Eine Bundespräsidentin, die am Fernsehen ein Lied von Edith Piaf singt und ein Bundesrat, der über seinen Blog mit der Internet-Community diskutiert: Die Aktionen von Micheline Calmy-Rey und Moritz Leuenberger haben eine Kontroverse ausgelöst.
"Herzlichen Dank für die sehr aktive Diskussion", bedankte sich Bundesrat Leuenberger in seinem neusten Blog-Eintrag am Samstag. Er habe alle 133 Komentare gelesen, versicherte Leuenberger, der von Ständerat Carlo Schmid (CVP/AI) bereits offiziell als "Bundesrat Blogger" begrüsst worden ist. Er habe erst jetzt realisiert, dass die Presse sein Experiment als Konkurrenz empfinde. Das erkläre auch die spöttischen Bemerkungen in den Zeitungen, schrieb Leuenberger weiter.
An den Massenmedien vorbei
Bestätigt wird dieser Eindruck Leuenbergers vom Zürcher Publizistikwissenschafter Mirko Marr. "Es ist eine gute Möglichkeit, an den Massenmedien vorbei zu kommunizieren", sagte er in einem am Samstag publizierten Interview mit der "Neuen Luzerner Zeitung" (NLZ). Ironischerweise klappe das aber nur, wenn die Massenmedien darauf aufmerksam machten.
Dass Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey am 19. Mai als Sängerin im Westschweizer Fernsehen auftreten will, erachtet Marr als unproblematisch. "Sie kann damit Leute erreichen, die sich normalerweise nicht für Politik interessieren." Marr liess allerdings die Frage offen, ob der Auftritt mit Edith Piafs Lied "Les trois cloches" beim genannten Publikum nachhaltig sein wird. Politiker müssten auf die Show Taten folgen lassen.
Gefahr des Sauglattismus
Ungleich härter ins Gericht ging der Kommentator der NLZ mit der Chanson-Idee: "Liedli singende oder schauspielernde Bundesräte betreiben im Kern inhaltlose Selbstdarstellung."

