Die deutsche Zeitschrift "Neon" hat frei erfundene Interviews mit Prominenten veröffentlicht. Das teilte die Redaktion am Freitag auf ihrer Internetseite mit. Eines der inkriminierten Gespräche war auch vom Zürcher "Tages-Anzeiger" übernommen worden. Das Interview mit Beyoncé Knowles unter dem Titel "Sie fragen ja auch keinen Philosophen, was er von Prada hält" erschien am 12. Januar dieses Jahres in der Printausgabe des "Tages-Anzeigers" und wurde auch über das Online-Portal Newsnetz von "Bund" und "Tages-Anzeiger" verbreitet.
Ingo Mocek hat laut "Neon" eingeräumt, Gespräche mit den Musikern Beyoncé Knowles, Jay-Z, Christina Aguilera, Slash und Snoop Doggy Dogg gefälscht zu haben, die zwischen Juni 2004 und Februar 2010 erschienen seien. Die Zusammenarbeit mit dem Journalisten sei beendet worden. Das Blatt entschuldigte sich bei den betreffenden Künstlern und deren Management. Entdeckt worden waren die Fälschungen nach einer Beschwerde des Managements von Popstar Beyoncé Knowles, welche Zweifel an der Echtheit des Interviews hatte. Als die Redaktion den Autor mit dem Vorwurf konfrontierte, habe er zugegeben, dass das Gespräch "nicht wie von ihm vorgelegt stattgefunden" habe, heisst es in der Mitteilung.
Am Freitag musste "Tagi"-Mitarbeiterin Simone Meier auf "Newsnetz" eingestehen: "Wie uns die "Neon"-Chefredaktion mitteilte, hat das angeblich am 5. November 2009 im Rahmen der European Music Awards in Berlin geführte Interview nie stattgefunden." Laut "Neon" habe Mocek Beyoncé Knowles zu drei früheren Gesprächen getroffen und einige Informationen daraus verwendet; der grösste Teil des Interviews sei jedoch frei erfunden, so Meier.
Die Redaktion "Neon" besitze eine Dokumentationsabteilung, die für den Faktencheck verantwortlich sei und Texte nur mit einer Bewilligung der Chefredaktion zum Zweitabdruck freigebe, schreibt Meier. Deshalb habe sich der "Tages-Anzeiger" "vertrauensvoll dafür entschieden, das Interview zu bringen". "Dass sich Ingo Mocek nun als zweiter Tom Kummer entpuppt, haben wir nie in Betracht gezogen. Wir entschuldigen uns dafür bei unseren Leserinnen und Lesern und auch bei denjenigen von "Bund" und Tages-Anzeiger.ch/Newsnetz, die das Interview ebenfalls publizierten", hiess es weiter.
Bei weitem keine Seltenheit
Der Berner Interview-Fälscher Tom Kummer war 2000 aufgeflogenen. Er hatte jahrelang aus Hollywood für die Magazine des "Tages-Anzeigers" und der "Süddeutschen Zeitung" berichtet und Gespräche unter anderem mit Demi Moore, Sharon Stone oder Brad Pitt getürkt. In der Folge erfand man für diese Form der Berichterstattung den Begriff "Borderline"-Journalismus. Drei Jahre später wurden auch der "Sonntags-Blick", "NZZ am Sonntag" und "Blick" Opfer von Fälschern. Im September 2003 musste "Sonntags-Blick" eingestehen, dass der Aufsatz "Alles ist anders, nichts hat sich verändert" nicht vom US-Erfolgsautor David Margolick stammte, sondern von einem freien Mitarbeiter der Zeitung in New York mit dem Namen Lorenz Wolffers.
Auch der "NZZ am Sonntag" hatte der Berner "Borderline"-Journalist Wolffers eine Fälschung untergejubelt. Das Interview mit dem amerikanischen Autor Scott Turow war pure Erfindung. Im selben Jahr kroch auch "Blick" einem Fälscher auf den Leim: Ein deutscher Journalist namens Robert Macher hatte ein Interview mit Mick Jagger aus verschiedenen Texten zusammengeschustert und mit pikanten Details angereichert. (sda)

