18.02.2011

"Die Beamten müssen das Social-Media-Handwerk neu erlernen."

Sind Sie Facebook-Freund des Europarats oder der Stadt St. Gallen? Was nicht ist, kann noch werden. Denn immer mehr Gemeinden und Städte überlegen sich, Twitter oder Facebook für besonders bürgernahe Kommunikation zu nutzen. "persoenlich.com" sprach am "World Forum Davos" mit Daniel Höltgen, dem Kommunikationschef des Europarates. Er schildert unter anderem, wie er heikle Situationen mit Social Media zum Positiven wenden konnte. Zum Interview:
"Die Beamten müssen das Social-Media-Handwerk neu erlernen."

Herr Höltgen, Sie sind erst seit Oktober Kommunikationschef des Europarats. Haben Sie bereits festgelegt, was Sie als erstes anpacken möchten?

Meine Aufgabe ist hauptsächlich das Image und die Reputation des Europarats in den Mitgliedsländern zu beeinflussen. Dafür will ich primär den Sprecherdienst ausbauen. Bisher war nicht genau definiert, wer wann spricht. Man hatte zwar Leute bestimmt, die zu gewissen Gelegenheiten sprachen, aber das Ganze war nicht sehr systematisch.

Welches sind Ihre wichtigsten Anspruchsgruppen?

Für uns sind drei Gruppen besonders wichtig: Erstens die Staaten, wie z.B. die Schweizer Regierung. Zweitens die europäischen Bürger, denn wir fördern ja die Rechtsstaatlichkeit für Minderheiten. Die dritte Anspruchsgruppen sind die Medien. Diese haben wir vielleicht vernachlässigt in der letzten Zeit. Wir haben ehrlich gesagt auch den Wandel in den Medien nicht richtig wahrgenommen, also z.B. nicht realisiert, dass man nicht mehr über Medienmitteilungen kommuniziert.

Sie sprechen an, dass man nicht mehr nur über die klassischen Medien Informationen verbreiten kann, sondern direkt mit den Anspruchsgruppen in Kontakt treten soll. Wie tun Sie das beim Europarat?

Wir sind auf Twitter und auf Facebook. Ausserdem twittert Generalsekretär Thorbjørn Jagland ebenfalls.

In diesem Fall kann ich Facebook-Fan werden vom Europarat?

Ja, sicher! Wir haben über 11’500 Followers.

Wer betreut diese Community? Studenten im Teilzeitjob oder langjährige Europarat-Mitarbeitende?

Das sind zum grössten Teil Beamte und Beamtinnen, die schon länger mit dabei sind. Sie müssen das Social-Media-Handwerk nun neu erlernen. Wir haben ausserdem einen jüngeren Beamten, der sich technisch bereits sehr gut auskennt. Aber ich würde nicht sagen, dass wir dieses Geschäft bereits voll beherrschen. Wir tasten uns heran. Ich denke, es gibt auch bestimmt niemanden, der ad hoc kommen kann und den Europarat in den Social Media optimal präsentieren kann.

Warum nicht?

Dafür muss man die Evolution der Organisation kennen. Ausserdem ist es bei uns so, dass alles, was wir sagen, diplomatisch ausgewogen sein muss. Alles muss abgestimmt sein mit den Mitgliedstaaten. Ich kann jetzt nicht ständig twittern und sagen: „Ich sitze jetzt grad mit Javier Solana und Joschka Fischer... Die haben jetzt gerade dies oder jenes gesagt“. So würde ich alle Gepflogenheiten dieser altehrwürdigen Organisation über den Haufen werfen. Deshalb tasten wir uns hier vorsichtig ran.

Was bedeutet „vorsichtig ran tasten“?

Wir machen es so, dass wir Informationen, die ohnehin bekannt gegeben werden, in angepasster Form auch über Facebook und Twitter verlautbaren.

Aber auf diese Weise nutzen Sie ja das Potential gar nicht richtig aus! Unternehmen, die Social Media beherrschen, schaffen es in ihren Communities Diskussionen zu lancieren, sie erzeugen Zweiwegkommunikation und betreiben nicht einfach reine Verlautbarung.

Richtig, wir sind eher vorsichtig. Aber wir starten mit Zweiwegkommunikation, zum Beispiel auch mit unserem Blog. Aber auch da ist es schwierig, den Leuten den Zweck eines Blogs zu erklären. Unsere Webseite ist vielleicht etwas überladen. Denn wir haben das Dilemma, dass wir einerseits aktuell sein müssen. Andererseits muss - im Sinne der Transparenz - alles, was je über den Europarat veröffentlicht wurde, auf der Webseite zu finden sein. Ich würde sagen, wir arbeiten parallel, aber nicht proaktiv mit den sozialen Medien.

Erinnern Sie sich an Situationen, in denen in sozialen Netzwerken Unmut oder Kritik gegen den Europarat laut wurde?

Ja. Beim Problem im Oktober mit den Roma, welche in Europa von einem Land zum anderen reisen, weil sie überall unerwünscht sind. Die Roma formierten sich über soziale Medien. Sie machten uns auf diesem Weg deutlich, dass sie organisiert sind, dass sie Interesse an einer Konferenz haben, die wir damals planten. So haben wir dann entschieden, dass neben den 47 Regierungsvertretern ein Roma-Vertreter an der Konferenz teilnehmen konnte. Ausserdem liessen wir Roma-Gruppen in einem Nebensaal die Konferenz mitverfolgen.

Was resultierte daraus?

Es war jetzt nicht so, dass wir durch den Einbezug der Roma gleich das Problem lösen konnten. Doch das Feedback der Involvierten und das Echo in den Medien waren positiv.

Empfehlen Sie also Städten oder Ländern einen Facebook-Auftritt, so dass die Leute Fan von Davos, der Stadt Zürich oder der Schweiz werden können?

Ja, man sollte den Dialog über diese Plattformen ständig und besser führen.

Nochmals zurück zu Ihrem Job als Kommunikationschef des Europarats. Welches sind Ihre Aufgaben in dieser Funktion?

Ich mache klassische Pressearbeit, wobei diese heute ergänzt wird, durch soziale Medien. Dann bin ich für den Internetauftritt verantwortlich. Er ist bei uns sehr wichtig, weil die Webseite nicht nur Informationsmedium ist, sondern es auch ein Kompendium für alles, was der Europarat macht. Ausserdem bin ich verantwortlich für alle Veröffentlichungen. Ich muss auf Aktivitäten des Europarates hinweisen und ich muss einen Dialog führen mit den NGOs.

Wie ist Ihre Abteilung organisiert?

Meine Abteilung zählt heute etwas mehr als 60 Mitarbeiter und sie umfasst - nach klassischem französischem Administrationsmodell - alles was man im weitesten Sinne mit Kommunikation in Verbindung bringen kann: Die Abteilungen für Veröffentlichungen, Besucherdienst, Presse, Online und Events.

Europarat-Kommunikationschef {L:http://www.forumdavos.com/speaker/Daniel_H%C3%B6ltgen,Daniel Höltgen}

60 Leute, das ist eher gross.

Ja richtig. Ich höre oft diese Abteilung sei gross, oder gar zu gross. Das ist so, weil bei uns alle diese Dienste unter einem Dach zusammengefasst sind.

Welche Themen und Fragen werden Sie längerfristig beschäftigen?

Wir haben ein Branding-Problem. Das zeigt die Tatsache, dass in Deutschland viele Leute nicht wissen, dass der europäische Gerichtshof für Menschenrechte zum Europarat gehört. Wir müssen also überlegen, wie wir die Teilorganisationen als Familie darstellen wollen. Hier lautet die Kernfrage: Wie sieht das Branding, die Corporate Identity des Europarats aus? Um diese Strategie und die operative Umsetzung kümmere ich mich in den nächsten Monaten.

Lesen Sie auch den Text über das Referat von PR-Guru Paul Holmes am "World Forum Davos" 2011.

Interview: Edith Hollenstein


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