15.10.2013

SRG

"Wir wollen doch keine Geschichtsverfälschung machen!"

Zu männerlastig: In rund drei Wochen startet die SRG mit dem Schwerpunkt "Schweizer Geschichte", einem 5-Millionen-Prestige-Projekt. Dass in den vier Dokufiction-Filmen keine Frauen porträtiert werden, sorgt für starken Unmut, vor allem bei Politikerinnen. Die SRG ist sich aber keiner Fehler bewusst, denn "in den ausgewählten Epochen stand schlicht und einfach keine Frau im Vordergrund", sagt Projektleiter Mariano Tschuor. Dass die frühere Bedeutung der Frauen nun zum heftig debattierten Thema wird, freut ihn. Und mit Kritik hat er gerechnet.
SRG: "Wir wollen doch keine Geschichtsverfälschung machen!"

Herr Tschuor, Ihr 5-Millionen-Projekt "Die Schweizer" löste eine hitzige Debatte aus. Sind Sie überrascht von der heftigen Kritik an den vier Dokufiction-Filmen (vgl. z.B. "Schweiz am Sonntag" und "Tages-Anzeiger")?
Nein, überrascht hat uns diese Kritik nicht. Wir haben bis zu einem gewissen Grad damit gerechnet. Natürlich stellten wir uns im Vorfeld die Frage, inwiefern das durch den Themenmonat vermittelte Geschichtsbild heute noch zeitgemäss ist. Da wir aber keine Porträts realisierten, sondern Wendepunkte zeigen wollten – die Gründung a) der Eidgenossenschaft im 14. und 15. Jahrhundert und b) des modernen Bundesstaats im 19. Jahrhundert –, kamen wir auf diese Auswahl. Zudem war wichtig, diese Wendepunkte personifizieren zu können, denn wir machen ja Fernsehen.

Sie sagen, Sie seien "nicht überrascht" und hätten "bis zu einem gewissen Grad mit dieser Kritik gerechnet". Haben Sie auf eine öffentliche Diskussion gehofft und darum bewusst auf Frauen in den Dokufiction-Filmen verzichtet?
Nein. Das ist eine bösartige Unterstellung. So unprofessionell arbeiten wir bei der SRG sicher nicht.

Ihnen wird vorgeworfen, Sie hätten die Chance verpasst, ein moderneres Geschichtsverständnis zu etablieren.
Dass sich diese Diskussion nun auf die vier Dokufiction-Filme beschränkt, wird dem gesamten Themenmonat schlicht nicht gerecht. Wir wollten die beiden bereits erwähnten Wendepunkte nicht über biografische Porträts darstellen, sondern über Handlungen, die schliesslich zum modernen Bundesstaat führten. Das führte zur Auswahl dieser Protagonisten, die sowohl in der Deutschschweiz wie auch in der französischen, italienischen und romanischen Schweiz mehr oder weniger bekannt sind.

Gerade der Fokus auf Handlungen hätte es durchaus ermöglicht, das Wirken der Frauen einfliessen zu lassen. Doch bei diesen Wendepunkten hatten Frauen "keinen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der Schweiz", schreibt die SRG in einer Stellungnahme. 
Kennen Sie eine Frau? Können Sie einen Namen aufzählen?

Was genau politischer Einfluss bedeutet, ist strittig. Wenn man Frauen sucht, die unmittelbaren Einfluss hatten, wird das Nennen von Namen schwierig. Auch Historiker haben Mühe, denn es herrschten ja andere Machtstrukturen und Bild- oder Text-Quellen wurden vorweigend von Männern erstellt. Man hätte allenfalls herausarbeiten können, welche Rollen Frauen bei Schlachten spielten oder wie sie die medizinische Versorgung gewährleisteten. Doch diese Frauen wurden nicht als Heldinnen wahrgenommen, sondern agierten eher im Hintergrund.
Genau diese Überlegungen stellten wir ebenfalls an. Doch wir fragten uns auch, wie genau die Kritik ausfallen würde, wenn wir nur Frauen im Hintergrund dargestellt hätten, also etwa Frauen bei Kindern und am Herd. Wie wäre dann die Diskussion um das Geschichtsverständnis der SRG verlaufen?

Vorschläge für historisch bedeutende Frauen macht der "Tages-Anzeiger". Er listete in der Dienstagsausgabe "acht Frauen mit filmreifen Leben" auf.
Dass der Tagi nun eine ganze Seite zum Thema macht, finde ich toll! Das ist eine super Ergänzung. Diese Diskussion zu führen und andere Akzente zu setzen, ist ja die Aufgabe der Medien. Die meisten der vom Tagi vorgestellten Frauen lebten jedoch nicht im 19. Jahrhundert, sondern später. Hätten wir uns für die Dokumentation des 20. Jahrhunderts entschieden, wäre es überhaupt kein Problem gewesen, prägende Frauen zu zeigen. Wir haben auch Frauenrechtlerin Meta von Salis in Betracht gezogen.

Wie wäre es mit Äbtistin Katharina von Zimmern. Sie lebte 1478-1547.
Ja, die Äbtistin vom Fraumünster ist auch uns bekannt, zumal es ja auch Literatur über sie gibt. Sie ist aber doch sehr stark mit Zürich verbunden und weniger mit der ganzen Eidgenossenschaft.

Mit Ihrer Auswahl der Hauptfiguren (Werner Stauffacher, Hans Waldmann, Niklaus von Flüe, Guillaume-Henri Dufour, Alfred Escher und Stefano Franscini) würden Stereotypen mumifiziert, wirft Ihnen Miriam Meckel, vorübergehende Tagi-Chefredaktorin, in einem Kommentar vor.
Wie gesagt: In den ausgewählten Epochen stand schlicht und einfach keine Frau im Vordergrund. Somit mussten wir uns auf Männer beschränken. Und eine Frauenquote in der Schweizer Geschichte – da war ich dagegen. Dies wäre den Frauen nicht gerecht geworden.

Die SRG ist bekannt für ihre sehr hohe Sensibilität in Gleichstellungsfragen. Inwiefern wurde die Berücksichtigung der Frauen in diesen vier Filmen diskutiert?
2009, als die Idee der Aufarbeitung der Schweizer Geschichte aufkam, diskutierten wir über die Herangehensweise und über die Wahl der Epochen. Aus der Diskussion mit mehreren internen und externen Expertinnen und Experten resultierte anschliessend eine Themenliste – die Figuren wurden erst in einem zweiten Schritt besprochen und festgelegt. Dann folgte das Erörtern von Kosten- und Umsetzungsfragen. Wir entschieden uns, in der Schweiz zu produzieren. Zu diesen suchten wir dann die entsprechenden Protagonisten.

Machen Sie es sich nicht vielleicht etwas zu einfach, wenn Sie die Frauen ins Rahmenprogramm abschieben?
Es handelt sich hier nicht um ein "Rahmenprogramm"! Diese Bezeichnung ist ein Missverständnis. Der gesamte November ist einem Thema gewidmet, es gibt eine Vielzahl von verschiedenen Radio- und TV-Sendungen wie auch Web-Angebote. Diese Dokufiction-Filme machen nur einen gewissen Anteil am Ganzen aus! Wären Sie glücklich, wenn man sagen würde, dass dieses persoenlich.com-Interview nur ein Rahmenprogramm wäre, während es etwas Grösseres gäbe, das über allem stünde? Nein, es handelt sich um ein Mosaikteil in einem viel grösseren Ganzen!

Wenn man das Themenmonat-Titelbild betrachtet (vgl. Bild oben), also den Schriftzug mit der männlichen Bezeichnung "Die Schweizer" umgeben von sechs Männerköpfen, zeigt sich doch in verdichteter Form, wo der Fokus liegt.
Das ist Marketing, das ist Kommunikation! Dass das Bild unglücklich gewählt ist, finde ich keineswegs, denn es zeigt, wie die Eidgenossenschaft im 14./15. und im 19. Jahrhundert funktionierte. Wir wollen doch keine Geschichtsverfälschung machen!

Geschichte ist zu einem hohen Grade fiktiv und gilt als die Summe von Vergangenheit und Gegenwart. Ob ein Mythos stimmt oder nicht, spielt keine Rolle – er wird Teil der Wirklichkeit. Somit kann eine Epoche eh nicht so dargestellt werden, wie sie tatsächlich war. Daher hätten auch Frauen Eingang in dieses Mythenkabinett finden können. Zudem sind heute andere Gegebenheiten relevant, als vor dreissig oder vor hundert Jahren.
Natürlich erinnern sich alle Geschichtsprofessoren an andere Dinge. Je nach Spezialisierung und Hintergrund unterscheiden sich deren Ansichten sehr stark. Wer hat denn die Deutungshoheit über die Schweizer Geschichte? Da wir ja Fernsehen machen, muss man die Geschichte so aufarbeiten, dass es ein breites Publikum nachvollziehen und verstehen kann.

Somit hat Ihre Auswahl mit der TV-spezifischen Erzählweise zu tun und auch mit den entsprechenden Limitierungen.
Ja, und mit der Dramaturgie. Doch ich würde nicht von "Limiten" sprechen, sondern eher von Chancen. Über diese Experteneinschätzungen und die eingeblendeten Grafiken und Illustrationen konnten wir stark in die Tiefe gehen. Wir konnten so Einordnung bieten in den historischen Prozess und in die Entwicklung der modernen Schweiz.

Der Themenmonat startet am 4. November. Können Sie jetzt noch Anpassungen veranlassen?
Die Dokufiction-Filme und das bereits bekanntgegebene zusätzliche, umfangreiche Programmangebot sind fix. Doch natürlich steht es den Redaktionen frei, zusätzliche Sendungen zum Thema "Frauen in der Geschichte" zu machen, obwohl das ja bereits vorgesehen ist. 

 


Mariano Tschuor, Projektleiter der SRG-Geschichtsserie "Die Schweizer", war verantwortlich für die Koordination der eingesetzten Arbeitsgruppen. Er ist Direktor RTR und Mitglied der SRG-Geschäftsleitung.

Interview: Edith Hollenstein

 

 



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