07.12.2004

Roger Schawinski

"Wir werden weiter mit Anke Engelke zusammenarbeiten"

Seit einem Jahr ist Roger Schawinski Geschäftsführer von Sat.1. Wie hat die stürmische Periode im Berliner Exil den Medienprofi geprägt? Begeisterungsfähig ist Schawinski geblieben, doch hat ihn das rauhe Klima vorsichtiger gemacht, die Kritik ihm bisweilen zugesetzt. An seiner Vision, ohne TrashTV-Formate und mit starker Information erfolgreich zu sein, hält der 59-Jährige dennoch unbeirrbar fest. Das Interview:
Roger Schawinski: "Wir werden weiter mit Anke Engelke zusammenarbeiten"

Herr Schawinski, wie ist zurzeit die Laune?

Sehr gut. An fünf von sieben Abenden der vergangenen Woche waren wir beim werberelevanten Publikum in der Hauptsendezeit Marktführer. Das hat es so noch selten gegeben

Sie sind jetzt ein Jahr bei Sat 1. Sind Sie in der Zeit um mehr als ein Jahr gealtert?

Ich denke nein. Wenn ich zurückblicke, kommt mir die Zeit sogar viel kürzer vor.

Was haben Sie in diesem Jahr gelernt?

Vieles. Zuallererst, dass man eine gerade Linie verfolgen sollte. Dass es richtig war, nicht auf den Trashzug aufzuspringen und die Information zu stärken. Dass wir in Comedy und Fiction viel bewegen können und es richtig ist, diese Bereiche weiter auszubauen

Also: immer stur gerade aus.

Schön wär’s. Ich habe auch lernen müssen, dass nicht alles, wovon sich Erfolg erhofft, auch tatsächlich funktioniert. Es gab auch Enttäuschungen.

Zum Beispiel?

Mit „Anke Late Night“ konnten wir nicht genügend Zuschauer überzeugen. Darüber bin ich wirklich traurig.

Hätten Sie nicht einfach nur etwas länger durchhalten müssen?

Es gab einen Punkt, an dem allen Beteiligten klar war, dass sich die Sendung nicht weiter entwickelt

Warum konnte es nicht gut gehen?

Late Night ist in Deutschland ein schwieriges Format und die Konkurrenz ist heute riesig. Wenn Sie dann auch noch in einer großen, überregional erscheinenden Zeitung lesen müssen, dass man sich von einer Frau so spät am Abend nicht die Welt erklären lassen wolle, dann ist ein Niveau der Kritik erreicht, das nicht mehr unterschritten werden kann. Für mich ist Anke Engelke einer der großen Stars des deutschen Fernsehens. Wir werden weiter mit ihr zusammen arbeiten.

Sie werden mit drei Dingen bei Sat.1 besonders stark in Verbindung gebracht: mit Anke Engelke, „Kämpf um deine Frau!“ und Ottfried Fischer

Das ist eine äußerst selektive Wahrnehmung. Das vergangene dreiviertel Jahr war das wirtschaftlich erfolgreichste in der Geschichte von Sat.1. Im September und im Oktober hatten wir die besten Marktanteile seit vier Jahren, und im November waren wir der einzige große Privatsender, der gegenüber dem Vormonat nicht verloren hat. Unsere Zahlen stimmen.

Trotzdem: „Kämpf um deine Frau!“ war ein Flop.

Ja. Aber wenn man sich die Liste der neuen Formate unter Senderschnitt in diesem Herbst ansieht, steht Sat.1 im Vergleich verdammt gut da. Es ist offenbar nicht möglich, eine tägliche Reality-Show zu etablieren, die ohne Trash auskommt. Bei uns werden nun einmal keine Känguruhoden verspeist, niemals.

Ist Reality-TV für Sie gestorben?

Nicht grundsätzlich. Aber wir haben gelernt, dass tägliche Reality-Shows nicht zu Sat.1 passen. Ich glaube, dass unsere Zuschauer Qualität von uns verlangen.

Sie haben Ihre Nachrichten neu formatiert. Sind die Zuschauer bereit, sich von Thomas Kausch die Welt erklären zu lassen?

Offensichtlich ja. Unsere Nachrichten hatten in der vergangenen Woche einen Marktanteil von 13,5 Prozent. Das sah vor einem Jahr noch ganz anders aus. In der Nacht der Präsidentschaftswahl in den USA lagen wir sogar an der Spitze. Bei den großen Ereignissen sind wir jetzt verlässlich präsent.

Wollen Sie Ihr Senderprofil ändern?

Am Abend des 3. Oktober führte Thomas Kausch ein Interview mit dem Bundeskanzler, der hier bei uns im Studio war. Der Anteil der Sat.1-Zuschauer mit höherer Bildung wächst. Das heisst doch, unsere Nachrichten werden ernster genommen. Zur Kernkompetenz eines Senders, privat oder nicht, gehört die Information. Und da holen wir mit Siebenmeilenstiefeln auf.

Wo liegen Ihre größten Probleme?

Am Sonntagabend gegen den „Tatort“ und zwei Blockbuster eine Alternative zu setzen, ist eine echte Herausforderung. Der wollen und müssen wir uns stellen. Die große Fernsehshow wäre eine Möglichkeit. Dass das kein einfacher Weg ist, muss ich Ihnen nicht erklären.

Sie haben mit Ottfried Fischer einen Joker in der Hand. Trotzdem hörte man in der letzten Zeit von Unstimmigkeiten.

Ottfried Fischer hat zum ersten Mal einen 2-Jahres-Vertrag bei Sat.1. Das war noch nie der Fall.

Klingt toll.

Ottfried Fischer und „Der Bulle von Tölz“ sind Synonyme für Erfolg. Wir werden doch einen Teufel tun, daran zu rütteln.

Ihnen laufen die Stars wieder zu.

Auf jeden Fall ist mir noch keiner weggelaufen. Im Gegenteil: Hugo Egon Balder zum Beispiel, der Shootingstar der letzten beiden Jahre, ist exklusiv bei Sat.1. Genau wie Kai Pflaume, einer der ganz wenigen richtig Großen in der Show. Mit unserem großen Know-how in der Eigenproduktion, ob Fiction oder Unterhaltung, bieten wir Stars eine gute Heimat und Entwicklungspotenzial.

Als Sie bei Sat.1 anfingen, waren Sie ein Mann der Superlative. Ihre Euphorie scheint sich etwas gelegt zu haben.

Das ist richtig. Ich bin sehr begeisterungsfähig aber ich bin auch ein bisschen vorsichtiger geworden

Wie kämpft man denn am besten gegen die Miesepeter?

Mit einem guten Team, einem langen Atem und manchmal einem dicken Fell. Die Stimmung bei uns ist gut. Wenn wir Fehler machen, gibt es daraus etwas zu lernen, und das tun wir. Wer viele Dinge ausprobiert, muss damit rechnen, dass auch etwas daneben gehen kann. In einigen Fällen war die öffentliche Kritik heftig. Das durchzustehen hat schon ein bisschen Kraft gekostet.

Wen wollte man treffen, Sie persönlich, Sie als Schweizer, Sie als Sat.1-Chef?

Überrascht hat mich, dass immer wieder meine Herkunft als Schweizer erwähnt wurde. Der Chef der Schweizer Airline „Swiss“ ist ein Deutscher, der Chef von „Nestle“ ein Österreicher, der von „Roche“ auch, 30 Prozent aller Professoren in der Schweiz sind Deutsche. In der Schweiz wäre das nie ein Thema.

Wir leben ja in Zeiten des neuen Patriotismus.

Zur Sache kann man alles sagen. Aber mit Nationalitäten zu argumentieren, finde ich ein bisschen kleinlich.

Die großen Deutschen und die kleinen Schweizer?

So in etwa.


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