18.08.2014

Affäre Geri Müller

«Man müsste die Frage nach den Absichten von Patrik Müller stellen»

Erst die Nacktselfies aus dem Bundeshaus, jetzt die kompromittierenden Bilder des Grünen Nationalrats Geri Müller: 2014 scheint nicht nur das Jahr der Social-Media-Selbstporträts zu sein, es scheinen auch alle Hemmungen und Tabus zu fallen. Obwohl die Bilder anscheinend im Stadthaus Baden sowie im Bundeshaus entstanden sind, beruft sich der Aargauer Politiker auf seine Privatsphäre.
Affäre Geri Müller: «Man müsste die Frage nach den Absichten von Patrik Müller stellen»

Der mittlerweile beurlaubte Badener Stadtammann und Grüne Nationalrat Geri Müller steckt nach der Affäre um seine Ex-Geliebte tief in der Bredouille (persoenlich.com berichtete). Unsere Fragen an Entscheider aus der Schweizer Medienbranchen: Ist Geri Müllers Whatsapp-Strip Privatsache? Hätten Sie die Story in Ihrem Blatt auch gebracht? Und: Ist Müller als Volksvertreter noch tragbar?
 

Hanspeter Lebrument, Verlegerpräsident und VR-Präsident Somedia
Ob die Angelegenheit Geri Müllers Privatangelegenheit ist? Ein klares Nein! Sobald so etwas an die Öffentlichkeit gelangt, ist es keine Privatsache mehr. Müller hat mit dem Verständigen der Polizei selbst dafür gesorgt, dass die Sache an die Öffentlichkeit dringt. Ausserdem scheint es sich um Nötigung zu handeln.

Erweist sich die heutige Faktenlage als richtig, dann ist Müller sowohl als Stadtammann wie auch als Nationalrat nicht mehr tragbar. Ob wir die Geschichte in der "Südostschweiz“ als erste gebracht hätten, weiss ich nicht. Das muss der diensthabende Redaktor nach sorgfältiger Prüfung der Quellen entscheiden.

Ich erachte Müllers Verhalten als bodenlose Dummheit. Wenn man mal keine Partnerin hat und gewisse Bedürfnisse hat, dann kann man ja ins Puff gehen und muss nicht gleich irgendwelche Bilder verschicken.

 

Roger Köppel, Verleger und Chefredaktor Die Weltwoche
Wir hatten diese unappetitliche Story auch, haben sie aber nicht gebracht. Warum, lesen Sie in der nächsten "Weltwoche".

 

Res Strehle, Chefredaktor Tages-Anzeiger
Nein, Geri Müllers Strip ist nicht Privatsache. Ich teile die Meinung von Peter Studer: Person der Zeitgeschichte, öffentlicher Raum – öffentliches Interesse. Und zu Recht richtet sich an einen grünen Politiker ja auch ein wenig die Erwartung, Vorbild zu sein.

Und ja: Ich hätte die Story auch im Tagi gebracht. Wenn die Vorwürfe zutreffen, ist Müller als Volksvertreter nicht mehr tragbar.

 

Susan Boos, Chefredaktorin Wochenzeitung
Wem Politiker oder Politikerinnen  Selfies verschicken, ist nicht von öffentlichem Interesse – solange diese juristisch nicht delikat sind. Die Schweiz am Sonntag insinuierte indes, Geri Müller habe Amtsmissbrauch begangen. Juristisch kann man Gerry Müller aber offensichtlich nichts vorwerfen.

Das muss Chefredaktor Patrik Müller gewusst haben, doch unterschlug er dies geflissentlich, weil sonst die Geschichte weniger geschnackt hätte. Da müsste man doch zuerst die Frage nach den Absichten von Patrik Müller stellen, bevor man über die Tragbarkeit von Geri Müller moralisiert.
 


Marco Boselli, Chefredaktor 20 Minuten
Ein  gewählter Volksvertreter wie Geri Müller muss hohe moralische Standards erfüllen – auch im Privatleben. Einem Flirt per Handy Bilder seiner primären Geschlechtsteile zu schicken, die er im Büro gemacht hat, geht gar nicht. Schon nur deshalb nicht, weil sich ein Politiker erpressbar macht, wenn solche Fotos in falsche Hände geraten.

Trifft dann auch noch zu, dass Müller mittels fragwürdig eingeleitetem Polizeieinsatz versucht hat, wieder an die Bilder zu kommen, ist der Skandal perfekt und die Öffentlichkeit informationsberechtigt. Natürlich hätten wir die Story auch gebracht – vermutlich sogar mit den gepixelten Fotos.

 

Philipp Landmark, Chefredaktor St. Galler Tagblatt
Theoretisch ist Geri Müllers Privatleben sein Privatleben. Er hat seine Botschaften und seine Bilder auch nicht auf Sozialen Medien öffentlich gemacht, sondern sich nur an eine Empfängerin gerichtet. Sein Verhalten wird dann für die Öffentlichkeit relevant, wenn es seine Amtsführung beeinflussen könnte oder es dem Ansehen und der Würde des Amtes Schaden zufügen könnte. Da es offenbar Nacktbilder aus der Amtsstube gibt, dürfte dies allerdings der Fall sein.

Wahrscheinlich hätten auch wir die Geri-Müller-Geschichte gebracht; die Story über die Sekretärin mit den Nackt-Selfies aus dem Bundeshaus hingegen eher nicht, weil sie keine Person von besonderem öffentlichen Interesse ist.  Allerdings gibt es auch hier einige nachvollziehbare Argumente, die Geschichte zu bringen.

Geri Müller war wohl in erster Linie naiv. Wenn das allein zum Killerkriterium für Politiker wird, haben wir bald zu wenig politisches Personal im Lande. Die blosse Tatsache, dass Müller seine erotischen Gedanken digital an eine Frau sendete, die damit einverstanden war, ist definitiv kein Rücktrittsgrund. Sollte sich hingegen herausstellen, dass der Polizeieinsatz ein Druckmittel war, damit die Frau Nackt-Bilder löscht, um ein PR-Desaster zu verhindern, dann wäre dies wohl ein Amtsmissbrauch und Müller wäre als Politiker in beiden Funktionen nicht mehr tragbar. Erst wenn die genauen Umstände des Polizeieinsatzes geklärt sind, kann die Frage nach einer Rücktrittsforderung beantwortet werden.

 

Dani Winter, Redaktionsleiter TagesWoche
Im Prinzip ist die Angelegenheit Müllers Privatsache. Erstmal hat Müller ja keinen Social-Media-Strip gemacht, sondern einer Person geschickt. Somit ist es wohl eher ein Fall von Sexting. Problematisch wird die Sache dort, wo er die Person dazu drängt, die Bilder zu löschen, und ihr die Polizei auf den Hals hetzt – wenn es denn so war. Damit wäre es definitiv keine Privatsache mehr.

Ob die Story auch in unserem Blatt gelandet wäre, ist eine terminliche Frage. Online hätte ich sie auf jeden Fall gebracht – wenn die Quellen verlässlich sind.

Sollte Müller seine Macht missbraucht haben, müsste er meines Erachtens natürlich zurücktreten. Ein Mangel an Intelligenz, worauf das Verschicken von Nackt-Selfies schliessen lässt, ist jedoch noch kein Ausschlusskriterium. Die allfällige "Beschmutzung des Bundeshauses" ist für mich ebenfalls nebensächlich.

 

David Sieber, Chefredaktor Südostschweiz
Ich antworte Ihnen gerne, aber nicht in der Reihenfolge Ihrer Fragen, weil erst muss ich betonen, dass wir mit der AZ am Sonntag kooperieren und die "Schweiz am Sonntag" ein gemeinsames Kind ist. Damit ist die Frage, ob wir die Story auch gebracht haben, schon mal beantwortet. Und natürlich haben wir am Montag einen Nachzieher drin.

Dann ganz grundsätzlich: Auch Politiker haben eine Privatsphäre, die es zu respektieren gilt. Für mich ist es weniger ein Problem, wenn sich der Herr Stadtammann im Büro entblösst und fotografiert - solange dies nicht an die Öffentlichkeit dringt. Ist es aber – und somit ist er zumindest in diesem Exekutivamt kaum mehr tragbar, weil er sich schlicht unmöglich und das Amt lächerlich gemacht hat. Als Nationalrat kann er aber aus meiner Sicht weiter amten.

Nun stellt sich die Frage, ob man mit dieser Geschichte überhaupt hätte an die Öffentlichkeit gelangen sollen/dürfen. Ja, aber nicht wegen den Selfies, sondern wegen dem möglichen Amtsmissbrauch im Zusammenhang mit dem dubiosen Polizeieinsatz. Stimmt die in der SaS veröffentlichte Version, wäre das ein schwerwiegender Fall, der Müller zu Fall bringen muss.

 

Peter Rothenbühler, Journalist
Wer je ein Trennungsdrama erlebt hat, weiss, dass er dem Partner kein Material zuspielen sollte, das nach gescheiterter Beziehung für Erpressungszwecke verwendet werden kann. Nacktbilder von einem Politiker auf dem Handy der verschmähten Geliebten, was gibt es besseres? Sowohl die sogenannte Porno-Sekretärin im Bundeshaus wie der Badener Stadtammann sind erst einmal Opfer von Rache.

Natürlich stellt sich die Frage, warum sie so leichtfertig indiskrete Selfies herstellen, obschon jeden Tag in der Zeitung steht, dass jedes Telefon, jede Mail, schlicht alles abgehört und zweckentfremdet werden kann. Das Schöne an der Geschichte ist zu erfahren, dass Geri Müller ein interessantes Liebesleben hat – trotz beruflicher Überlastung.

Natürlich hätte ich die Geschichte gebracht: Sobald die Polizei eingreift, eventuell Machtmissbrauch vorliegt, ist diese private Affäre eines exponierten Politikers nicht mehr reine Privatsache. Darum muss sie auch restlos aufgeklärt werden. Warnung an alle Politiker und Politikerinnen: Verschmähte Mätressen oder Liebhaber haben schon in den achtziger Jahren die Presse angerufen. Allerdings hat man sie damals an die Dargebotene Hand verwiesen.

Selbstverständlich ist Geri als Volksvertreter noch vertretbar. Solange wie ihn das Volk gewählt hat. Und solange er alles ehrlich offenlegt.

 

Christian Dorer, Chefredaktor Aargauer Zeitung
Wenn ein Stadtammann in seinem Büro Nacktaufnahmen macht – und das ist erwiesen – , dann ist das keine Privatsache. Wenn zusätzlich die Vorwürfe im Raum stehen, er habe eine junge Frau bedrängt und die Polizei auf sie angesetzt, dann müssen diese Vorwürfe rasch und umfassend geklärt werden.

Ja, ich hätte die Geschichte auch gebracht. Und zum letzten Punkt: Allein die Nacktfotos aus dem Stadtammann-Büro untergraben die Autorität Müllers derart, dass er sich kaum wird halten können.

 

Norbert Neiniger, Chefredaktor Schaffhauser Nachrichten
Falls Geri Müller versucht hat, seine ehemalige Chat-Partnerin – mit Hilfe der Polizei – einzuschüchtern, ist das keine Privatsache mehr. Dann muss dies selbstverständlich öffentlich gemacht werden. Und dann ist er auch nicht mehr tragbar.

Ironie des Schicksals: Er scheitert jetzt, wie es aussieht, nicht an seiner unsäglichen (aussen-)politischen Haltung sondern an mangelnder Selbstbeherrschung.

P.S.: Chapeau, dass der Chef (Patrik Müller) die Geschichte selber schrieb und damit auch die Risiken auf sich nimmt.

 

René Lüchinger, Chefredaktor Blick
Ich kann dazu folgendes sagen: Wir wissen detailliert von der Geschichte seit Wochen, exakt seit Mitte Juni. Wir haben aus zwei Gründen auf eine Publikation verzichtet:

- ohne in die Details zu gehen: Trotz Chats und Fotos war die Zeugen-Lage und das Verhältnis unter den Beteiligten nicht einwandfrei zu klären.
- es ist ein Grenzfall, was den Persönlichkeitsschutz anbelangt. In den Chats wurde zwar geschrieben, dass die Selfies aus dem Büro des Badener Stadtammanns geschossen wurden. Beweisbar war das aus dem vorhandenen Material nicht einwandfrei.

So wie die Geschichte nun politisch dreht, glaube ich kaum, dass Geri Müller das politisch überlebt.  



Umfrage: Adrian Schräder



 


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