30.08.2020

Blick TV

«Wir werden den Video-Player erneuern»

Vor rund einem halben Jahr startete Jonas Projer mit Blick TV eines der ambitioniertesten Medienprojekte der letzten Jahre. Wie steht es um den ersten Digital-TV-Sender der Schweiz? Ein Gespräch übers Hinfallen und wieder Aufraffen, Rattenschwänze und Hofnarren.
Blick TV: «Wir werden den Video-Player erneuern»
Springt dort ein, wo es ihn braucht: Blick-TV-Chefredaktor Jonas Projer im topmodernen Studio an der Dufourstrasse in Zürich. (Bild: Ringier)
von Edith Hollenstein

Herr Projer, im Juni sagte Marc Walder, er sei «zufrieden bis sehr zufrieden» mit Blick TV. Was läuft schlechter als erwartet?
Es läuft vieles viel besser als erwartet. Wir haben ein Auto gebaut, es funktioniert. Jetzt lernen wir, damit zu fahren. Wir haben ein Fernsehen aufgebaut, das es vorher nicht gab: schlank und aufs Elementarste begrenzt. Wir machen damit geplante Liveübertragungen, spontane Breaking News und attraktive Video-on-Demand-Inhalte (VoD). Dennoch sind wir auf grosse Überraschungen gestossen. Ich selber bin auf die Nase gefallen und das nicht zu knapp.

Wobei?
Zum Beispiel beim Verhältnis zwischen Live und VoD. Bevor wir starteten, planten wir einen einzigen Workflow für Live und VoD. Wir sendeten live und schnitten für VoD einzelne Clips heraus. So arbeiten auch viele internationale Vorbilder. Aber aufgrund des Feedbacks der Blick-User änderten wir das bald. Heute haben wir einerseits ein Team für VoD, deren Produkte wir dann teilweise ins Live-TV spielen, andererseits haben wir das Live-Team, deren Produkte wir dann teilweise ins VoD-Angebot integrieren. 

Agil agieren, wie man ja so schön sagt.
Genau das ist passiert.

Sprechen wir über die Zahlen: Durchschnittlich registriere Blick TV 100'000 Views pro Tag. Wie viel mehr liegt drin?
Selbstverständlich verfolge ich die Nutzerzahlen sehr genau. Einzelne Zahlen wurden ja auch schon veröffentlicht, aber weiter ins Detail gehe ich noch nicht.

Wollen Sie deshalb keine neuen Zahlen nennen, weil sie nicht gestiegen sind?
Nein, sondern weil wir in einem Jahr des Ausprobierens sind, in dem wir, wie gesagt, fahren lernen. Vieles entwickelt sich sogar sehr positiv. Aber wir sehen grosse Unterschiede zwischen Inhalten, die im Live funktionieren, und Inhalten, welche on demand erfolgreich sind. Eine politische Medienkonferenz beispielsweise ist ein Live-Ereignis, und danach ist sie vorbei. Das schaut sich niemand im Nachhinein an. Währenddessen die Nutzer ein unterhaltsames Kurzvideo lieber dann konsumieren, wenn es ihnen gerade passt. 

«Die Geschwindigkeiten von Digital und Live sind krass verschieden» 

Ist geplant, die Nutzungszahlen extern zu beglaubigen, bei der Mediapulse oder Netmetrix etwa?
Das wird aktuell vom Verlag geprüft, der Entscheid steht noch aus. 

Dann können Sie vielleicht andere Angaben machen: Um welche Uhrzeit schalten denn am meisten Leute ein? Jeweils morgens früh, wie beabsichtigt beim Start?
Die Pendlerzeiten sind tatsächlich zentral, also 6 bis 9 und 17 bis 19 Uhr. Aber blick.ch hat ja über den ganzen Tag einen hohen Traffic. Diese Nutzer erreicht man vor allem durch die Sichtbarkeit auf der Home. Darüber hinaus ist der Push natürlich ein wichtiges Mittel, um Nutzer ins Programm zu holen. Aber vieles andere müssen wir noch herausfinden.

Was haben Sie bisher Verblüffendes oder Relevantes herausgefunden?
Beispielsweise, wie krass verschieden die Geschwindigkeiten einer Digitalredaktion und eines Livekanals sind, selbst wenn sie auf derselben Website stattfinden. Die Digitalredaktion meiner Kollegin Katia Murmann kann bei einem News-Ereignis extrem schnell publizieren mit einem ersten Inhalt: Push, Titel, Lead, Update folgt. Danach kann sie eine neue Version erarbeiten, die erste steht für sich auf der Site. Live-TV dagegen muss konstant nachliefern, sobald es live geht. Der Moderator muss weiterreden, die nächste Skypeschaltung muss zu Stande kommen, der Experte muss das Telefon abnehmen, sonst ist Schluss. Was, wenn der Experte grad auf der Toilette ist? Oder wenn unser Partner CNN bei einem internationalen Ereignis noch gar nicht live ist? Ewig kann der Moderator nicht denselben Satz wiederholen. Wir sind schon sehr schnell geworden, aber da müssen wir uns noch einiges einfallen lassen. 

«Mein Team sagte mir, meine Moderation sei zu ernst gewesen, zu wenig locker»

Und inhaltlich?
Live-Events funktionieren auf jeden Fall sehr gut, also Polit- oder Sport-Medienkonferenzen etwa, oder auch kreierte Live-Events wie eine grosse Sendung über Rassismus oder der sehr erfolgreiche «Brack Truck» am Sonntagmorgen. Darüber hinaus hat das People-Format von Flavia Schlittler tolle Zahlen. Und natürlich Breaking News bei Grossereignissen rund um Corona, bei der Explosion in Beirut oder beim Canyoning-Unglück. Die Herausforderung ist, solche Grossereignisse mit einer so kleinen Crew abzudecken. Zum Beispiel hatte ich am Mittwoch einen Aha-Effekt. Am Mittwochabend habe ich ja erstmals die News moderiert … 

… stimmt, das habe ich gesehen. Ich hatte jedoch den Eindruck, Sie müssten sich dauernd das Lachen verkneifen.
Wirklich? Das Team sagte mir, ich sei zu ernst gewesen, zu wenig locker. Wieso das Lachen verkneifen?


Wahrscheinlich, weil diese boulevardesken Meldungen, etwa diejenige über die Russin in der Gletscherspalte, irgendwie nicht zu Ihnen passen und ich nicht glauben kann, dass Sie diese Inhalte ernsthaft für die wichtigsten News des Tages halten.
Ich fand das eine unglaubliche und sehr positive Geschichte. Mich wurmte nur, dass wir noch kein Video hatten, in dem die Frau ihre Zeit in der Gletscherspalte schildert.

Aber zurück zum Thema: Sie wollten eine Erkenntnis aus Ihrer Newsmoderation schildern.
Mir fiel auf, dass wir Skype-Interviews erheblich einfacher integral im Studio realisieren könnten, als wenn der Redaktor das Interview separat aufzeichnet und mit Bildern zusammenschneidet. Wenn wir den Bild-Teil und das Inti auseinandernehmen, sozusagen in zwei einzelne Kurzbeiträge, werden die Abläufe einfacher. Und für den Nutzer macht es keinen grossen Unterschied. Das Team hat mir dann gesagt, dass sie das schon längst bemerkt hätten. Nun, in Zukunft machen wir es nur noch so!

Corona dürfte auch bei Blick TV das Werbevolumen spürbar gesenkt haben respektive konnte es nicht wie gewünscht aufgebaut werden. Müssen auch Sie das Budget kürzen und im nächsten Jahr mit weniger auskommen?
Zum Werbevolumen müssen Sie unseren Geschäftsführer fragen. Im redaktionellen Bereich haben wir verschiedene Kooperationen, die wunderbar laufen und unseren Kunden tolle neue Formate ermöglichen, immer im Paket mit Live, VoD und Digital.

«Die Zuschreibung mit dem Hofnarr empfinde ich als Kompliment»

Wie wir gehört haben, gibt es innerhalb des Blick-Newsrooms auch Skepsis. Blick TV koste einfach wahnsinnig viel. Hat es demnach Nachteile, finanziell privilegiert zu sein?
Wer ist privilegiert?

Sie und Blick TV.
Mein Eindruck ist, dass die Leute im Newsroom – alle – unglaublich viel leisten, auch für Blick TV. Man darf nicht vergessen, dass das gestandene Profis sind, die seit langem für Print und Online arbeiten. Und nun kommt bei allen noch TV obendrauf. Das ist natürlich eine berufliche Chance, aber auch eine Mehrbelastung. Das muss man sich schon bewusst sein. 

Die einen finden offenbar, Sie würden sich ein wenig verhalten wie «Marc Walders Hofnarr». Ist das ein Kompliment?
(Überlegt.) Das ist jetzt eine überraschende Zuschreibung, die ich nicht ganz verstehe. Was ist hier mit Hofnarr gemeint?

Unterhalten, ständig an der Seite sein, Privilegien haben – so vielleicht?
Ich freue mich sehr, dass Christian Dorer, Blick-CEO Tom Spiegel und ja, Marc Walder voll und ganz hinter dem Projekt stehen. Blick TV erforscht unbekanntes Terrain: Wenn wir dieses Wohlwollen, diese Gelassenheit und diesen starken Rückhalt nicht spüren würden von den Chefs, könnten wir doch gar nicht so kreativ arbeiten. Die Idee für die Sendung «Blick Abstimmungs-Kampf» etwa ist nur gerade sechs Tage vor der ersten Ausgabe entstanden. Wir brauchen die Sicherheit, dass wir ausprobieren, auf die Nase fallen und wieder aufstehen dürfen. Umfallen, aufstehen, umfallen, aufstehen, vielleicht sieht das für einige komisch aus. Insofern empfinde ich die Zuschreibung mit dem Hofnarr als Kompliment.


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Zu dieser neuen Sendung «Blick Abstimmungskampf»: War von Anfang an geplant, dass Sie wieder Politsendungen moderieren?
Nein, eigentlich nicht. Wie alle anderen im Team springe ich ein, wenn es mich irgendwo braucht, und hier konnte ich etwas beitragen. Ich finde aber, dass das Besondere an der Sendung nicht die Moderation ist, sondern der Mechanismus: Dass ein Live-Talk, ein Online-Artikel mit Voting, ein starker Social- und Community-Faktor und ein Inserat im Print verbunden werden. Ein Inhalt wird über alle vier Vektoren gespielt.

Nun hat ja Nathalie Wappler ihre neue Strategie bekannt gegeben. Interessiert Sie überhaupt noch, was SRF tut?
Natürlich interessiert es mich, was andere Medienhäuser machen. Aber ich rede mit Ihnen lieber über Blick TV als über andere Medienhäuser.

Eine Frage zu SRF würde ich doch gerne stellen: Wo denken Sie, wird SRF Ihnen stärker ins Gärtchen treten als bisher?
Ich empfinde es nicht so, dass SRF uns ins Gärtchen tritt. SRF macht eine Sache, Blick macht etwas anderes. Und ich rede lieber über die wichtigen Neuerungen bei uns.

Nun gut. Was gibt es denn bahnbrechend Neues bei Blick TV?
Wir werden den Video-Player erneuern, verbessern und mit anderen Werbeformaten ausstatten. Das tönt unspektakulär. Aber es wird Blick TV massiv aufwerten, viel mehr als es eine einzelne Sendung könnte. Es ist unglaublich, wie wichtig Technik geworden ist im Journalismus, im digitalen Bereich lässt sich das gar nicht mehr alleine denken. Nochmals das Beispiel «Blick Abstimmungs-Kampf»: Der Inhalt, die Gäste, die Diskussion, alles war bereit. Und dann wäre die Premiere um ein Haar gescheitert am Voting-Tool. Auf jede journalistische Idee, die man hat, folgt ein Rattenschwanz an aufwändiger Arbeit mit Technologie. Wir müssen dringend Lösungen finden für dieses Problem.

«Der neue Player wird mit voller Funktionalität direkt auf der Webseite konsumierbar sein»

So auch beim neuen Player.
Genau. Auch das hat deshalb lange gedauert, sehr viele Ressourcen gebraucht. Der neue Player wird mit voller Funktionalität direkt auf der Webseite konsumierbar sein. Der Nutzer kann TV schauen, ohne die restliche Blick-Welt zu verlassen. Und je nach Dringlichkeit wird der Player an einer anderen Stelle und in unterschiedlicher Grösse auf dem Bildschirm angezeigt, wir können also viel besser gewichten über den Tag.

Und die Sendezeit bleibt 13 Stunden oder werden Sie diese verkürzen?
Heute sind es mehr. Aber 13 Stunden wären möglich, ja. Oder dass wir die Live-Sendezeit je nach Tagesaktualität ausdehnen oder verkürzen und in VoD umlagern.

Umfasst das Blick-TV-Team immer noch 48 Leute?
Ja. Aber innerhalb der TV-Redaktion haben wir schon sehr viel gelernt und einiges verändert, vor allem mit der Verschiebung hin zu VoD. Im Newsroom sitzen jetzt aktuell (Anm. d. Red: es ist 10.30 Uhr) drei Personen, die sich nur um VoD kümmern und uns dort den Rücken freihalten, während die anderen für die nächste Live-Sendung arbeiten. Aber einen relevanten, attraktiven Newskanal zu machen, wie CNN es vorzeigt, sieben Tage die Woche, ist trotz aller Automatisierung eine echte Herausforderung. Es geht nur, weil viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jeden Tag Ausserordentliches leisten. Es war alt Bundesrat Ogi, der uns beim Start unseres neuen Senders den Rat mitgegeben hat: «Ihr braucht Päschen! Päschen!» Passion ist es, was das Team von Blick TV ausmacht.



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