19.10.2020

NCHM*

«Wir wollen ein Bewusstsein für die Problematik schaffen»

Die Neuen Schweizer Medienmacher*innen setzen sich für eine stärkere Präsenz von Menschen mit Migrationshintergrund in den Medien ein. Co-Präsidentin und WOZ-Reporterin Anna Jikhareva über die fehlende Vielfalt in den Redaktionen und eigene Erfahrungen im Berufsalltag.
NCHM*: «Wir wollen ein Bewusstsein für die Problematik schaffen»
«Die Medienhäuser müssten ein Interesse haben, Leute mit Migrationshintergrund anzuziehen»: Anna Jikhareva ist Co-Präsidentin von Neue Schweizer Medienmacher*innen und Reporterin bei der Wochenzeitung. (Bild: zVg.)
von Michèle Widmer

Frau Jikhareva, Sie sind in Russland geboren, in Deutschland aufgewachsen und schliesslich fürs Studium in die Schweiz gekommen. Wie häufig fühlen Sie sich von den Schweizer Medien als Leserin wirklich «abgeholt»?
Weil ich mich selbst viel mit Innenpolitik beschäftige, fühle ich mich soweit gut abgeholt. Wegen des herrschenden Spardrucks in vielen Redaktionen vermisse ich aber oft die hintergründigen Recherchen. Was mich zudem immer wieder erstaunt: wie verengt der Blick oft ist. Die Welt kommt häufig nur vor, wenn die Schweiz von einem Ereignis tangiert ist. Dabei leben wir doch in einer globalisierten Gegenwart.

Im Sommer haben Sie das Netzwerk Neue Schweizer Medienmacher*innen (NCHM*) mitgegründet. Warum kam das gerade jetzt, mitten in der Coronakrise, zustande? Was gab den Ausschlag?
Dass wir uns an die Öffentlichkeit gewagt haben, hat vor allem mit den Black-Lives-Matter-Protesten zu tun, die diesen Frühsommer auch in der Schweiz Tausende auf die Strasse brachten. Plötzlich war das Thema Rassismus omnipräsent – und für uns die Zeit gekommen, nicht mehr länger nur Konzeptpapiere zu schreiben, sondern öffentlich aktiv zu werden. Die meisten Redaktionen spiegeln die gesellschaftliche Realität in der Schweiz nicht wider. Daran wollen wir dringend etwas ändern.

Das Netzwerk setzt sich für mehr Journalisten mit Migrationshintergrund in den Schweizer Redaktionen sowie eine angemessene Repräsentation von Menschen mit Migrationshintergrund in der Berichterstattung ein. Mit welchen Mitteln und Massnahmen wollen Sie die beiden Forderungen angehen?
Einerseits wollen wir in Debatten intervenieren: Dafür publizieren wir auf unserem Blog Beiträge zu Themen rund um Diversität und Antirassismus, machen aber auch schon mal auf konkrete Verfehlungen der Medien aufmerksam. Andererseits wollen wir auch andere ermutigen, das Thema ernst zu nehmen: Wir bieten interessierten Medienhäusern Blatt- und Sendekritiken und Beratungen an, wie sie die Repräsentation von Menschen mit Migrationsgeschichte verbessern können. Auch mit Bildungsinstitutionen und dem Bund wollen wir zusammenarbeiten und Ansprechpersonen für angehende Journalist*innen sein. Vieles davon ist noch Zukunftsmusik, aber wir haben ja auch gerade erst angefangen.

«Viele Journalist*innen haben uns versichert, dass es uns dringend braucht»

Wie konkret ist das Netzwerk in den ersten Wochen seit der Gründung aktiv geworden? Und welche Reaktionen haben Sie erhalten?
Viele Journalist*innen haben uns versichert, dass es uns dringend braucht. Das hat uns natürlich motiviert. Sobald es die Coronasituation erlaubt, wollen wir mit allen Interessierten ein erstes Netzwerktreffen veranstalten, um gemeinsam zu überlegen, welche Schritte nötig sind. Auch die ersten Inputreferate und Blattkritiken sind schon vereinbart.

Das Netzwerk arbeitet darauf hin, dass Regeln eingeführt werden, die eine «inkludierende» Berichterstattung über die diverse Schweiz ermöglichen. Wie stellen Sie sich ein solches Regelwerk konkret vor?
Uns geht es weniger um ein konkretes Regelwerk, wir wollen vielmehr ein Bewusstsein für die Problematik schaffen. Heute ist es oft so, dass migrantische Realitäten als Problem dargestellt werden. Obwohl sie fast die Hälfte aller Einwohner*innen ausmachen, kommen Menschen mit Bindestrich-Identitäten nur selten als handelnde Akteur*innen oder Expert*innen vor. Aber wie wäre es mal, wenn eine Frau mit nicht typischem Schweizer Namen die Klimakrise erklärt? Oder die Tagesschau moderiert?

Das deutsche Pendant, die Neuen deutschen Medienmacher*innen, gibt es bereits seit 2008. Inwiefern arbeiten Sie mit dem Netzwerk im Nachbarland zusammen?
In Deutschland ist man in dieser Thematik schon viel weiter, in den renommierten Medien arbeiten viel mehr Menschen mit Migrationsgeschichte. Im Vorfeld unserer Gründung haben wir uns deshalb intensiv mit den NdM ausgetauscht. Wir verdanken ihnen viel – bis hin zu unserem Namen. Dort, wo sie heute sind, wollen wir auch hin, aber es ist noch ein sehr langer Weg. Bis dahin wollen wir weiter von ihnen lernen.

«Man traut es mir als Ausländerin oft nicht zu, über Schweizer Politik zu schreiben»

Als eine von wenigen auf den Schweizer Redaktionen schreiben Sie Geschichten aus dem Blickwinkel einer Journalistin mit Migrationshintergrund. Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrem Arbeitsalltag oder bei Redaktionssitzungen damit gemacht?
Wie bei allen anderen auch widerspiegelt sich in meinen Geschichten mein persönlicher Blick auf die Welt, der in Teilen migrantisch geprägt ist, aber auch von vielen anderen Einflüssen. Die Frage ist aber immer, wie die anderen einen sehen – und da habe ich einige Erfahrungen gemacht, die Menschen mit Schweizer Namen wohl nicht kennen. Oft werde ich in Schubladen gesteckt: Die einen meinen, ich sei auf Russlandthemen abonniert und fragen gar nicht, was mich selbst interessiert. Andere trauen es mir als Ausländerin oft nicht zu, über Schweizer Politik zu schreiben. Wenn Themen verteilt werden, fragen sie mich dann oft gar nicht. Oft habe ich das Gefühl, dass ich mich bei diesen Themen im Gegensatz zu meinen Schweizer Kolleg*innen immer dreifach beweisen muss.

Während Frauenförderung in den Verlagen thematisiert wird, hinkt die Förderung von Menschen mit Einwanderungsgeschichte hinterher. Warum denken Sie, ist das so?
In den letzten Jahrzehnten hat die SVP nicht nur die Politik, sondern auch die Medien geprägt. Fast scheint es mir manchmal, der Rechtsdreh schlägt in den Medien erst voll durch, während sich die Gesellschaft eher wieder davon abwendet. Migration wird in den Medien meist problematisiert, Menschen mit einer Migrationsgeschichte entsprechend oft entweder negativ rassistisch oder wohlmeinend paternalistisch beschrieben, selten aber als ebenbürtig.

In einem Beitrag in der WOZ aus dem Jahr 2017 fordern Sie unter anderem eine Debatte über eine Migrantenquote in den Medien. Wäre das die Lösung? Oder was braucht es, dass das Thema mehr Aufmerksamkeit erhält?
Bei der Diskussion über die Vielfalt der Redaktionen fällt oft ein Argument, das ich immer wieder auch über Frauen höre: dass Menschen mit Migrationsgeschichte halt selten in den Journalismus wollen. Dabei müssten doch die Medienhäuser ein Interesse haben, solche Leute anzuziehen. Wie bei der Frauenförderung wäre eine Quote fürs Erste hilfreich. Bei der WOZ haben wir gute Erfahrungen damit gemacht, in den Stellenausschreibungen jeweils zu vermerken, dass wir bei gleicher Qualifikation Bewerber*innen mit einer Migrationsgeschichte bevorzugen. Obwohl auch bei uns noch sehr viel zu tun bleibt: Ein bisschen hat das geholfen. Der erste Schritt ist, überhaupt ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen, zu erklären, warum Diversität nötig ist, übrigens auch aus einer ökonomischen Perspektive.



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