Herr Gomez, sie plädieren dafür, dass die verteufelten Manager mit der breiten Öffentlichkeit wieder ins Gespräch kommen sollten. Wie stellen Sie sich das vor?
Man kann in den Medien momentan viele Beiträge lesen, die rein logisch zu erklären versuchen, warum alles zwangläufig so kommen musste. Dies ist für mich der falsche Ansatz. Wir müssen jetzt alle Kräfte darauf fokussieren, gemeinsam wieder aus dem Schlamassel herauszukommen: Taten statt Worte sind gefragt. Der Einzelne ist heute so verunsichert und zornig, dass er sich nicht einfach abspeisen lässt. Wandel findet erst statt, wenn er in den Köpfen der Leute angekommen ist, Sonntagspredigten reichen nicht aus. Die Wirtschaft muss sich wieder darauf besinnen, dass sie im Dienste der Gesellschaft steht. Heute konzentrieren sich viele Unternehmen nur auf sich selber und ihren Gewinn. Man kann auch nicht mit Volldampf Richtung Gewinn fahren und zur Gewissensberuhigung noch schnell 1000 Bäume pflanzen. Vielmehr sollte man die Wertschöpfung des Unternehmens von der Gesellschaft her denken und konzipieren.
Das tönt sehr pastoral
Überhaupt nicht. Bill Gates hat letztes Jahr am WEF ein gutes Beispiel gebracht: Wenn in den USA in Pharma-Unternehmen die besten Forschungskräfte am Werk sind, dann sollten sie natürlich eigene neue Produkte entwickeln, parallel aber auch die Entwicklung beispielsweise eines neuen Malaria-Mittels vorantreiben. Finden sie dabei etwas Neues, bekommen sie bei der amerikanischen Registrierung FDA einen zeitlichen Vorsprung für ihre eigenen Produkte mit entsprechendem Wettbewerbsvorteil. Ein innovatives Beispiel für eine gelungene Staatsintervention. Aber nicht nur die Wirtschaft muss sich ändern. Auch die Gesellschaft muss sich bewusst werden, dass Wirtschaften und Risiko untrennbar zusammengehören. Bis vor Kurzem waren wir eine Spassgesellschaft, die glaubte, fast alles sei gratis und Rezessionen gehörten der Vergangenheit an. Krampfhaft versucht man jetzt, mit billigem Geld und Ankurbelungsprogrammen eine Rezession zu verhindern. Dabei gehört die Rezession ganz einfach zur Wirtschaft, sie hat auch den Vorteil der kreativen Zerstörung.
Was spricht denn dagegen, die drohende Rezession zu bekämpfen?
Es kommt darauf an, wie man das tut. Wenn wir mit billigem Geld die Rezession unterdrücken, haben wir in vier bis fünf Jahren mit Sicherheit eine neue Finanzblase. Jetzt stehen plötzlich Firmen aller Art beim Staat Schlange, um ihre zum Teil ineffizienten Strukturen zu erhalten, und dies mit dem Argument ähnlicher Kettenreaktionen wie bei den Banken. Die Automobilhersteller agieren hier an vorderster Front. Am Ende hat der Staat überall die Finger drin. Das ist eine extrem problematische Entwicklung. Heute redet man von Marktversagen; in zwei, drei Jahren wird man vom Staatsversagen reden. Denn auch der Staat kann nicht Wunder bewirken.
Nehmen wir den Fall UBS. War es richtig, dass der Bundesrat eingegriffen hat?
Ja, aber man muss auch einmal erklären, worum es bei dieser Intervention tatsächlich geht. Wenn man die 68 Milliarden für die UBS mit den AHV-Ausgaben vergleicht, ist dies reine Polemik. Man gibt der UBS nicht einfach 68 Milliarden auf dem Rücken des Steuerzahlers. Man leiht ihr sechs Milliarden, zu einem Zinssatz von 12,5 Prozent. In der Grössenordnung von 68 Milliarden hat man faule Papiere in ein anderes Unternehmen transferiert, damit die UBS nicht mehr infiziert ist. Diese werden später wieder auf den Markt gebracht und erzielen unter Umständen sogar Gewinne. Man hat also der UBS keineswegs 68 Milliarden rübergeschoben auch wenn das von den Medien so kolportiert wird. Es war notwendig einzugreifen, denn die UBS hat für die Schweiz eine ähnliche Funktion wie der Blutkreislauf für den menschlichen Körper. Wenn diese zusammenbricht, sterben wichtige Teile der Wirtschaft ab. Deswegen ist die Intervention definitiv das kleinere Übel. Eine Bank ruht auf drei Säulen: Bonität, Ertragskraft und Liquidität. Bonität und Ertragskraft sind bei der UBS immer noch gut, die Liquidität hingegen ist angeschlagen. Also muss man Liquidität hineinpumpen und das Vertrauen erhöhen, damit das Geld wieder fliessen kann.
Sie bemängeln, dass die Bevölkerung dies nicht versteht. Hat der Bundesrat falsch kommuniziert?
Das Problem ist vielmehr, dass niemand kommuniziert. Alle hocken im Schützengraben: Helm auf und ja nicht den Kopf hinausstrecken! Vor allem die Spitzen der Wirtschaft, aber auch die akademische Welt sind in der öffentlichen Diskussion nicht präsent. Man überlässt das Territorium linksgerichteten Kreisen und Staatsgläubigen, welche jetzt via Medien den richtigen Weg propagieren können. Von den Schweizer Unternehmern hört man momentan gar nichts, auch die Professorenschaft hält sich bedeckt. Die Öffentlichkeit erwartet aber deren Stellungnahmen, sie hätten ein Podium. Aber es will sich niemand exponieren.
Wie wollen Sie dies ändern?
Die Spitzen unserer Wirtschaft sollten einen Verhaltenskodex entwickeln und ihn mit der Öffentlichkeit ohne Vorbehalte diskutieren. Auch eine Art hippokratischer Eid für Manager käme in Frage, Vorbild sind dabei die Ärzte. Auf der anderen Seite muss in der Gesellschaft um Verständnis geworben werden. Das ist der schwierige Teil. Viele Junge der Gamer-Generation neigen dazu, mit Trial and Error möglichst rasch zu Lösungen zu kommen. Genau dies ist in einer so komplexen Situation, wie wir sie heute vorfinden, nicht möglich. Ein Unternehmer kann nicht schnell etwas probieren und bei Nichtfunktionieren notfalls 100 Leute entlassen; er muss die Zusammenhänge vorher genau durchdenken. Wir müssen die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auch auf solche Zusammenhänge lenken. Es muss der Bevölkerung wieder klar werden, dass jegliches Wirtschaften mit Risiko verbunden ist.
Das wissen die Leute -- solange sie gewinnen
Ja eben, das ist das Problem. Die Wirtschaft kann mit offensiver Kommunikation einiges ändern und es gibt diesbezüglich ermutigende Ansätze. Die Hochschule St. Gallen möchte zusammen mit Vertretern der Wirtschaft das Eis brechen. Doch dies ist ein lange dauernder Prozess, bei dem man auch die Jugend mit einbeziehen muss. Alles in allem eine unglaubliche Herausforderung. Denn das Interesse einer breiten Öffentlichkeit ist heute auf alles andere fokussiert als auf Zusammenhänge des Wirtschaftens. Weiter wäre es notwendig, dass auch unsere Politiker endlich verstehen, wie die Wirtschaft wirklich funktioniert. Die wirtschaftliche Kompetenz der Politik ist zu wenig ausgeprägt. Wenn man vernünftige Entscheidungen fällen will, muss man einfach über ein Grundwissen über die Mechanismen der Wirtschaft verfügen. Sehr problematisch finde ich auch, dass wir uns in der Politik intern bekriegen, während wir von aussen angegriffen werden. Ich denke dabei vor allem an die Attacken auf unseren Finanzplatz. Wir würden besser zusammenstehen und uns fragen, wie wir den Standort Schweiz stärken können. In diesem Punkt ist die Politik über die runden Tische hinaus gefordert.
Nochmals zurück zu den Managern. Wird sich diese Berufsgattung in den nächsten Jahren verändern?
Zunächst einmal ist das Bild des Managers in der Öffentlichkeit miserabel. Wenn man die Bevölkerung nach den am meisten respektierten Berufen befragt, kommen die Manager an letzter Stelle; dies im Gegensatz zu den Professoren, welche (ohne grosses Risiko einzugehen) jeweils ganz vorne liegen (lacht). Dabei ist die Frage falsch gestellt: Wenn die Leute an einen Manager denken, denken sie an Topmanager der grossen Firmen, die zum Teil wirklich unglücklich gehandelt haben. Dabei müsste man Mitarbeitende in KMU nach der Leistung ihres eigenen Chefs befragen. Dann würde herauskommen, dass dieser sehr geschätzt wird. Hier müsste man für einen hippokratischen Eid für Manager ansetzen, das gelebte Beispiel vieler KMU-Führungskräfte als Vorbild nehmen. Dies wären die Spielregeln für eine künftige gesunde Wirtschaft.
Ist eine solches Regelwerk nicht eine Illusion?
Ich möchte den guten Willen der Menschen, vom kleinen Angestellten bis zum Topmanager, nicht unterschätzen. Natürlich sind in der Finanzwelt bereits wieder viele Leute unterwegs, die nach den Lücken suchen, um die Krise ausnützen zu können. Es ist auch absolut illusorisch, ein komplexes System mit starren Regeln in den Griff bekommen zu wollen. Denn es wird immer clevere Leute geben, die das System überlisten. Wenn Angela Merkel beim letzten Weltwirtschaftsgipfel meinte, jetzt sei alles reguliert und werde damit wieder gut, dann ist das nur naiv. Je starrer die Regulierungen, umso cleverer sind die Leute beim Umgehen dieser Vorgaben. Die Leute, denen es gelingt, die starren Regulierungen zu überlisten, werden extrem wohlhabend werden.
Wie schätzen Sie denn die Krise ein? Wie lange dauert sie noch?
Das weiss ich genauso wenig wie die meisten anderen. Da sind sogenannte Schmetterlingseffekte am Werk: Wenn in Südamerika ein Schmetterling mit dem Flügel schlägt, gibt es in Japan einen Tornado. Solche Dinge passieren derzeit in den Finanzmärkten. Momentan ist es extrem schwierig abzuschätzen, wie weit diese Effekte schon gediehen sind. Ich würde jedenfalls nicht darauf wetten, dass sich das ganze Auf und Ab in den nächsten Monaten beruhigen wird. Das heisst nicht, dass ich grundsätzlich pessimistisch bin. Ich bin Realist. Solange es aber irgendwo noch faule Papiere im Finanzsystem gibt, wird keine Ruhe eintreten.
(Interview: Matthias Ackeret / Bild: Katrin Walther)
--> Das vollständige Interview ist in der Dezember-Ausgabe von "persönlich blau" zu finden.

