vor neuer Konkurrenz?
Ich glaube nicht, dass Regionalzeitungen für uns eine ernsthafte Konkurrenz sein können. Denn deren Auflagenzahlen sind einfach zu klein, um im nationalen Werbemarkt Fuss fassen zu können.
Der SonntagsBlick erhielt vor kurzem einen eigenen Online-Auftritt. Wird dies auch bei Ihnen diskutiert?
Der Online-Auftritt der NZZ am Sonntag ist tief unbefriedigend. Dass wir hier in nächster Zeit den Hebel ansetzen müssen, ist klar. Ob ein eigener Online-Auftritt der Weisheit letzter Schluss ist, bezweifle ich eher.
Wie könnte die Marke NZZ am Sonntag online präsenter werden?
Ich kann dazu nicht viel sagen, da dieser Bereich nicht in meinen Händen liegt. Das Problem ist aber erkannt. Nach dem Weggang von Martin Breitenstein, dem bisherigen Online-Leiter der NZZ, will man fundamentaler über den Online-Auftritt nachdenken.
Abschlussfrage: Wird die NZZ am Sonntag in vier Jahren mehr Leser haben als die SonntagsZeitung?
Das wäre in der Tat erfreulich -- für uns!

