27.03.2016

Grossbritannien

Zeitungsmarkt im Wandel

Der «Independent» erschien zum letzten Mal gedruckt. Andere glauben noch immer ans Papier.

«Konservative versuchen, Talfahrt des Sterling aufzuhalten»: Die erste Schlagzeile des britischen «Independent», vom 7. Oktober 1986, würde auch heute niemanden überraschen. Nur, dass sich damals Margaret Thatcher damit herumschlagen musste, und heute David Cameron. Knapp 30 Jahre später war diesen Samstag Schluss für die Druckausgabe: Der «Independent», den man politisch als mitte-links verordnen kann, geht komplett online.

Für Besitzer Evgeny Lebedev ist die Sache klar. «Wir hatten eine Wahl: den kontinuierlichen Niedergang der Druck-Ausgabe zu verwalten oder die digitale Grundlage, die wir gebaut haben, in einen nachhaltige, profitable Zukunft umzuformen.» Die Tageszeitung und die Sonntagsausgabe gehen daher online, den Ableger «i» verkauft er. Mit dem Niedergang der Druckausgaben war der «Independent» nicht alleine. Allgemein gesprochen sind die Auflagen der landesweiten britischen Zeitungen über die vergangenen Jahre gefallen, während Nutzerzahlen der Online-Portale steigen. «Man kann nicht nur sagen, dass Zeitungen sterben, es ist eine Änderung des Nutzverhaltens», sagt eine Sprecherin der Branchendienstes Audit Bureau of Circulation (ABC), der Auflagenzahlen beobachtet.

Nach wie vor testen Medien, wie sie online Geld verdienen können. Bezahlschranken sind in Grossbritannien schon länger und weiter verbreitet als etwa auf dem Kontinent. Dies gilt vom Boulevardblatt «Sun» bis zur «Financial Times». «Ich verstehe nicht, wie Zeitschriften funktionieren können in einer Welt, in der man für Inhalte nicht zahlen muss», sagt Zanny Minton Beddoes, Chefredaktorin des wöchentlich erscheinenden «Economist». Und fügt hinzu: «Der Inhalt muss dafür dann aber auch gut genug sein.»

Wandel ins Digitale

Auch wenn das Wochenmagazin «für die absehbare Zukunft» das Herzstück der Marke «Ecomonist» bleiben soll, setzt Minton Beddoes auf Soziale Medien und die Website. «In einer Zeit des digitalen Umbruchs können wir nicht davon ausgehen, dass Leute uns nur wöchentlich lesen wollen.» Ob und wann Gedrucktes komplett von Digitalem abgelöst wird, will sie nicht sagen. Zwar falle die Zahl der Print-Abos, und die der Online-Abos steige. «Aber wir haben noch viele Abonnenten, die eine gedruckte Ausgabe beziehen, und ich erwarte, dass das so bleibt.»

Beim «Independent» sieht man das anders. «Die Leser haben die Entscheidung für uns getroffen», sagt Christian Broughton, Chefredaktor des Online- «Independent», im Podcast «Mediafocus». Nur noch ein Prozent der Leserschaft sei von der Druckausgabe gekommen, seit drei Jahren sei die Website profitabel.

In diese Stimmung hinein erregt eine neue Zeitung Aufsehen – und zwar eine, die nicht einmal eine Website hat. Der «New Day» sei die erste eigenständige, landesweit erscheinende Tageszeitung seit dem «Independent»-Start 1986, brüstet sich der Verlag Trinity Mirror, der mit dem «Mirror» politisch linken Boulevardjournalismus macht. Das neue Blatt richtet sich vor allem an Frauen, es soll «optimistisch» und politisch neutral sein.

Die Entscheidung für «New Day» sei aus der Not heraus gefallen, sagt Chefredaktorin Alison Phillips dem «Guardian». Um «Mirror»-Leser zurückzugewinnen, hätte man die Zeitung umkrempeln müssen. Ein neues Blatt schien einfacher. Besonders erfolgreich startete «New Day» aber nicht. Trotz eines Einführungspreises von 25 Pence kletterten die Verkaufszahlen nicht auf die erhofften 200'000. Derzeit sollen sie bei 90'000 liegen. An die Zukunft des Gedruckten glaubt Chefredaktorin Phillips trotzdem, wie sie sagt. Wer zu viel auf den Bildschirm schaue, habe ein schlechtes Gewissen. «Das ist mit Gedrucktem völlig anders. Damit verbindet man weiterhin, dass es etwas Gutes ist.» (sda/dpa)


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