09.06.2006

"Die Fifa ist ein idealer Sündenbock"

Fifa-Kommunikationschef Markus Siegler ist ein gefragter Mann. Wenige Tage vor der Fussball-WM kämpft der gebürtige Basler an allen Fronten. Täglich wird der Fussballweltverband mit neuen Gerüchten und Unterstellungen konfrontiert, zuletzt mit dem Enthüllungsbuch "Foul!" des englischen Journalisten Andrew Jennings, welches der Fifa illegale Machenschaften vorwirft. Doch Siegler bleibt erstaunlich gelassen, wie ein Interview-Ausschnitt aus "persönlich rot" zeigt.
"Die Fifa ist ein idealer Sündenbock"

Herr Siegler, nicht zuletzt durch die WM-Auslosung, die Sie vorgenommen haben, wie auch durch Ihre Partnerschaft mit Schlagerstar Marianne Cathomen sind Sie beinahe zu einem zweiten "Mister Fifa" geworden. Wie leben Sie mit diesem Image?

Keine Übertreibungen. Nur weil ich ein paar Mal in den Zeitungen abgebildet wurde, bin ich noch längst kein Prominenter. Wenn aber mein Auftritt bei der WM-Auslosung vor einem Millionenpublikum gelungen ist und der Fifa und ihrem Präsidenten etwas gebracht hat, bin ich sehr zufrieden.

Das Image der Fifa scheint momentan nicht besonders gut.

Es ist richtig, die Fifa hat momentan an einigen Fronten zu kämpfen, was uns auch nicht besonders glücklich stimmt. Einer der Gründe beruht auf der Tatsache, dass es jeweils vier Jahre dauert, bis die nächste Fussballweltmeisterschaft angepfiffen wird. In der Zwischenzeit passiert nicht viel. Je näher das Ereignis aber rückt, desto grösser wird der Hype. Journalistisch gesehen, dominiert das Thema Fussball plötzlich nicht mehr nur den Sport-, sondern auch den Politik-, Gesellschafts- und Wirtschaftsteil der Zeitungen.

Man hat den Eindruck, dass in Deutschland die Aversionen gegen die Fifa momentan besonders stark sind.

Es entspricht ein bisschen der deutschen Mentalität, sich dauernd selbst zu kritisieren und runterzumachen. Dies zeigte auch die Umfrage der Stiftung Warentest, welche vor wenigen Wochen publiziert wurde. Darin wurde der vermeintlich schlechte Zustand der Fussballstadien angeprangert. Viele Deutsche vergessen gerne, dass es sich bei der Weltmeisterschaft -- sie trägt ja den Slogan 'Die Welt zu Gast bei Freunden' -- nicht um eine nationale, sondern um eine internationale Veranstaltung handelt. Deswegen können wir auch nicht alle Tickets nach Deutschland vergeben, sondern müssen diese nach einer bestimmten Quote aufteilen, wobei auch die nicht qualifizierten 175 Verbände berücksichtigt werden müssen.

Wie erleben Sie diese Stimmung als Kommunikationschef?

Ich freue mich wirklich, wenn der erste Ball angepfiffen wird. Erst dann wird der Sport im Vordergrund stehen und alle andern Diskussionen verdrängen. Momentan geht in Deutschland ein solcher Hype ab, dass beinahe jeder und jede sich bemüssigt fühlt, sich in den Medien zum Thema WM und Fussball äussern zu müssen. Und das leider halt oft falsch. Auch viele deutschen Medien kritisieren die Fifa zurzeit wider besseren Wissens. Kürzlich erklärte mir ein Chefredaktor, ohne mit der Wimper zu zucken, dass er die Problematik des Bierausschanks in seinem Blatt auch dann populistisch aufbereite, wenn dies den journalistischen Prinzipien widerspreche. Wir werden mittlerweile mit allen möglichen Falschmeldungen konfrontiert. So schrieb eine Zeitung, dass wir den Zuschauern verbieten würden, Fanhütchen mit der Aufschrift Nike zu tragen. Eine andere Zeitung behauptete, das Münchner Stadion müsse so umgebaut werden, dass sich der Sitzplatz von Sepp Blatter direkt in der Mitte befinde. Obwohl dies ein absoluter Unsinn ist, verbreiten sich solche Meldungen in Windeseile. Irgendwann ist man gegen diese Dynamik wehrlos: Jeder Journalist schreibt vom andern ab, ohne zu kontrollieren, was überhaupt stimmt. Dennoch tun wir, was wir können, um solchen Unwahrheiten zu begegnen.

Sie resignieren?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin auch der Meinung, dass wir vier grossartige Wochen vor uns haben. Aber momentan ist mein Spielraum als Kommunikationschef begrenzt. Ich kann die Glaubwürdigkeit der Fifa nur erreichen, wenn ich offen informiere und auch einmal einen Fehler eingestehe. Nehmen Sie das Beispiel der Medienrichtlinien. Als wir eingesehen haben, dass gewisse Punkte nicht ideal sind, sind wir davon abgekommen. Es macht keinen Sinn, die ganze Presse gegen sich aufzubringen. Wenn wir uns aber in Deutschland vor Ort befinden, ist die Situation eigentlich sehr angenehm, und die Zusammenarbeit ist sehr gut, was uns die Möglichkeit gibt, allfällige Missverständnisse zu klären. Die Champions League ist mit ihren Vorschriften vielleicht noch rigider als die Fifa. Doch im Gegensatz zu uns wird die Champions League wöchentlich gespielt, und man muss nicht vier lange Jahre warten, bis der erste Ball rollt.

Warum fühlen sich die Deutschen durch die Fifa dann so drangsaliert?

Die Fifa ist ein idealer Sündenbock: weit weg und nicht richtig fassbar. Wenn eine Cateringfirma sich wegen der Vogelgrippe weigert, Hühnerfleisch zu liefern, beschuldigt man sogleich die Fifa, obwohl dies ausserhalb unserer Kompetenzen liegt. Doch dies ist 'part of the game'. Ich habe auch Schlagzeilen gelesen, denen zufolge die Fifa jetzt gar das Land Deutschland regiere. Obwohl dies völliger Unsinn ist, bleibt am Ende immer etwas hängen.

Eine Fussballweltmeisterschaft ist wohl das weltweit grösste Medienereignis. Inwiefern profitiert die Fifa davon?

Die Fernseheinnahmen der letzten vier Jahre betragen 1,5 Milliarden Franken, wovon sich die Hälfte auf Europa bezieht. Zusätzlich nehmen wir 800 Millionen Franken Marketinglizenzgebühren ein. Dank einer neuen Marketingstruktur und dem neu organisierten Verkauf der Fernsehrechte können wir davon ausgehen, dass sich diese Einnahmen in Zukunft noch um einen Fünftel steigern werden, was beweist, dass eine Weltmeisterschaft vom Austragungsland unabhängig ist. Es gab im Vorfeld viele kritische Stimmen, für die ein ökonomischer Erfolg in Deutschland zwar selbstverständlich ist, die bei der übernächsten Weltmeisterschaft aber, welche in Südafrika stattfindet, erhebliche Zweifel haben. Das ist falsch. Wir haben schon Verträge bis ins Jahr 2014 abgeschlossen, ohne den Veranstalter zu kennen. Für die WM 2006 bestanden beispielsweise mit Hyundai bereits Verträge, als man gar noch nicht wusste, wo sie stattfinden würde. Dies zeigt, wie gut unser Produkt 'Weltmeisterschaft' ist.

Wo befinden Sie sich während der WM?

In Berlin.

Was ist Ihre Aufgabe?

Die ganze Fussballweltmeisterschaft wie auch die Kommunikationsaufgaben werden zwischen der Fifa und dem Organisationskomitee partnerschaftlich organisiert. Mein Contrepart ist Wolfgang Niersbach, einer der drei Vizepräsidenten. Wir haben je einen Chef für operationelle wie auch informelle Angelegenheiten. Ersterer betreut die zwölf Stadien mit ihren lokalen Pressechefs, der andere ist für den Bereich Information zuständig

Wie viele Leute beschäftigen Sie insgesamt?

Insgesamt haben wir rund 160 Leute im Einsatz: rund 60 Pressechefs, etwa 80 Internet-Leute, 15 Leute im Protokoll und dann noch einige im Datenmanagement. Während wir 2002 auf unserer Website fifaworldcup.com zwei Milliarden Page-Views hatten, erwarten wir dieses Mal drei bis vier Milliarden. Punkto Presse stossen wir nun an Grenzen: Allein für die diesjährige Weltmeisterschaft sind 4500 Journalisten und 1100 Fotografen akkreditiert, was einen absoluten Rekord darstellt. Wir haben dafür das Stadion in Berlin, wo das Endspiel stattfindet, um 2000 Presseplätze erweitert. Bei der letzten Europameisterschaft sind aber viele Journalisten, obwohl sie angemeldet waren, gar nicht erschienen. Dies ist ein Problem. Wir werden deshalb dieses Jahr genau registrieren, wie gut diese Plätze besetzt sind, ansonsten müssen wir sie bei der Weltmeisterschaft 2010 gnadenlos streichen.

Sie intervenieren also persönlich, wenn ein Journalist nicht erscheint?

Die Fifa versteht sich keineswegs als Polizist, möchte aber eine exakte Übersicht über die Belegung der Presseplätze haben. Schliesslich sind das die besten Plätze im Stadion. Ist ein Journalist kurzfristig verhindert, kann er sich online oder über eine Telefonhotline problemlos abmelden. Macht er dies nicht, so kriegt er eine gelbe Karte. Beim zweiten Mal erhält er eine rote und ist für das nächste Mal gesperrt. Dies ist nur fair. Ein Journalist, der unentschuldigt fernbleibt, nimmt einem Kollegen, der eigentlich kommen sollte, den Platz weg.

Erstellen Sie schwarze Listen?

Ja, aber nur in Bezug auf die WM-Spiele, sonst überhaupt nicht. Ich habe auch keine andere Wahl. Ich musste die grosse Anzahl der Presseplätze auch hausintern verteidigen. Bleiben zum Beispiel 30 Prozent der besten Plätze über die ganze WM gesehen frei, so komme ich unter Druck und kann dieselbe Anzahl für 2010 kaum mehr verteidigen. Auch der Veranstalter ist über freie Presseplätze nicht besonders glücklich, weil er einen Teil seiner Einnahmen aus dem Ticketverkauf generiert.


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