06.09.2018

Journalismus vs. PR

«Es gab schon immer bessere und schlechtere Journalisten»

Vor laufender SRF-Kamera greift ein Berater in ein Interview ein. Die Szene wird öffentlich. Ist diese Transparenz richtig? Und dürfen Journalisten so eingeschränkt werden? Edi Estermann, Vorstandsmitglied beim Harbour Club, über die Dos and Don'ts der Medienarbeit.
Journalismus vs. PR: «Es gab schon immer bessere und schlechtere Journalisten»
Edi Estermann ist seit diesem Sommer im Vorstand des Harbour Clubs. Dieser vereinigt rund 100 Kommunikationschefs aus der ganzen Schweiz. (Bild: SRG)
von Christian Beck

Herr Estermann*, letzte Woche brach ein Berater eine Frage ab, als «10vor10» ein Interview mit Bundesrat Cassis führte: «I ha gseit, das isch kes Thema» (persoenlich.com berichtete). Darf er das?
Ohne die näheren Umstände dieses Interviews zu kennen: Eine sehr schlechte Idee, direkt so ins Gespräch einzugreifen. Das ist dem Verantwortlichen im Nachhinein vermutlich auch klar geworden. Ich denke, Bundesrat Ignazio Cassis wäre Manns genug gewesen, dem Journalisten selber zu sagen, dass er diese Frage nicht beantworten kann oder momentan nichts dazu sagen möchte.

«Die Spielregeln müssen allen Beteiligten klar sein»

Wann und wie sollten Kommunikations-Verantwortliche eingreifen – wenn überhaupt?
Die Arbeit von Kommunikationsprofis sollte primär vor einem Interview stattfinden. Die Spielregeln müssen allen Beteiligten klar sein. Und die Abgrenzung der Themenbereiche dient auch der Vorbereitung des Interviewten. Während eines laufenden Interviews für den Print kann man Präzisierungen einbringen oder mit Fakten aushelfen, mehr nicht. Funktioniert das gut, dann gibt es beim Gegenlesen eines Interviews meist auch nur noch Präzisierungen anzubringen oder die Fakten zu checken.

Und bei einem Fernseh- oder Radiointerview?
Da greift man nur im Notfall ein.

Gibt es offizielle Empfehlungen?
Letzten Endes ist es immer eine Entscheidung von CEO und CCO (Chief Communications Officer), welche Art Kommunikation und welchen Umgang man mit Journalisten pflegen möchte.

«10vor10» hat die eingangs erwähnte Szene öffentlich gemacht. Finden Sie das richtig?
Ja, ich kann nachvollziehen, dass die Redaktion entschieden hat, dies transparent zu machen.

Sollte häufiger transparent gemacht werden, wenn Antworten verweigert oder nachträglich stark abgeändert werden?
Wenn alle Beteiligten ihre jeweilige Rolle professionell ausüben, dann sollte dies gar nicht erst notwendig werden. Natürlich führt es nicht unbedingt zu einem entspannten Verhältnis, wenn dies eine Redaktion tut.

Simon Widmer schrieb in der «SonntagsZeitung»: «Es scheint, dass viele Journalisten den Kampf gegen die Kommunikationsstellen aufgegeben haben.»
Das empfinde ich nicht so. Wenn man korrekt und fair miteinander umgeht, dann ist das Ganze eben kein Gegeneinander und auch kein Kampf, sondern ein funktionierendes Miteinander. Es ist doch auch im Interesse der Redaktion, wenn Aussagen und Fakten korrekt sind.

«Man spürt den Druck, den Journalisten heute haben»

Sind Journalisten heute unprofessioneller oder unerfahrener als noch vor einigen Jahren?
Nein, es gab schon immer bessere und schlechtere Journalisten. Aber man spürt den Druck, den Journalisten heute haben. Zeitlich und auch themenspezifisch. Antworten müssen umgehend geliefert werden – und man lässt eine Geschichte nicht gerne los, weil die These soeben durch ein starkes Gegenargument gestorben ist. Und wegen weniger Personal auf den Redaktionen kommen immer öfters Fragen, die man mit einer einfachen Recherche auf der Webseite auch selber beantworten könnte.

Ronnie Grob forderte in der «NZZ am Sonntag», dass Journalisten unabhängiger von Medienstellen recherchieren sollten. In der Regel passiere nichts, wenn man die Medienstelle ignoriere. Ein guter Plan?
Definitiv ein schlechter Plan. Damit ist ein Konflikt doch bereits vorprogrammiert. Und in einem gut organisierten Unternehmen werden Journalisten-Fragen ohnehin an die Medienstelle weitergereicht.

Allfällige Boykotte oder Nachteile für den Journalisten, die durch dieses Vorgehen entstehen könnten, sollten – so Grob – konsequent öffentlich gemacht werden. Wo würde das hinführen?
So weit sollte es einfach gar nicht erst kommen.



* Edi Estermann ist Leiter der SRG-Medienstelle und Sprecher des Generaldirektors. Zuvor war er Kommunikationschef bei Ringier. Vor dem Wechsel in die Unternehmenskommunikation war der heute 53-Jährige bei verschiedenen Medien journalistisch tätig.

 



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Kommentare

  • Ingrid Notter, 14.09.2018 14:31 Uhr
    Was ich in der ganzen Geschichte mit oder gegen PR Leute/Journis interessant finde, wäre endlich mal eine Liste mit all den Journalistinnen und Journalisten die NUN PR machen. Passiert ja fast nur in diese Richtung, denn uns PR Leuten gibt werden wohl eher keine Journalisten - da wir ja nicht schreiben können und eher nur manipulieren?! Also weiter mit solchen Titeln: «Kein Kampf, sondern ein Miteinander»

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