27.08.2007

"Die ganze Schweiz litt mit uns mit."

Swiss-Mediensprecher Jean-Claude Donzel feiert in diesem Jahr sein 40jähriges Dienstjubiläum. Er hat erlebt, wie die Swissair von den Medien lange verehrt, später geprügelt wurde -- und schliesslich zu Grunde ging. "Als ich in der Kommunikation begann, haben wir ausschliesslich Schönwetter-PR betrieben", so Donzel im Gespräch mit "persoenlich.com". Mit den finanziellen Problemen der Airline kam der Wetterumschwung. Donzel hat dem Sturm getrotzt. Das Interview:
"Die ganze Schweiz litt mit uns mit."

Herr Donzel, Sie feiern dieses Jahr Ihr 40jähriges Dienstjubiläum. Hatten Sie eigentlich nie Abwanderungsgelüste?

Ich bin ursprünglich kein Kommunikationsmensch, sondern habe bei der Swissair in Genf die Ausbildung als Luftverkehrsangestellter gemacht und zunächst auch in dieser Funktion gearbeitet. Später arbeitete ich als Stationsleiter in Nizza und Rom. Erst nach 15 Jahren bei der Swissair wechselte ich ins Kommunikationsfach. Ich bin zwar seit 40 Jahren bei Swissair/Swiss, aber die Vielfalt meiner Funktionen und die verschiedenen Arbeitsorte im In- und Ausland innerhalb des Unternehmens kommen mehreren Stellenwechseln gleich. Darum hatte ich nie das Bedürfnis, die Fluggesellschaft zu verlassen.

Auch nicht nach dem Grounding?

Doch, im Oktober 2001 habe ich stark mit mir gerungen und meine Anstellung in Frage gestellt. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mehr als nur einen Blick nach rechts und links geworfen. Es stand für mich auch die Überlegung im Raum, die Fliegerei als Arbeitsgebiet ganz zu verlassen. Schlussendlich habe ich mich aber -- nicht zuletzt aus familiären Gründen -- für einen Verbleib entschieden.

Wie hat sich Ihre Aufgabe im Verlauf der Jahrzehnte verändert?

Als ich bei der Swissair in der Kommunikation begann, haben wir ausschliesslich Schönwetter-PR betrieben. Wir hatten neue Flugzeuge, eröffneten neue Destinationen. Der Kontakt zu den Medien bestand vor allem darin, dass Journalisten nach Pressereisen fragten, die wir meistens auch ermöglichten. Die Medien stellten nur wenige kritische Fragen. Die Swissair wurde als eine der besten und erfolgreichsten Fluggesellschaften bewundert.

Wann kam der Wechsel vom Liebling der Medien zum Prügelknaben?

Die Stimmung änderte sich grundlegend, als die Swissair 1996 alle Langstreckenflüge ab Genf zurückzog. Dieser Entscheid stiess in der Westschweiz auf grosse Empörung, was ich als zuständiger Chef der Medienstelle in Genf sehr zu spüren bekam. Zudem waren die Zahlen der Airline nicht mehr gleich gut, Restrukturierungen standen im Raum. Nun war ernsthafte Medienarbeit gefordert.

Und dann kam 1998 der Flugzeugabsturz bei Halifax.

Das war eine sehr emotionale Krise. Die ganze Schweiz litt mit uns mit. In dieser Zeit haben wir aber sehr gute Arbeit geleistet.

Beatrice Tschanz wurde durch dieses Ereignis zu einem kleinen Star. Sah man das intern gerne?

Wir haben mit ihr in dieser Krise sehr viel gelernt. Sehr vieles wurde im richtigen Moment richtig gemacht. Nach dem Unfall hatte die Swissair nach wie vor einen sehr guten Ruf. Es ist aber klar, dass man sich in der Kommunikationsabteilung nicht immer einig war, es gab auch kritische Stimmen. Bei der Finanzkrise konnte man dann nicht mehr alles gleich gut selber steuern, es wurde schwieriger. Das war vielleicht auch einer der Gründe, warum Beatrice Tschanz sich 2001 entschied, das Unternehmen zu verlassen.

Wie haben Sie das Grounding erlebt?

Als die finanziellen Probleme begannen, verabschiedete sich praktisch monatlich ein Chef und ein neuer kam, die Strukturen änderten sich ständig. Am Morgen des Groundings vom 2. Oktober 2001, als die ersten Meldungen von beschlagnahmten Flugzeugen eingingen, war uns klar, dass es langsam zu Ende geht und auch wir den blauen Brief erhalten werden – was Ende Oktober dann geschah. Wir mussten etwas kommunizieren, das uns persönlich tangierte. Entsprechend emotional war die ganze Angelegenheit. Als Dienstältester hatte ich so etwas wie "grandfather rights". Man bot mir an, dass ich bis zum Schluss bleiben kann. Dann wurde die Swiss geboren und ich habe weiter gemacht.

Welche Veränderungen auf der Medienseite haben Sie während Ihrer Zeit bei Swissair/Swiss bemerkt?

Früher gab es in jeder Redaktion einen Aviatikspezialisten, der sich mit der Swissair auseinandersetzte. Als die wirtschaftliche Situation bei der Fluggesellschaft schlechter wurde, haben sich vermehrt Wirtschaftsjournalisten mit diesem Thema befasst. So gab es plötzlich zwei Lager in den Redaktionen. Für Berichte über den Flugbetrieb sprachen wir mit den Aviatikern, für solche über den Geschäftsgang mit Wirtschaftsredaktoren. Heute haben wir vor allem mit Wirtschaftsredaktionen oder bei politischen Themen mit Lokaljournalisten zu tun.

Die Medien selber haben sich auch gewandelt. Wie hat sich dies auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Ich stelle fest, dass im Zeitalter der Gratiszeitungen und Lokalradios immer oberflächlicher gearbeitet wird. Ich habe mit Leuten zu tun, die wenig Erfahrung im Luftverkehr mitbringen, nur schnell ein Zitat brauchen. Und die anderen Medien übernehmen dann diese Aussagen, ohne sie nochmals zu hinterfragen.

Geniesst Swiss wieder mehr Vertrauen bei den Journalisten?

Nach dem Grounding war die Einstellung der Medien gegenüber der Swiss sehr kritisch. Gab es etwas Positives zu vermelden, musste man praktisch gleich noch den Beweis mitliefern, dass die Meldung auch tatsächlich stimmt. Heute stehen wir zwar immer noch im Fokus, aber diese ausserordentlich kritische Haltung der Journalisten ist nicht mehr so ausgeprägt. Neu ist dafür, dass sich Kunden bei Reklamationen vermehrt nicht mehr direkt bei uns beschweren, sondern sich an Redaktionen von Konsumentenmedien wenden.

Welche Meldung möchten sie unbedingt noch kommunizieren?

Dass Swiss wieder unter den Top 10 oder gar Top 5 der beliebtesten Arbeitgeber rangiert.

(Interview: Stefan Wyss)


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