Frau Tschanz, Sie haben in der "gefühlsarmen Managerwelt über die Jahre beispiellose Männerentwicklungsarbeit geleistet", schrieb die Bilanz. Sind Sie tatsächlich eine Entwicklungshelferin?
(Lacht). Ich habe mich zwar noch nie als Entwicklungshelferin gesehen, aber ich denke schon, dass ich in der Managerwelt etwas bewegt habe. Wir Schweizer sind ja von der Genetik her schon eher verschlossen. In der Managerwelt dominierte das "No Comment", sprich die Läden runterlassen und ja nicht offensiv sprechen. Diesem Prinzip stellte ich mich entgegen. Mir war es wichtig, offen und ehrlich zu kommunizieren, auch etwas zu sagen, wenn Schwierigkeiten bestehen. Hier liegt häufig das Problem. Die Leute wollen nicht sagen, wenn es Schwierigkeiten gibt. Ich spreche gar nicht von Krisen und Katastrophen. Nur schon bei schlechten News haben Manager die Tendenz, dicht zu machen. Doch genau dann kommt es doch darauf an, ruhig, klar und offen zu kommunizieren! In diesem Bereich konnte ich etwas anstossen, das heute noch nachwirkt. Es ist einfach so: Unter den Tisch wischen bringt nichts, denn erstens kommt immer alles aus. Und zweitens leidet die Glaubwürdigkeit, wenn man bremst, abblockt oder Slalom fährt.
Transparente Kommunikation, das tönt sehr einleuchtend. Warum ist dies dann aber praktisch so schwierig umzusetzen?
Das ist eben nicht so einfach. Wenn man als Kommunikationsleiterin Transparenz einfordert, stimmen alle - meist sind es hohe Herren - zu und sagen: "Klar, das leuchtet ein". Sobald sie aber in eine unangenehme Situation kommen, fallen sie wieder ins alte Muster zurück.
Was haben Sie dann anders gemacht als Kommunikationschefin bei Ringier, der Swissair und Centerpulse?
Ich sagte jeweils einfach: "So machen wirs." Ich hatte wahrscheinlich einen guten Draht, überfuhr oder überforderte niemanden. Ich gab den Männern jeweils das Gefühl, die Strategie sei auf ihrem Mist gewachsen. Befehlen geht nicht, man muss die Menschen abholen. Dazu muss man halt manchmal etwas Kreide fressen oder schauen, dass die Männer genug Honig auf der Brust haben.
Solche Situationen lagen Ihnen.
Ja, ich behaupte: Dieses Fingerspitzengefühl haben Frauen eher als Männer.
Wo waren Sie sonst noch im Vorteil?
Männer fürchten Emotionen. Sobald etwas emotional wird, sind sie hilflos. Egal ob Bankenkrise, im Bundesrat wenn es um die Südanflüge geht oder beim Absturz der Swissair-Maschine in Halifax. Es gibt nur eines: Man muss sich diesen Situationen stellen.
Wie männlich muss man als Verwaltungsrätin oder Kaderfrau sein?
Man muss Frau sein! Ich habe auch kein Problem damit, einer Männerrunde einmal den Kaffee zu servieren. Noch wichtiger aber ist es, seine Sicht der Dinge klar und sachlich einzubringen. Wir müssen noch viel selbstverständlicher mit dem Thema umgehen. Ihre Generation tut dies viel besser als wir.
Stichwort männlich dominierte Strukturen und Netzwerke. Darum sind wohl nicht mehr Frauen in Top-Positionen.
Gottseidank gibt es immer mehr Frauen in Führungspositionen! Ich bin für eine gute Durchmischung, denn es braucht beide Elemente. Das sehe ich jetzt auch in meinen Verwaltungsratsmandaten. Frauen haben eine andere Sicht der Dinge. Oft kommt es vor, dass Männer sagen: "So habe ich jetzt das noch nie angeschaut." Und es geht auch darum, den Frauen den Rücken zu stärken, denn Frauen trauen sich noch immer weniger zu, als die Männer.
Eine Quotenregelung könnte den Gegentrend einleiten. Was halten Sie vom Norwegischen Modell: 40 Prozent Frauen in Verwaltungsräten?
Ich bin dagegen. Ich selber würde auch nie eine Quotenfrau sein wollen. Doch gut ist, dass diese Quotendiskussion die Öffentlichkeit sensibilisiert und man darüber nachdenkt, mehr Frauen in Führungspositionen zu bekommen und generell Frauen mehr einzubeziehen.
Was sagen Sie zur These der deutschen Journalistin Mika Bascha, wonach "heutige Frauen feig sind"?
"Feig" ist das falsche Wort. Frauen haben einfach mehr Respekt, denn jemand muss ja den Haushalt machen, einkaufen und organisieren, wo die Kinder hingehen sollen. Vielfach übernehmen dies die Frauen. Sie nehmen ihre Verantwortung ernster.

Beatrice Tschanz hält die Eröffnungsansprache an der World Press Photo 2011 Ausstellung in Zürich
Reden wir nochmals über die Gründe für den niedrigen Frauenanteil in Führungspositionen. Männlich dominierte Strukturen und falsches Netzwerken.
Ja, wir Frauen haben es nicht gelernt uns richtig zu vernetzen.
Wie sollen denn Frauen richtig Networken?
Ich bin keine glühende Anhängerin all dieser Businessklubs. Aber man sollte sich dort engagieren, wenn auch nur im Kleinen. Frauen sollten sich regelmässig mit Gleichgesinnten treffen. Dafür müssen sie keine Klubfahne auf den Tisch stellen.
Haben Sie dies getan, als Sie noch Journalistin waren oder Chefredaktorin bei "Femina"? Auch später Kommunikationsverantwortliche: Trafen Sie sich regelmässig mit Journalisten oder PR-Kollegen?
Ja klar. Ich war im Presseverein oder im Stamm der Wirtschaftsjournalisten. Ausserdem kannte ich die Branche und traf mich - zwar nicht institutionalisiert, aber regelmässig - zum Mittagessen oder Feierabendbier, um mich mit Kollegen auszutauschen.
Sie arbeiteten 15 Jahre im Journalismus, ab 1987 in der Unternehmenskommunikation. Inwiefern war dieser Seitenwechsel problematisch?
Anfangs hatte ich grosse Mühe, denn ich gab Unabhängigkeit und Freiheit auf, musste plötzlich loyal für ein Unternehmen da sein. "Ich finde", konnte ich nicht mehr sagen. Das war nicht einfach, nach der langen Zeit in den Medien.
Sie wurden dann nach vier Jahren in der PR-Abteilung bei Ringier entlassen. Was genau ist vorgefallen?
Da war ich selber Schuld.
Woran?
Diesen Vorfall habe ich nie erzählt, er ist nun auch schon lange her. Es war ein grober Fehler und verständlich, dass ich gehen musste. Das war mir aber eine Lehre.
Zurück zu Ihrem Seitenwechsel. Die Schreibtischseite zu wechseln ist heute selbstverständlicher, denn je. Wird nicht nur aus finanziellen Gründen gewechselt, sondern auch, weil PR zunehmend Agenda Setting macht, Themen dominiert und man dort somit mehr Einfluss hat?
Nein, Journalisten bestimmen immer noch selber, was zu schreiben ist.
Tatsächlich?
Ja, umgekehrt wäre es ja schrecklich! Wir können froh sein, dass wir eine freie Presse haben, freie Meinungsäusserung. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, wenn man die Welt anschaut. Zur freien Presse müssen wir Sorge tragen.
Doch die Ressourcen sind knapp, sodass Redaktionen oft froh sind, wenn Sie PR-Texte oder wenigstens deren Themen übernehmen können (Anm.d.R. vgl. Fall "SI".
Es nervt mich, wenn junge Journalisten am Anschlag laufen, weil sie drei Geschichten pro Woche hinfegen müssen. Dieser Zeitdruck geht sicher auf Kosten der Sorgfalt. Doch ich jammere nicht. Wir haben eine gute, sogar eine sehr hochstehende Presse in der Schweiz.
Gibt es einen Kommunikationsjob, den Sie aus ethischen Gründen abgelehnt haben oder hätten?
Nein, denn ich bin ein apolitischer Mensch und die Kommunikationsaufgaben, die PR-Handgeschicke, sind ja bei allen Unternehmen dieselben. Mir kommt kein Beispielunternehmen in den Sinn, bei dem ich ablehnen würde.
Eine Kommunikationschefin muss also nicht zwingend mit der Geschäftspraxis des Unternehmens einverstanden sein.
Natürlich, kann man den Job nicht so gut machen, wenn man jeden Tag sagen muss: "Das finde ich jetzt nicht so gut."
Sie haben jedoch bei Novartis abgelehnt.
Ja, bei Daniel Vasella habe ich zuerst zugesagt, dann kurzfristig jedoch wieder abgesagt und bin - wohl aus falscher Loyalität - bei der Swissair geblieben. Eigentlich wäre ich damals sehr gerne zu Novartis gegangen, denn Pharma interessierte mich immer schon. Doch bei der Swissair hielt man mich zurück und sagte: "Geh nicht, du kannst uns nicht im Stich lassen". Doch wie gesagt, ich war eigentlich Feuer und Flamme für den Novartis-Job.
Sie haben eine eigene Kommunikationsagentur. Was tun Sie momentan sonst noch?
Die Bezeichnung "Agentur" ist etwas hochgegriffen. Ich bin ein simples Ein-Frau-Unternehmen. Ich berate Firmen und Einzelpersonen aus der Wirtschaft. Da kann ich meinen Erfahrungsschatz einbringen, das mache ich sehr gerne. Dann engagiere ich mich für die Wunderlampe, bei der Krebsliga und bei der "Herberge zum kleinen Glück". Ich betätige mich schon lange zu einem gewissen Teil ehrenamtlich. Zusammen mit den VR- und Beratermandaten und den Auftritten an Anlässen bin ich sehr gut ausgelastet. Dann bin ich heute gerne Hausfrau, koche mit grosser Freude. Egal wie spät es an einem Donnerstagabend wird, am anderen Morgen früh bin ich auf dem Zürcher Bürklimarkt. Da muss man früh gehen.
Warum? Sind sonst die frischesten Gemüse weg?
Nein, sonst finde ich keinen Parkplatz. (lacht).
Interview: Edith Hollenstein

