Herr Golder mit Ihren Abstimmungs-Prognosen für das Schweizer Fernsehen lag gfs.bern in letzter Zeit mehrfach weit daneben. Woran lag das?
Eine Umfrage ist keine Prognose, sondern zeigt ein Meinungsbild an unserem Beispiel 18 Tage vor der Abstimmung auf. Nur unter der Annahme, dass sich in der Zeit zwischen Umfrage und Abstimmungstag nichts ändert, entspricht das Meinungsbild einer Prognose. Diese Annahme ist meist falsch. Gerade in der letzten Zeit beobachteten wir einige auch für uns überraschende Fälle. Ähnlich wie andere Erhebungs- und Prognoseinstrumente lagen wir beispielsweise bei der Ecopop-Initiative zu hoch.
Erachten Sie die Kritik von Kollegen wie Michael Hermann an Claude Longchamp als gerechtfertigt?
Michael Hermann hat sich selbst öffentlich von seinen persönlichen Angriffen auf die Person von Claude Longchamp distanziert. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
Claude Longchamp ist seit Jahren der bekannteste Politologe im Lande und ist an jedem Abstimmungswochenende breit in den Medien präsent. Das ist natürlich auch ein grosses Schaufenster für Ihre Firma. Steht Ihnen der Platz zu? Machen Sie die besten Hochrechnungen im Lande?
Wer im Schaufenster steht, entscheidet die SRG. Ihre Wahl fiel auf uns, weil wir systematisch Erkenntnisse über die Meinungsbildung in der direkten Demokratie sammeln und diese für unsere Auftraggeber gerne öffentlich teilen. Wir versuchen solche Forschung anschaulich und inspirierend zu machen und wollen mit den Analysen einen Beitrag für die spannende Berichterstattung über Abstimmungen und unser politisches System leisten.
Offenbar möchten Andere sich mit Ihrem Wissen und ihren Analysen auch gerne öffentlich exponieren. Das zeigt, dass wir in einem zunehmend umkämpften Markt sind. Viele klassisch sozialisierte Politologinnen und Politologen äusserten sich nur ungern und zurückhaltend öffentlich, denn ihnen war das Risiko zu gross. Die neue Konkurrenz inspiriert uns, methodisch und analytisch noch besser zu werden.
Welche Massnahmen gedenken Sie zu ergreifen, um die Genauigkeit Ihrer Umfragen zu verbessern?
Wir müssen vor allem an unserem Verständnis der Meinungsbildungsprozesse arbeiten. Initiativen von Rechts haben höhere Annahmechancen und die Rolle der SVP kann gerade in diesen Fällen entscheidend sein. Auch die Mobilisierung zum Schluss oder wie im Falle der Ecopop-Initaitive die Demobilisierung werden wir genauer analysieren. 317'075 Personen weniger als noch im Februar bei der Masseneinwanderungs-Initiative haben sich bei der Ecopop-Initiative geäussert. "Mei" war ein Mobilisierungsfall und Ecopop zum Schluss das Gegenteil. Dass hatten wir bereits am Abstimmungssonntat um 12 Uhr kommuniziert. Letzten Freitag bestätigte das statistische Amt des Kantons Zürich unsere Analyse vollumfänglich. Bei Ecopop haben wir zwar nie etwas anderes als ein Nein suggeriert, wir waren dabei aber sehr vorsichtig, weil wir nicht wussten, wie stark taktiert wird, um gegenüber dem Bundesrat ein Zeichen zu setzen, damit er die Masseneinwanderungs-Initiative strikt umsetzt.
Am vergangenen Wochenende berichtete die "SonntagsZeitung" von einem neuen Messverfahren. Sie versuchen die Jungen per Handy zu erreichen. Wie funktioniert dieses Verfahren genau und ab wann wird es eingesetzt?
Das "Dual-Frame-Verfahren" verbindet mit einem komplexen Verfahren Festnetz-Telefonie und Mobilfunk-Telefonie. Dabei wird etwa eines von fünf Interviews über Handy geführt. Das Verfahren ist aufwändiger als Standard-Telefon und hat auch sonst Nachteile, aber Junge sind damit einfacher zu erreichen. Wir führen zurzeit Tests durch, um auch den genauen Ablauf der Qualitätssicherung zu definieren.
Im Auftrag der Credit Suisse erstellt die GFS jährlich ein Sorgenbarometer. Im diesjährigen Bericht steht, das Vertrauen der Schweizerinnen und Schweizer in die kostenlosen Medien sei grösser als das in die bezahlten. Wie kommt das? Haben Sie eine Vermutung oder Erkenntnisse?
Vertrauen entsteht auch durch Vertrautheit. Die hohen Reichweiten von Gratismedien dürften Bindungen und damit Vertrauen entstehen lassen. Die Gratismedien profitieren von der grossen Leserschaft, während mit dem Auflagenschwund der Bezahlmedien auch Bindungen zurückgehen. Der weitere Verlauf wird zeigen, ob diese Hypothese zutrifft.
Mit welchen Gefühlen schauen Sie der nächsten Abstimmung entgegen?
Wir sind grosse Fans der direkten Demokratie. Jede Abstimmung ist eine neue Herausforderung. Am Abstimmungstag ist mehr als die Hälfte des gfs.bern-Teams im Einsatz. Es sind eigentliche Highlights in unserem Berufsalltag. Claude Longchamp ist ein Vorbild dafür, wie er komplizierte Politikprozesse anschaulich und leidenschaftlich vermittelt. Wir freuen uns über seine prominente Rolle.
Fragen: Adrian Schräder/Bild: zVg

