28.04.2006

"Wir treten an, um die beste Regionalzeitung der Schweiz zu machen"

Kaum hat er die Westschweizer Ausgabe von 20 Minuten lanciert, wartet auf Markus Eisenhut die nächste, schwierige Aufgabe: Ab 1. Mai steht er als Co-Chefredaktor zusammen mit Michael Hug der von Sparübungen gebeutelten Berner Zeitung vor. Im Interview mit "persoenlich.com" spricht der 20 Minuten-Mann der ersten Stunde über den mit harten Bandagen geführten Konkurrenzkampf in der Romandie und sagt, wie für ihn die Regionalzeitung der Zukunft aussieht.
"Wir treten an, um die beste Regionalzeitung der Schweiz zu machen"

Herr Eisenhut, Sie wurden bei der Übernahme von 20 Minuten durch Martin Kall unsanft aus dem Chefredaktorensessel gehievt. Trotzdem haben Sie sich bereit erklärt, für Tamedia die französische Ausgabe von 20 Minuten zu konzipieren. Weshalb?

Zugegeben: Ich habe lange damit gekämpft, dass ich 20 Minuten verlassen musste. Ich hatte die Zeitung in die schwarzen Zahlen geführt und bezüglich Leserschaft zur stärksten Kraft in der Schweiz gemacht. Dass ich trotz dieses Erfolges gehen musste, tat weh. Trotzdem aber liegt mir 20 Minuten auch heute noch sehr am Herzen, es ist sozusagen mein Baby. Deshalb trug ich mit meinem Engagement in der Romandie gerne dazu bei, dass das Abenteuer 20 Minuten auch in der Westschweiz erfolgreich sein wird. Gegenüber Tamedia-Konzernchef Martin Kall habe ich keine "Bad Feelings". Ich habe mich mit ihm ausgesprochen, das Thema ist erledigt.

Wie sieht Ihre Lagebeurteilung aus – rund sechs Wochen nach der Lancierung von 20 Minutes?

20 Minutes ist in der Romandie auf dem richtigen Weg, in inhaltlicher Hinsicht steht der Titel sehr gut da, besser als der Mitbewerber Le Matin Bleu. Es besteht aber sicher noch Luft nach oben. Der Anzeigenverkauf übertrifft unsere Erwartungen. In der Distribution müssen wir uns noch deutlich verbessern: Wir sind gegenwärtig daran, die Feinabstimmung zu optimieren.

Lässt sich der Verdrängungskampf in der Romandie vergleichen mit der Situation in Zürich, als 20 Minuten und Metropol um die Zürcher Vorherrschaft rangen?

Der Kampf in der Romandie läuft anders ab. Edipresse spielt hart auf den Mann. Mit Le Matin Bleu kämpfen wir gegen einen Konkurrenten, der praktisch eine Kopie von 20 Minuten ist. Le Matin Bleu hat die Farbe, die Philosophie, die Blattstruktur und grosse Teile des Layouts einfach von uns übernommen. Was unsere Ausgangslage in der Westschweiz aber vereinfacht: Wir müssen nicht mehr beweisen, dass das Gratiszeitungskonzept funktioniert.

Worin unterscheidet sich 20 Minutes von 20 Minuten?

Blattstruktur und Erscheinungsbild von 20 Minutes sind ein Abbild von 20 Minuten. Aber die Westschweizer Ausgabe trägt natürlich den Westschweizer Befindlichkeiten Rechnung. Wir müssen den Leserinnen und Lesern in der Romandie beweisen, dass diese Zeitung von Romands gemacht wird und nicht von Deutschschweizern. Deshalb pushen wir den Westschweizer Lokalkolorit sehr stark.

Weshalb machen Sie bei 20 Minutes nicht weiter?

Mit dem Posten als Co-Chefredaktor der Berner Zeitung habe ich eine Superaufgabe erhalten, die nicht weniger spannend ist als der Auftrag für 20 Minutes. Ich freue mich sehr auf die BZ.

Sie sind es gewohnt bei erfolgreichen Blättern zu arbeiten. Jetzt stehen Sie einer von zahlreichen Sparübungen gebeutelten Redaktion vor. Eine neue Erfahrung für Sie?

Natürlich habe ich keine einfache Aufgabe vor mir. Aber bei 20 Minuten war das auch nicht anders. Ich habe noch nie davor zurückgeschreckt, mich schwierigen Herausforderungen zu stellen. Zugleich erhielt ich bei meinen Besuchen den Eindruck, dass die Redaktion sehr motiviert ist.

Wie wollen Sie verhindern, dass die Redaktion Sie nicht einfach als Sparapostel sieht?

Ich glaube an die Zukunft der Regionalzeitung -- und das habe ich der Redaktion vermitteln können, so mein Eindruck.

Was macht Sie so erfolgssicher?

Im Vorarlberger Medienhaus, für das ich in Österreich und in Rumänien in leitender Funktion arbeitete, habe ich gelernt, wie man erfolgreich Regionalzeitungen macht. Die Vorarlberger Nachrichten gehören zu den erfolgreichsten Zeitungen Europas, weil sie die Bedürfnisse des Lesers beispielhaft abdecken. Natürlich profitiert das Blatt davon, dass es keine Gratiszeitung zur Konkurrenz hat. Aber dass die Regionalzeitung eine Zukunft hat, beweist sie trotzdem. Die Regionalzeitung muss die Möglichkeit ausspielen, im Internet, in den elektronischen Medien ins Detail zu gehen.

Sie betonen stets die Verzahnung des Prints mit den anderen Medien. Welches Konzept sehen Sie für die Berner Zeitung vor?

Ein Beispiel: In einer Berner Gemeinde wird eine Passerelle gebaut. Das ist für die Bewohner der Gemeinde wichtig, interessiert aber die meisten Leser der Region kaum. Hier haben wir die Möglichkeit, im Internet ins Detail zu gehen für all jene, die das Ereignis direkt betrifft. In der Zeitung werden wir die wichtigen Fakten bringen, der Leser kann über einen Link die Details im Internet erfahren. Wie das Multimedia-Konzept konkret aussieht, will ich aber noch nicht verraten.

Wollen Sie aus der BZ eine Art 20 Minuten machen?

Nein, natürlich nicht. 20 Minuten ist eine Gratiszeitung, die Berner Zeitung eine kostenpflichtige Regionalzeitung. Was ich aber bei 20 Minuten gelernt habe: Es geht nicht um den Journalisten, sondern einzig und allein um den Leser und seine Bedürfnisse. Das ist doch das Manko der Medien: Die Journalisten schreiben viel zu sehr für sich. Dabei vergessen Sie den Leser, oder besser gesagt den Kunden, wie ich ihn im Gegensatz zu den meisten meiner Kollegen nenne. Letztlich ist die Aufgabe bei einer Zeitung immer dieselbe: Erst geht es darum, die Zielgruppe der Zeitung zu identifizieren und zu erkennen, welche Bedürfnisse sie hat. Die Bedürfnisse der BZ-Leser unterscheiden sich freilich stark von den Bedürfnissen der 20 Minuten-Leserschaft.

Sie führen die Redaktion der Berner Zeitung gemeinsam mit Michael Hug. Wie sieht die Aufgabenteilung aus?

Die Aufgabenteilung steht. Ich möchte aber nichts verraten, bevor nicht die Redaktion informiert ist.

Anders gefragt: Wo sehen Sie Ihre Kernaufgaben?

Hug und ich sind angetreten, um die beste Regionalzeitung der Schweiz zu machen. Die Berner Zeitung muss in der Region die Zeitung sein, auf die niemand verzichten kann. Dabei wollen wir nicht den besten Auslandteil der Schweiz machen, sondern den besten Regionalteil. Und um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir alle uns zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen: Die elektronischen Medien, das Internet und das Radio. Ich bin überzeugt, dass wir dies mit der bestehenden Redaktion schaffen können.

Die NZZ findet, dass aus der BZ ein Provinzblatt geworden ist, seit die Ressorteinteilung abgeschafft wurde. Richtig?

Was die NZZ schreibt, ist mir egal. Wir haben ja die Ressorts nicht abgeschafft, sondern sind ganz einfach flexibler geworden. Wer meint, man könne eine Zeitung noch wie vor zehn Jahren machen, liegt falsch. Wir richten uns auf die Aktualität aus. Wir geben den einzelnen Themen dann je nachdem mehr oder weniger Platz in der Zeitung.

Wie gut kennen Sie die Region Bern?

Nicht wahnsinnig gut -- und damit ist auch gesagt, wer welches Ressort betreuen wird.

Wie sehen Sie die Rolle der Berner Zeitung im "Berner Modell", wie soll sie sich vom Bund abgrenzen?

Ich verstehe den Bund selbstverständlich als Konkurrenz. Und das ist gut so, ich war schon bei 20 Minuten ein wenig traurig, als Metropol vom Markt verschwand. Es ist viel spannender, wenn sich ein Titel an seiner Konkurrenz reiben kann.


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