17.11.2018

Geschlechtergerechtes Schreiben

Bürger*innen oder Student_innen im Test

Bürger*innen und Student_innen oder gar Lehr_er_innen: Die Debatte um geschlechtergerechtes Schreiben erhitzt viele Gemüter. Jetzt hat sich der Rat für deutsche Rechtschreibung dazu geäussert.
Geschlechtergerechtes Schreiben: Bürger*innen oder Student_innen im Test
Ein Tweet mit dem geschlechtsneutral formulierten Wort «Bürger*innen»: Bürger*innen und Student_innen oder gar Lehr_er_innen - die Debatte um geschlechtergerechtes Schreiben erhitzt viele Gemüter. (Bild: Keystone/Marijan Murat)

Auch wenn der Genderstern zunehmend verwendet wird - in das Regelwerk der deutschen Sprache wird er vorerst nicht einziehen. In Deutschland hat sich der Rat für deutsche Rechtschreibung bei seiner Tagung am Freitag einstimmig dafür ausgesprochen, den Sprachgebrauch zunächst weiter zu beobachten.

«Die Erprobungsphase verschiedener Bezeichnungen des dritten Geschlechts verläuft in den Ländern des deutschen Sprachraums unterschiedlich schnell und intensiv», sagte Vorsitzender Josef Lange. Sie soll nicht durch vorzeitige Empfehlungen und Festlegungen des Rats beeinflusst werden, wie das Gremium befand. 

Unterschiedliche Wahrnehmung

Der gesellschaftliche Diskurs zur Gendersprache verlaufe sehr kontrovers. Durch Verfassungsgerichtsentscheidungen in Deutschland und Österreich sei die Diskussion beschleunigt worden, sagte Lange.

Das Recht der Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen, angemessen sprachlich bezeichnet zu werden, sei «ein Anliegen, das sich auch in der geschriebenen Sprache abbilden soll», heisst es im Ergebnispapier des Rates.

Der Rat sei sich bewusst, dass geschriebene Sprache mit Blick auf die Darstellung von Lebenswirklichkeiten sehr unterschiedlich wahrgenommen werde. Die Schreibweisen, mit denen unterschiedliche Geschlechter dargestellt werden, müssten zur Kenntnis genommen und geprüft werden. «Sie können aber nicht jeweils für sich Allgemeingültigkeit und Verbindlichkeit für die geschriebene Sprache beanspruchen», stellte das Gremium klar.

Verständlich und vorlesbar

In der geschriebenen Sprache gibt es dem Rat zufolge derzeit sowohl grammatische als auch orthographische Ausdrucksmittel für geschlechtergerechtes Schreiben. Orthographisch sind das etwa das Sternchen (Asterisk) und der Tiefstrich (Gendergap).

Möglich ist auch der Zusatz «divers» (m, w, d). Ausdrücklich verwiesen die Rechtschreibexperten auch auf das generische Maskulinum. Dieses verwendet das grammatische männliche Geschlecht unabhängig vom biologischen Geschlecht (Beispiel: «Wann kommt der Handwerker?»). 

Bereits bei seiner Sitzung im Juni in Wien war der Rat übereingekommen, dass Gendersprache verständlich und lesbar, vorlesbar, grammatisch korrekt, eindeutig und rechtssicher sowie übertragbar - im Hinblick auf deutschsprachige Länder wie die Schweiz mit mehreren Amts- und Minderheitensprachen - sein soll.

Der Rat will weiterhin den Schreibgebrauch in verschiedenen Medien und Gruppen analysieren (sda/dpa/eh) 

 

 



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Kommentare

  • Ueli Custer, 19.11.2018 12:17 Uhr
    Es ist doch ganz einfach: Jegliche Form muss sowohl geschrieben als auch akustisch verständlich sein. Das erfüllen alle diese Krüppelvarianten in keiner Weise. Die Erwähnung in beiden Geschlechtern bleibt damit die bisher einzige sinnvolle, leider aber auch manchmal äusserst schwerfällige Lösung.
  • Armin Biermann, 19.11.2018 12:36 Uhr
    Die ganze Diskussion nervt, weil die Sprache nicht das Problem ist. In der Linguistik lernt man, dass die Beziehung zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten willkürlich ist. Das bleibt sie auch nach der Aufblähung der Sprache durch vermeintlich geschlechtergerechte Bezeichnungen. So kann jemand Gendersprache verwenden und trotzdem ein Sexist, Chauvinist, Macho, was auch immer, sein. Mit der politisch korrekten Formulierung ist man auf der sicheren Seite. Da Sprache ein willkürliches System von Symbolen ist, das historisch und sozial entstanden ist, sollten wir uns lieber an den Taten - und weniger an den Wörtern - orientieren, um zu beurteilen, für wen die Gleichberechtigung vollzogen ist... und für wen nicht. Frauen verdienen immer noch signifikant weniger als Männer, haben immer noch weniger Zugang zu Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft. Darauf sollten wir unsere Energie verwenden, anstatt uns in Scheingefechten auf der Symbolebene zu verausgaben. Positiver Nebeneffekt: ohne geschlechtergerechte Sprachhülsen hätten die Nachrichtensendungen mehr Zeit für Nachrichten oder kämen mit zwei Dritteln der Zeit aus. Als Soziologe habe ich es immer für eine unplausible These gehalten, dass Sprachregelungen menschliches Verhalten ändern. Es kommt mir so vor wie die Vorstellung aus dem letzten Jahrhundert, dass man eine Sprache leichter lernt, wenn man erst einmal die gesamte Grammatik auswendiglernt. So kommen wir keinen Schritt weiter!

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