09.11.2020

Serie zum Coronavirus

«Die persönlichen Gespräche fehlen mir»

Folge 135: Henrik Kattrup ist Managing Partner bei Kunde & Co in Zürich. In das Mutterhaus nach Kopenhagen kann er momentan nicht reisen.
Serie zum Coronavirus: «Die persönlichen Gespräche fehlen mir»
«Die Digitalisierung der Werbung hat jetzt den Turbo gezündet. Und das wird auch so weitergehen – ich hoffe aber auch, dass Seriosität und Vernunft sich in der Digitalisierung einfinden», sagt Kattrup im Gespräch. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Kattrup, Ihre Agentur Kunde & Co arbeitet sehr eng mit dem Mutterhaus in Kopenhagen zusammen. Dänemark hat als erstes Land die Schweiz auf die Reisewarnliste genommen. Was bedeutet dies für Sie?
Vor Corona reiste ich im Durchschnitt ein- bis zweimal monatlich ins Mutterhaus. Seit März haben wir konsequent auf virtuelle Meetings umgeschaltet und ich war nur ganz wenige Male in Kopenhagen. Jetzt, aufgrund gegenseitiger Quarantänepflicht beider Länder, reise ich gar nicht mehr hin. Wir sind es aufgrund unseres internationalen Set-ups gewohnt, mit virtuellen Tools zu kommunizieren und zu arbeiten. Daher hat die reduzierte Reisetätigkeit bei uns keinerlei Einfluss auf die Projekte. Aber der persönliche Austausch sowie das gelegentliche Mittagessen und Zeit für informelle Gespräche mit den Kollegen fehlen natürlich schon.

Bekommen Sie wegen Corona momentan viele Anrufe und Nachfragen aus Dänemark?
Nein, nicht mehr als sonst.

Wie hat sich die ganze Krise auf Ihre Agentur ausgewirkt?
Nach einigen Stornierungen und Verschiebungen von Aufträgen Mitte März haben wir sehr schnell reagiert und unsere Kostenstruktur gestrafft. Unter anderem haben wir Boni gestrichen sowie die Löhne für die Zeit von April bis Ende Juli um 20 Prozent reduziert. Leider kamen wir, wie auch die meisten unserer Marktbegleiter, nicht umhin, Kündigungen auszusprechen. Glücklicherweise verfügen wir über eine äusserst starke Wir-Kultur, die wir bewusst pflegen, und das konsequent und jahrelang. In dieser Situation sind wir näher zusammengerückt, gaben einen aussergewöhnlichen Effort, halfen einander, wo es nur ging, und standen füreinander ein. In Kombination mit spannenden Projekten von drei Grosskunden führte es dazu, dass wir ab September die Lohnreduktion monatsweise zurückzahlen und wir 2020 sehr solide abschliessen werden. Diese herausfordernde Zeit hat uns zusammengeschweisst und gezeigt, dass wir gestärkt aus der Krise hervortreten können.

Spüren Sie veränderte Kundenbedürfnisse?
Einige Kunden stellen Branding zur Seite und wollen nur noch Lead-Generation, was verständlich ist. Leider fehlt einigen aber der Link zum Vertrieb. Wenn nicht sichergestellt ist, dass die qualifizierten Leads, die wir mit unseren Massnahmen generieren, nachverfolgt werden, dann bringt das natürlich nichts. Darum haben wir vermehrt bei Kunden auch interne Workshops durchgeführt, um Marketing und Vertrieb miteinander zu verzahnen. Und es gibt sie tatsächlich, die Kunden, die antizyklisch in Marketing investieren, um mit uns zusammen Image- und Produktekampagnen ausrollen.

In welche Richtung wird sich die Werbung entwickeln?
Die Digitalisierung der Werbung hat jetzt den Turbo gezündet. Und das wird auch so weitergehen – ich hoffe aber auch, dass Seriosität und Vernunft sich in der Digitalisierung einfinden. Heute wird zu viel Geld verschleudert, nur weil man beweisen kann, dass man so und so viele Klicks generiert hat. Doch was kommt dabei heraus? Hat man deswegen mehr verkauft? Diese KPI-Bolzerei wird sich zugunsten von qualitativ hochwertigen Leads verändern. Dann glaube ich auch, dass nachhaltige, seriöse Werbung wieder in den Fokus rückt. Reine Unterhaltung wird es weiterhin geben, aber viele Unternehmen werden vermehrt darauf schauen, was sie kommunizieren, wie sie es kommunizieren und dass dabei etwas herauskommt – nämlich ein quantifizierbarer Zuwachs an Reputation sowie Umsatz. Die enge Verdrahtung von Marketing und Sales wird künftig viele Unternehmen stark beschäftigen. Nicht zuletzt auch wegen des dramatischen Wegfalls von Kundenbesuchen und Messen, sind viele gezwungen, sich dahingehend anders zu organisieren.

Kunde & Co ist die grösste Agentur Skandinaviens. Wird Corona dort anders wahrgenommen als in der Schweiz?
Ich glaube nicht, dass Corona in beiden Regionen unterschiedlich wahrgenommen wird. In Dänemark wurde jetzt befürchtet, dass sich das Virus auf Zuchtnerze übertragen könnte. Wie die Politiker und Wissenschaftler Corona handhaben, ist bis auf den Alleingang Schwedens sehr ähnlich. Auch der Umgang der Bevölkerung mit den Schutzkonzepten ist vergleichbar. Und die wirtschaftlichen Folgen schlagen im Vergleich mit anderen Ländern noch nicht allzu stark durch. Eine weitere Gemeinsamkeit, die wir erkennen, ist, dass Corona überregional eine Werteverschiebung bei den Kunden antreibt. Nähe, Unmittelbarkeit und Regionalität sind ganz zentral. Weiter fragen Kunden vermehrt Produkte und Dienstleistungen von Unternehmen nach, die für Werte, Sicherheit, Vertrauenswürdigkeit und Verlässlichkeit stehen und Verantwortung fürs Klima übernehmen. Und dafür sind die Kunden auch gewillt, der Krise zum Trotz, mehr zu investieren. Dies gilt sowohl für B2C- als auch für B2B-Märkte. In unserer europaweit angelegten Studie zum Kundenverhalten konnten wir diese Gemeinsamkeit in der Wahrnehmung entsprechend bestätigen.

Wo haben Sie Ihre Ferien verbracht?
Leider nicht wie geplant im Ferienhaus am Strand in Dänemark, aber, ganz im Sinne des genannten Wertewandels in der Region, zu Hause mit meiner Familie. Und wir verbrachten ein paar wunderbare Tage in den Bergen.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Monate?
Die europaweite Solidarität mit dem Pflegepersonal sowie Mitarbeitern an der Kundenfront haben mich sehr beeindruckt. Was mich jedoch bestürzt, ist der Egoismus und die Rücksichtslosigkeit der Mitmenschen untereinander im öffentlichen Raum. Auch die gegenseitige Abschottung der Länder stimmt mich nachdenklich. Der Wertewandel zeigt zudem seine Schattenseiten – viele sind sich selbst am nächsten. Das wohl prägendste Erlebnis war für mich der Lockdown ab Mitte März sowie die sich jetzt abzeichnenden Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Zum Schutz der Bevölkerung und des Gesundheitssystems war das Vorgehen überaus nachvollziehbar, die Folgen jedoch werden uns noch lange beschäftigen.



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com regelmässig eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.



Kommentar wird gesendet...

Kommentare

Kommentarfunktion wurde geschlossen

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Anzeige
Zum Seitenanfang20201202

Die Branchennews täglich erhalten!

Jetzt Newsletter abonnieren.