Frau Atzli, was steht zuoberst auf Ihrer Pendenzenliste?
Derzeit hat der Geschäftsbericht oberste Priorität. Das Grobkonzept ist verabschiedet, nun sind wir bereits dabei, erste Texte zu verfassen und Gestaltungsvorschläge zu detaillieren.
Sie sind Kommunikationschefin eines Technologiekonzerns. Wie stark interessiert Sie Technik überhaupt?
Technik hat mich schon immer interessiert. Ich schraube zum Beispiel in meiner Freizeit auch sehr gerne mal an alten Autos herum (lacht).
Ist dies eine Voraussetzung für Ihren Job?
Eine gewisse Affinität zur Unternehmenstätigkeit ist eine wichtige Voraussetzung für meine Arbeit. Ich spreche ja viel mit Ingenieuren. Wenn sie jeweils voller Stolz von einer neuen Maschine erzählen, sollte man verstehen, was die technischen Besonderheiten sind. Natürlich muss man nicht im Detail wissen, worum es geht, aber zumindest so viel, um ihre Faszination zu verstehen und dies in die Kommunikation einfliessen zu lassen.
Als Kommunikationschefin waren Sie schon in Unternehmen aus den verschiedensten Branchen tätig. Wie erwerben Sie sich jeweils das nötige Fachwissen?
Ich war überwiegend für Unternehmen in der Industrie tätig. Aber klar, in jedem Unternehmen gibt es wieder viel Neues zu verstehen. Es braucht dazu eine professionelle Neugier. Zudem ist es wichtig, möglichst eng mit den Mitarbeitern zusammenzuarbeiten. Es passiert aber auch nach einigen Jahren in einer Firma noch, dass ich eine Information nicht ganz richtig verstehe. Ich lerne stets noch dazu.
Sie haben auch schon auf Beratungsseite, bei Burson Marsteller, gearbeitet. Was ist sinnvoller: Die Kommunikation extern vergeben oder möglichst viel intern selber zu machen?
Es gibt verschiedene Gründe, die dafür sprechen, mit einer Agentur zusammenzuarbeiten. Einer ist die "verlängerte Werkbank, wenn man aus Zeitgründen nicht alles selbst machen kann. Weiter ist es auch ab und zu sinnvoll, sich eine Aussensicht oder Erfahrung in einem Spezialgebiet zu Nutze zu machen. Als Kommunikationschefs sind wir in den Unternehmen vor allem "Kommunikationsmanager" die Zeit, um Grossprojekte alleine auszuarbeiten, haben wir oft gar nicht. So schätze ich beispielsweise bei der Entwicklung der Kommunikationsstrategie die Zusammenarbeit mit einem Sparring-Partner oder einer spezialisierte Agentur.
Sie führen ein Team von 6 Leuten. Nach welchem Prinzip?
Es ist mir wichtig, Leute im Team zu haben, die selbständig arbeiten können. Ich stehe jedoch immer hinten dran, wenn Sie mal etwas wagen und weiter gehen als sie müssten. Wenn Sie anstehen, versuche ich ihnen Antworten zu geben, damit sie möglichst rasch wieder selbständig weiterarbeiten können. Es ist auch eine Frage der Zeit: Wenn jemand neu bei uns einsteigt, schaue ich noch etwas genauer über die Schulter. Es braucht eine gewisse Zeit, bis man weiss, wie ein Betrieb funktioniert - da ist man auf mehr Unterstützung angewiesen.
Sie haben in Harvard einen Executive MBA absolviert. Wie amerikanisiert ist Ihre Arbeitsweise?
Amerikanisiert ist das falsche Wort. In unserer Klasse waren nur etwa 30 Prozent Amerikaner. Ich glaube nicht, dass mein Aufenthalt in den USA meine Arbeit in dieser Hinsicht verändert hat. Ich war schon immer ein Mensch, der sich für verschiedene Welten und Ansichten interessierte. So bin ich beispielsweise mit 20 Jahren nach Neuseeland ausgewandert. Ich bin aber dank Harvard eine bessere Gesprächspartnerin für das Management eines Unternehmens geworden, da ich mein Verständnis für betriebswirtschaftlichen Hintergründe vertiefen konnte.
Wie wichtig ist es, dass die Kommunikationsleitung in der Geschäftsleitung vertreten ist?
Ich erachte dies als eine Möglichkeit, um die Kommunikation besser auf die Strategie auszurichten. Aus diesem Gesichtspunkt betrachtet, ist es sicher eine gute Lösung. Ich war zum Beispiel bei Oettinger-Davidoff Mitglied der Konzernleitung. Bei Bühler hingegen nicht. Ich habe aber auch hier einen sehr engen Kontakt zum CEO und zur Konzernleitung. Ich denke letztlich ist die tatsächliche Nähe zur Geschäftsleitung ausschlaggebend.
Seit gut zwei Jahren sind Sie Präsidentin des Harbour Clubs. Bei Ihrem Amtsantritt nannten Sie unter anderem die Professionalisierung und Profilierung des Berufs "CCO" als Ziele, die Sie als Präsidentin erreichen wollen. Was meinten Sie damit genau?
Nur schon die Bezeichnung "Kommunikation" wird nicht einheitlich verstanden. Wenn wir die Rolle als CCO gut wahrnehmen, tragen wir auch als Botschafter in eigener Sache zu einem klaren Berufsbild bei. Das Netzwerk im HarbourClub gibt uns die Möglichkeit, Erfahrungen und Knowhow auszutauschen, was letztlich auch wieder den Unternehmen zugute kommt. Zudem leisten wir mit Veranstaltungen wie dem HarbourClub Symposium jedes Jahr einen wertvollen Beitrag zur Profilierung der Kommunikationsbranche.
CCOs kommunizieren beruflich sehr viel. Wie muss man sich ein Treffen des Harbour Clubs vorstellen? Hört auch einmal jemand zu?
(Lacht) Ja, klar. Es sprechen ja nie alle 70 Mitglieder gleichzeitig. An einem Lunch nehmen jeweils rund 30 Personen teil, das gibt genügend Gelegenheit für sehr gute Gespräche. Ich denke, es gibt wie in der gesamten Bevölkerung auch unter den Kommunikationsspezialisten eine Durchmischung von Charakteren solche, die lieber reden und andere, die lieber zuhören. Und Zuhören können ist eine wesentliche Voraussetzung in unserem Beruf.
Kommunizieren Sie beruflich gleich viel wie privat?
Von meinem Naturell her glaube ich grundsätzlich schon. Im privaten Bereich kann ich entscheiden, ob ich zu einem Thema Stellung nehmen will oder nicht. Im Beruf ist es meine Aufgabe, das Unternehmen nach innen und aussen zu vertreten. Dort ist meine Meinung gefragt.
Waren Sie auch schon als Kind kommunikativ?
Ich hatte im Zeugnis einmal "schwatzhaft (lacht).
Wie sind Sie aufgewachsen?
Wie man halt in einem Dorf im "Züribiet aufwächst. Ich besuchte die Primarschule, danach die Sekundarschule. Mit 17 wollte ich nach Neuseeland auswandern. Bevor ich meinen Traum in Tat umsetzte und verreiste, machte ich noch meine Matur.
Und warum sind Sie wieder zurückgekehrt aus Neuseeland?
Ganz einfach, mein Arbeitsvisum war abgelaufen. Nach meiner Rückkehr blieb ich in der Schweiz hängen. Ich war seither schon viele Male wieder in Neuseeland und pflege einen engen Kontakt mit meinen Freunden dort.
Es scheint nicht, dass Sie Ihre Karriere genau geplant haben. Es bringt also vermutlich auch wenig, wenn ich nun fragen würde, wo wir Sie als nächstes antreffen?
Nein. Ich war nie ein Mensch, der weit voraus plante. Ich machte immer das, was mir im Moment richtig erschien. Ich studierte zum Beispiel Anglistik, weil mich dieses Fach nach meinem Neuseelandaufenthalt faszinierte. Ich bildete mich jeweils weiter, wenn mich ein Thema interessierte oder es von zentraler Bedeutung für meinen Beruf oder für mich persönlich war. Im Berufsleben muss man stets offen sein für Neues und ab und zu auch eine Standortbestimmung für sich selbst vornehmen.
Interview: Corinne Bauer

