Kein Jahr ist es her, seit im US-Wahlkampf die ersten Webvideos über Kandidaten aufgetaucht sind. Zumeist wenig schmeichelhafte, denn die Filmschnipsel waren notabene genau mit dieser Absicht ins Netz gestellt worden. Die Gegenkandidaten sollten multimedial desavouiert und in der Öffentlichkeit lächerlich gemacht werden. So fand ein verbaler Ausrutscher des Republikaners George Allen nur Minuten später den Weg ins Netz und trug ihm eine landesweite Empörung ein, die ihm schliesslich gar den Senatsposten und die Präsidentschafts-Kandidatur kostete. Ähnlich wie ihm ging es auch anderen Kandidaten.
Gesitteter geht es in der Schweiz zu. Eine kurze Bestandesaufnahme bei den Parteien zeigt, noch dominieren Amateurfilmchen die Homepages der Politiker, aber die ersten Profiproduktionen sind bereits im Vormarsch. Statt mit provokanten, emotionalen Aussagen versucht man die Wähler jedoch hierzulande lieber mit braver Sachpolitik anzusprechen. Nicht immer erfolgreich. Ein dreiminütiger Videomonolog wie bei den SP-Kandidaten für den Luzerner Grossrat ist anstrengend und dürfte wohl nur echte Politik-Begeisterte zum Ausharren animieren. In einem Medium, das vom Takt des nächsten Mausklicks dominiert wird, sind fünf Sekunden bereits eine lange Zeit.
"Oftmals sind die Werbeclips der Politiker zu lange und zu kompliziert. Es wird generell einfach zuviel geredet. Das passt nicht, denn das Internet ist vor allem ein visuelles Medium", sagt Patrick Kappeler, Geschäftsführer von Imotions film & media gegenüber "persoenlich.com". Seine Agentur gehört schweizweit zu den wenigen, die Web 2.0-Kommunikation in Verbindung mit crossmedialen Werbestrategien anbieten -- und dies auch für Politiker.
Grosser Initialaufwand bei Online-Kampagnen
Kandidaten, die bei ihrer Online-Werbestrategie auf professionelle Unterstützung setzen, müssen erst einmal tief in den Geldbeutel greifen: "Im Vergleich zur klassischen Werbung mit dem Konterfei des Politikers ist der Initialaufwand bei Online-Kampagnen relativ gross", sagt Kappeler. Auch Imagevideos für das Internet müssten professionell produziert und eingebunden werden. Danach aber würden die Kosten rapide sinken.
Ein gerne vergessener Kostenfaktor ist dabei der Umstand, dass es nicht reicht, einen Clip einfach auf ein Portal wie Youtube zu stellen. Man muss auch das Publikum mobilisieren können. "Wichtig ist, eine kritische Masse zu generieren, die dann einen Lawineneffekt auslösen kann", sagt Kappeler. Wie dies funktioniert, verrät er nicht. Eine weitere Hürde für die Politiker: Ab dem 1. April wird der Versand von Spam auch in der Schweiz strafbar. Darunter dürfte dann wohl auch der unerwünschte Versand von Politikerwerbung fallen.
Die meisten Politiker setzen auf klassische Werbemittel
Zu gewinnen gibt es für die Parteien im Web 2.0 allerdings viel: Das Internet kennt keine politische Zensur wie in den klassischen elektronischen Medien und die fortschreitende digitale Konvergenz bindet täglich noch mehr Menschen in das Infotainment-Netzwerk ein. Trotzdem: Für den Wahlkampf im kommenden Herbst setzen die meisten Politiker weiterhin auf die klassischen Werbemittel. "Ich glaube nicht, dass Youtube und ähnliche Portale im Herbst als politische Informationsquelle eine entscheidende Rolle spielen werden", erklärt Andreas Richner von Farner PR auf Anfrage von "persoenlich.com". Immerhin werde aber der eine oder andere Politiker dadurch mediale Aufmerksamkeit erreichen können.
An Bedeutung zugenommen hat laut Richner die Präsentation der Kandidaten im Internet allerdings schon. Gerade Wahlhilfe-Portale wie "Smartvote" werden stärker genutzt, um Informationen über die Kandidaten zu erhalten. "Das Interesse der Politik steigt stark, bewegt sich aber immer noch auf einem vergleichsweise bescheidenen Niveau", betont auch Kappeler. Seine Agentur werde nicht gerade von Anfragen von Politikern überrannt, aber voll seien die Auftragsbücher schon.
Negativpropaganda als Bestandteil
Auf professionelle Web 2.0-Kommunikation setzt beispielsweise die FDP Aargau. "Wir sind der Ansicht, dass Webvideos heute Teil der Gesamtkampagne sein müssen", sagt Wahlkampfleiter und FDP-Grossrat Urs Haeny gegenüber "persoenlich.com". Seine Partei lässt auf den kommenden Wahlherbst hin Youtube-gerechte Imagefilme produzieren, Testimonials sollen auf kurzen Clips Empfehlungen für die Wahlliste abgegeben. Auch Haeny geht nicht davon aus, dass die Multimediawerbung eine "match-entscheidende Rolle spielen wird". Aber: "Von Vorteil ist, dass wir damit eine Wählerschicht ansprechen können, die wir über die klassischen Werbemittel nicht erreichen."
Auch der SVP-Mann Thomas Fuchs hofft, via Internet Neuwähler zu gewinnen. Er hat im Hinblick auf den Wahlherbst Kurzfilmchen nach amerikanischem Vorbild in Auftrag gegeben. Für den Berner, der letzthin medienwirksam eine Klage gegen den Rapper Gimma ankündigte, ist Negativpropaganda im Online-Medium zentraler Bestandteil seiner Strategie. "Ich werde keine Videos zur Selbstbeweihräucherung drehen lassen", sagt Fuchs gegenüber "persoenlich.com".

