05.09.2013

NZZ am Sonntag

"Wir wurden relativ stark kopiert"

Am Wochenende präsentiert sich die "NZZ am Sonntag" in neuem Kleid. Dabei wandelt sich die Zeitung mehr und mehr zu einem Magazin. Dies sei Teil des Plans, sich von der Konkurrenz abzuheben und auf dem Markt als Alleinstehungstitel zu behaupten, wie Felix E. Müller im Interview mit persoenlich.com sagt. Weiter spricht er über Online, den radikalen Konzeptwechsel im Sport, wie er dem offiziellen Antritt vom neuen NZZ-CEO Veit Dengler entgegenschaut und was er bis zur Pensionierung noch für Schritte plant.
NZZ am Sonntag: "Wir wurden relativ stark kopiert"

Herr Müller, ab kommendem Sonntag erscheint die "NZZ am Sonntag“ mit neuem Kleid (persoenlich.com berichtete). Warum eigentlich?
Das hat drei Gründe. Der erste hat mit der Entwicklung der Tageszeitungen zu tun. In den letzten zehn Jahren haben sich diese immer stärker an Wochenzeitungen orientiert. Am deutlichsten konnte man dies beim "Tages-Anzeiger" beobachten, der mit grossen Doppelseiten und einseitigen Hintergrundgeschichten vielfach aussah wie die NZZaS. Ich habe mir dann die Frage gestellt: Was bedeutet das für uns Sonntagszeitungen?

Und wie lautet die Antwort?
Die Sonntagszeitungen müssen sich stärker in Richtung Magazin entwickeln – inhaltlich und formal.

Was ist der zweite Grund?
Print im Wochenformat wird noch eine sehr lange Zukunft haben. Am Sonntag wird es noch viel länger als unter der Woche Leute geben, die gerne Gedrucktes lesen. Ich halte es deshalb für wichtig zu signalisieren, dass wir weiter in Print investieren. Und der dritte Grund ist, dass wir auch von den direkten Konkurrenten am Sonntag relativ stark kopiert wurden. Die dritte Seite der "Schweiz am Sonntag" im Hintergrundteil ist beispielsweise eine Kopie von unserer oder auch das Layout der "Ostschweiz am Sonntag" ist recht nah an unserem. Und  weil es immer mehr Sonntagszeitungen gibt, möchte ich nun versuchen, die NZZaS auch formal wieder klar von der Konkurrenz abzuheben.

Sie könnten es auch ganz einfach als Kompliment auffassen, wenn sich die Konkurrenz an Ihnen orientiert.
Ja natürlich. Ich glaube es ist nicht überheblich zu sagen, dass die NZZaS die Entwicklung der Zeitungsgestaltung und des Zeitungsmachens in der Schweiz ein wenig beeinflusst hat. "Le Temps" hat ja sogar dasselbe Designteam engagiert.

Das Design der NZZaS ist ja auch geehrt worden. Als erster Schweizer Wochentitel wurde das Blatt und damit auch das Layout 2012 mit dem European Newspaper Award ausgezeichnet. Geht es überhaupt noch besser oder kann man mit einem neuen Design nicht einfach nur verlieren?
(lacht) Wir haben natürlich den Ehrgeiz, immer noch besser zu werden. Und ich denke, dass wir dies mit dem neuen Layout auch schaffen.

Was wollten Sie alles besser machen?
Mir war die Zeitung zu gleichförmig, alle Seiten waren zu ähnlich gelayoutet. Das hat nicht den verschiedenen Stoffen entsprochen. Es braucht mehr interne Spannung. Nun heben sich einerseits die Bunde stärker voneinander ab, andererseits gewichten wir die Themen stärker. Zudem werden formale Magazin-Elemente integriert.

Wo konkret?
Am deutlichsten wird dies beim Bund Gesellschaft spürbar sein. Dieser erscheint neu wie der Stil im Tabloid-Format, wird also zu einem eigentlichen Magazin. Inhaltlich fand im Gesellschaftsteil ja schon bis anhin Magazinjournalismus statt - dem wollen wir nun auch formal gerecht werden. Daneben versuchen wir im Sport einen radikalen Konzeptwechsel: Die Fans kennen die Ergebnisse, Torschützen und Matchberichte bereits, unsere Aufgabe ist es deshalb, die Geschehnisse einzuordnen und zu vertiefen. Wir steigen deshalb neu mit einer richtigen Magazingeschichte in den Bund ein, die Nachrichten kommen erst zum Schluss.

Bild: Nullnummer des neuen Gesellschaftsbundes im Tabloid-Format

Wie schon beim Start und beim letzten Layout-Wechsel waren die bekannten Londoner Zeitungsdesigner Simon Esterson und Mark Porter für das neue Design zuständig. Zudem zählt die NZZaS auf die Unterstützung Michael Robinsons, der aus der Schule des "Guardian" kommt. Darf man annehmen, dass Sie ein Fan der britischen Presse sind?
Ja, das war ich schon immer. Als wir die "NZZ am Sonntag" konzipierten, gingen wir von folgender Überlegung aus: Die Tagesausgabe "Neue Zürcher Zeitung“ kommt aus einer deutschen Tradition. Sie ist historisch ein bürgerliches Intelligenzblatt, so wie das heute etwa auch die "Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ist. Ich wollte die NZZaS von der Tagesausgabe abheben. Deshalb orientierte ich mich am angelsächsischen Raum. Wenn Sie heute die englischen Zeitungen mit amerikanischen vergleichen, werden Sie feststellen, dass die englischen in der Zeitungsgestaltung viel progressiver sind. Das gefällt mir. Der "Guardian“ im speziellen ist weltweit führend, was das Zeitungsdesign angeht. Die NZZaS hat nun dieselbe Grundschrift wie der "Guardian“. Für Titel, Untertitel und Lead haben wir gar eine völlig neu entwickelte Schrift "Zizou", die  weltweit das erste Mal in einer Zeitung eingesetzt wird. Das ist eine Pioniertat.

Haben Sie vom "Guardian“ schon ein Feedback erhalten?
Ich weiss nicht, ob die Leute beim "Guardian“ überhaupt wissen, dass es uns gibt (lacht). Ausserdem sind die jetzt ja mit ihren Enthüllungsgeschichten beschäftigt.

Nebst dem Layout bauen Sie auch den Inhalt der NZZaS um. Wie heisst das neue Motto? "Meinung statt Stil?“
Nein. Wenn ich jetzt ein generelles Motto sagen müsste, wäre es eher: "Mehr Meinung, mehr Hintergrund.“ Die Kultur bauen wir ebenfalls leicht aus. Laut Wemf haben wir nämlich die filmaffinste Leserschaft. Dem wollen wir gerecht werden und uns damit auch abheben. Alle anderen sparen ja in diesem Bereich.

Auch bei den Beilagen gibt es Änderungen. Der "Gentlemen’s Report“ wurde aufgrund "negativer Werbemarktentwicklung" eingestellt, dafür wird im Oktober das Immobilienmagazin "Residence“ lanciert. Was sind die strategischen Überlegungen zu diesem Launch?
Der "Gentlemen's Report" wurde der Tagesausgabe der NZZ beigelegt. Wir sind davon also nicht betroffen. Und "Residence" ist primär eine verlegerische Idee. Es geht darum, eine Plattform für die Vermarktung von Luxusimmobilien aufzubauen. Das Heft wird der NZZaS beigelegt, weil wir eine ideale leserschaft für derartige Angebote haben.

Ebenfalls im Oktober startet Veit Dengler offiziell als neuer CEO. Inwiefern betrifft Sie dies?
Ich denke schon, dass Herr Dengler einige Dinge anders machen wird. Er sagt, dass er während dreier Monate die Geschäfte der Gruppe beobachten und darauf basierend eine Strategie vorschlagen wird.

Fühlt man sich da als Chefredaktor plötzlich wieder auf dem Prüfstand?
Ich habe bei der NZZ fünf Verwaltungsratspräsidenten und einige Verlagsleiter oder CEO's erlebt. Was da kommt, ist für mich nicht völlig neu. Aber eben, es kann natürlich sein, dass Herr Dengler das Unternehmen ganz neu strukturieren will.  Ich bin gespannt und warte ab.

Seit letztem Jahr haben Sie keinen Einsitz mehr in der Geschäftsleitung. Ist dies ein Nachteil?
Die Geschäftsleitung ist sicher interessant, weil man rascher auf dem Laufenden ist, was in den anderen Sparten des Unternehmens passiert. Was machen z.B. die Onliner? Jetzt muss ich mir diese Informationen  anders beschaffen. In meiner täglichen Arbeit hat sich jedoch deshalb nichts verändert.

Online ist ein gutes Stichwort. Die Sonntagszeitungen sind hier ja sehr defensiv unterwegs. Wird die NZZaS weiterhin ausgewählte Artikel auf nzz.ch platzieren oder ist, was die Online-Strategie betrifft, Neues geplant?
Es ist erkannt, dass die bisherige, stark zurückhaltende Online-Strategie der NZZaS modifiziert werden muss. Ich könnte mir vorstellen, dass hier ein nächstes grosses Projekt auf uns wartet. Uns alle würde es freuen, wenn dies der Fall wäre.

In drei Jahren werden Sie pensioniert. Nun haben Sie mit der NZZaS gerade nochmals einen grossen Schritt gemacht. Haben Sie weitere konkrete Ziele, die Sie vor der Pensionierung noch erreichen möchten?
Ja, es gibt noch einen Schritt.

Und der wäre?
Das verrate ich nicht. Es ist eigentlich ein weiterer logischer Entwicklungsschritt. Doch vorerst müssen wir jetzt das neue Layout umsetzen, mit guten Inhalten füllen, die NZZaS noch besser machen. Sie muss ihren Platz behaupten als ein Alleinstehungstitel im Sonntagsmarkt. Das ist anspruchsvoll, denn der Strukturwandel im Anzeigenmarkt kommt langsam aber sicher auch im Sonntagsmarkt an.  

Womit genau deuten Sie diesen nächsten Schritt an? Geht es ums Tabloidformat, Meinung/Hintergrund oder um die Zusammenarbeit mit der NZZ-Redaktion an der Falkenstrasse?
Es geht um das Konzept der Sonntagszeitung ganz generell. 

Interview: Corinne Bauer



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