22.07.2018

Lohngleichheit

«Das ist keine Werbung, sondern Vollzugsarbeit»

Kathrin Amacker gilt als Vorkämpferin: Bei Novartis, Swisscom und SBB hat die Top-Managerin massgeblich dazu beigetragen, dass Lohnanalysen eingeführt wurden. Sie sagt, Mentorings für Frauen seien überflüssig. Wichtig wäre etwas viel Einfacheres.
Lohngleichheit: «Das ist keine Werbung, sondern Vollzugsarbeit»
Die ehemalige CVP-Nationalrätin Kathrin Amacker hat sich bei Novartis, Swisscom und SBB auf Geschäftsleitungsebene für ein Lohngleichheitsprogramm eingesetzt. (Bild: zVg.)
von Edith Hollenstein

Frau Amacker, könnten die Lohnanalysen von Tamedia eine Sparmassnahme sein?
Modelle sind immer nur Hilfsmittel zur sachlichen Auslegeordnung. Was daraus gemacht wird, sind Führungsentscheide. Bisher wurden bei Lohngleichheitsanalysen bei Bedarf die Frauenlöhne nach oben korrigiert und nicht die Männerlöhne nach unten.

Es fällt tatsächlich auf, dass immer mehr Unternehmen Lohngleichheitsanalysen durchdurchführen. Lässt sich damit derzeit einfach gut PR oder Employer-Branding betreiben?
Dass heute in einem Unternehmen gleiche Löhne für gleichwertige Arbeit bezahlt werden, ist seit über 20 Jahren eine gesetzliche Pflicht. Ich werte deshalb Lohngleichheitsanalysen weniger als Werbung, sondern als Vollzugsarbeit.

Sie haben bereits bei Novartis durchgesetzt, dass eine Lohnanalyse durchgeführt wurde. Ging es damals auch darum, ein neues «Funktions- und Gradingmodell» einzuführen? Oder war es dabei die einzige Absicht, Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern zu eruieren?
Die Lohnanalyse bei Novartis ging auf die Initiative der Arbeitnehmervertretung zurück und wurde als Projekt allein zu dieser Fragestellung aufgesetzt. Im Zuge der Fusion von Ciba-Geigy und Sandoz zu Novartis wurden hingegen auch die Funktionsmodelle der Mitarbeitenden angeschaut und vereinheitlicht.

«Die Systematik einer unfairen Behandlung war offensichtlich»

Welches war die grösste Schwierigkeit dabei?
Es war eine Pionierarbeit in den ersten Jahren nach der Gründung von Novartis. Das schwierigste war der Start an sich. Es brauchte drei Jahre Überzeugungsarbeit, bis der Entscheid fiel, diese Sache an die Hand zu nehmen.

Wie Sie gegenüber SRF sagten, waren es 900 Frauen, deren Löhne die Novartis um zusammengenommen drei Millionen Franken erhöhen musste. Waren Sie oder die anderen GL-Mitglieder von diesem Ergebnis überrascht?
Die hohe Zahl von betroffenen Frauen hat uns überrascht und auch beschämt. Die Systematik einer unfairen Behandlung war offensichtlich.

Was haben Swisscom und die SBB, wo Sie später arbeiteten respektive aktuell arbeiten, durch ihre jeweiligen internen Lohnanalysen gelernt?
Bereits vor der Durchführung des Lohngleichheitsdialogs waren viele Detailkenntnisse zu den komplexen Lohnsystemen vorhanden. Das hat zu weniger Überraschungen geführt. Einzelne Berufsfelder galt es dennoch im Auge zu behalten. 

Was für Ergebnisse förderten diese zu Tage?
Die Ergebnisse waren im diesem Sinn nicht so spektakulär wie bei Novartis. Die Kriterien des Lohngleichheitsdialogs wurden eingehalten.

Was wird beim Entscheid, Lohngleichheitsanalysen durchzuführen, unterschätzt?
Bei allen Lohngleichheitsanalysen, die ich miterleben durfte, habe ich unterschätzt, wie stark die Führungs- und Fehlerkultur solch schwierige Prozesse prägt. 

Wie viel kostet eine solche Analyse?
Das ist unterschiedlich. Wenn sie über einen etablierten Personalbereich verfügen, wenden sie vor allem Zeit auf. Dieser Bedarf ist nicht zu unterschätzen. Wenn sie sich bei einer Analyse extern begleiten lassen, kommen natürlich Honorare zu üblichen Tagessätzen zum Tragen.

Was taugt Ihrer Ansicht nach «Logib», das Tool des Bundes, das etwa die SRG anwendet (persoenlich.com berichtete)? 
«Logib» taugt zur Durchführung eines objektiven Tests im Unternehmen gut, denn es ist einfach anzuwenden und – da auf einer Regressionsanalyse basierend - wissenschaftlich korrekt. Wenn vertiefte Analysen gewünscht sind, lässt sich unkompliziert eine externe Fachperson beiziehen.

Wer kann eine solche durchführen?
Unter ebg.admin.ch sind zahlreiche Fachpersonen aufgeführt, die eine solche Analyse begleiten oder durchführen können. 

 

Nun diskutiert das Parlament das Thema Gleichberechtigung bei den Löhnen. Der Ständerat will Firmen ab 100 Mitarbeitenden zu Lohnanalysen verpflichten. Was halten Sie davon?
Es ist schade, dass eine solche Pflicht nötig ist. Nach über 20 Jahren gesetzlicher Verankerung der Lohngleichheit hätte eine Umsetzung greifen müssen. Der Weg der Selbstregulierung hat irgendwann ein Ablaufdatum.

«Man muss Frauen konsequent für nächsthöhere Funktionen nominieren»

Welche Massnahmen ergreift die SBB, um «gleichen Lohn für gleiche Arbeit» zu garantieren?
Wir sind bereits vor Jahren dem Lohngleichheitsdialog beigetreten und lassen uns auch weitergehend regelmässig zur Lohngleichheit zertifizieren. Ich nehme persönlich wahr, dass das Thema bei uns in der Führungsarbeit grundsätzlich wichtig ist. 

Abgesehen davon: Gibt es andere Massnahmen, die wichtig wären, damit in der Berufswelt Frauen den Männern gleichgestellt sind?
Wichtig erscheint mir, mit unendlich drehenden Weiterbildungen und Mentorings für Frauen aufzuhören und sie stattdessen konsequent für nächsthöhere Funktionen zu nominieren. Da darf auch ein bisschen Risiko dabei sein, meistens geht es genauso oft gut wie bei Männern.

 


*Kathrin Amacker ist seit 2013 bei der SBB Mitglied der Konzernleitung und Leiterin Kommunikation



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