Herr Zeyer, warum haben Sie das Buch "Bank, Banker, Bankrott" geschrieben?
Aus persönlichem Leidensdruck.
Unter was haben Sie denn gelitten?
Ich habe darunter gelitten, dass ich jahrelang Finanzdienstleister und Grossbanken kommunikativ beraten habe. Dabei erlebte ich vor allem im Private Banking ein grosses Ausmass an Unfähigkeit und Unkenntnis. Meine Aufgabe war es dann, Fehlleistungen nach aussen aufzuhübschen.
Haben Sie während ihrer Tätigkeit für die Banken lügen müssen?
Nein, soweit würde ich nicht gehen. Aber ich musste quasi das Sahnehäubchen auf heisse Luft setzen. Grösstenteils zeichnet sich Bankenkommunikation dadurch aus, dass bloss mit Worthülsen um sich geworfen wird. Es wird ein Fachchinesisch verwendet, das ein Normalsterblicher nicht verstehen kann.
Werden falsche Versprechen kommuniziert?
Es handelt sich nicht um Verfälschungen. Aber es wird der Orwellsche "double talk" gepflegt. Ein berühmtes Beispiel ist das sogenannte "negative Wachstum".
Es gibt das Sprichwort "Die Hand, die einen füttert, beisst man nicht". Haben Sie jetzt noch Kunden aus der Bankbranche?
Nein, definitiv nicht. Mir wurde sogar zugetragen, dass ich in der Finanzwelt auf diversen schwarzen Listen figuriere. Es war mir aber auch klar, dass ich mir mit dem Buch keine neuen Freunde im Bankensektor schaffen werde. Mein Bekanntenkreis im Finanzbereich ist deutlich kleiner geworden.
Wann wurden Sie vom Saulus zum Paulus? Gab es ein entscheidendes Erlebnis?
Ich bin noch der gleiche Saulus und Paulus, der ich vorher war. Wenn man von einem Schlüsselerlebnis sprechen will, dann waren es die Erfahrungen, die ich als Sprecher der Lehman-Anlageopfer gemacht habe. Die Geschichten, die ich von den Kleinanlegern gehört habe, drehen auch dem abgebrühtesten Kommunikationsprofi den Magen um. Da wurden finanztechnische Laien durch die Berater der angeblich seriösen Schweizer Banken in Millionenverluste hinein getrieben.
Tragen denn auch die Kommunikationsberater eine Schuld an der Finanzkrise?
Berater auf kommunikativem Gebiet sind Verpackungskünstler. Sie aber für den Inhalt, den sie verpackt haben, verantwortlich zu machen, wäre unfair.
Aktuell wird die Kommunikation der UBS von höchster Stelle -- u.a. von Bundesrätin Doris Leuthard -- kritisiert. Warum hat die Bank die Boni-Zahlungen nicht von sich aus kommuniziert, sondern gewartet, bis das eine Sonntagszeitung aufdeckt?
Es gibt drei Faktoren, die hier eine Rolle spielen. Ein Problem ist die "Verjuristisierung" des Bankwesens. Das heisst ohne den Segen der juristischen Abteilung sagt sowieso keine Bank etwas. Der zweite Faktor ist die "Amerikanisierung" des Bankengeschäftes in der Schweiz, was auch bei der Kommunikation zu härteren Bandagen führt. Und der dritte und wichtigste Grund ist der anhaltende und erschreckende Realitätsverlust der Banken.
Was meinen Sie mit dem Realitätsverlust konkret?
Ich bin überzeugt, dass die Führungsspitze der UBS für ihre neue "Bescheidenheit" Applaus erwartet hat. Die Bank will für 2008 schliesslich nur noch 2 Milliarden auszahlen und nicht mehr 12 Milliarden wie 2007.
Warum hat dann die Kommunikationsabteilung der UBS ihre Chefs nicht vor dieser Fehleinschätzung bewahrt?
Im internen Nahkampf zwischen Juristen und der Kommunikationsabteilung haben wohl die ersteren gewonnen. Denn die Mitarbeiter der UBS-Kommunikation sind sicher nicht unfähig, sondern haben höchstwahrscheinlich einen Maulkorb erhalten.
Wie beurteilen Sie die UBS-Kampagne mit den Kunden als Testimonials? Kann man so das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen?
Da muss ich mir jetzt selber ein wenig widersprechen, wenn ich vorher der UBS-Kommunikation Kompetenz bescheinigt habe. Diese Kampagnen-Idee ist nun wirklich die schlechteste, die einem überhaupt einfallen konnte. Wenn eine Bank mit Dienstleistungen werben muss, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, muss man sich um dieses Unternehmen wirklich Sorgen machen. Vergleichbar unsinnig wäre etwa, wenn Coop oder Migros ihren Kunden mit einer Plakatserie versprechen würden, keine verdorbenen Wahren zu verkaufen.
Sie haben vorher gesagt, Sie seien nach wie vor Saulus und Paulus. Hat der Saulus in Ihnen gesagt, wenn ich zum aktuellen Zeitpunkt über die Banken herziehe und das noch in ein Buch verpacke, lässt sich einfach Geld verdienen?
Wenn es mir ums Geld ginge, wäre ich Kommunikationsberater von Grossbanken geblieben.
(Interview: Stefan Wyss)
Zu Autor und Buch
Klappentext: "René Zeyer entlarvt mit viel Witz und literarischem Können Eitelkeiten, Intrigen, Ängste, Karrieresucht und Geltungsbedürfnis von Bankern. Und das Verrückteste: Nichts ist erfunden ein Insiderbericht aus der bislang sorgfältig abgeschirmten Finanzwelt."

Klappentext: "René Zeyer entlarvt mit viel Witz und literarischem Können Eitelkeiten, Intrigen, Ängste, Karrieresucht und Geltungsbedürfnis von Bankern. Und das Verrückteste: Nichts ist erfunden ein Insiderbericht aus der bislang sorgfältig abgeschirmten Finanzwelt."
René Zeyer begann seine berufliche Laufbahn als Reporter und Redaktor bei "TransAtlantik", "Wiener" und der "Männer Vogue". Anschliessend war er Text- und Produktionschef bei der "Schweizer Illustrierten", bevor er als Ausland-Korrespondent für die NZZ seinen Wohnsitz nach Havanna verlegte. Anfang 2000 kehrte er in die Schweiz zurück, zunächst als Korrespondent für den "stern", dann als Autor und Produzent der "SonntagsZeitung" und als Senior Consultant und Vize-CEO bei einer Kommunikationsagentur. Anschliessend arbeitete er als freier Journalist und Kommunikationsberater. René Zeyer ist Inhaber seiner Agentur Zeyer-Kommunikation.

