23.10.2005

Marcus Knill

Krisenkommunikation und Vogelgrippe

Informationspolitik des Bundes unter der Lupe.

Nachdem die Diskussion in der Politsendung "Arena" vom 14. Oktober gezeigt hatte, dass bei der Thematik "Vogelgrippe" hinsichtlich Kommunikation und Informationen Widersprüche bestanden, beleuchtete die "Arena" vom 21.10. noch einmal das analoge Thema. Diesmal mit dem Untertitel: "Von Ängsten und Fakten". Kommunikationsberater Marcus Knill hat für "persoenlich.com" die Aussagen der Behördenvertreter unter die Lupe genommen:

Tatsächlich: Die Bevölkerung ängstigt sich. Die Behörden erkannten, dass breite Kreise verunsichert waren. Sie versuchten nun mit einer geballten Informationsoffensive das schwindende Vertrauen zurückzugewinnen. Der Bundesrat beschloss, ab sofort regelmässig zu informieren. Es wurde ab nächsten Dienstag eine befristete Stallpflicht für Geflügel angeordnet. Wir wollten wissen, ob nun die neue hochkarätige Expertenrunde nach einer Woche konkretere Aussagen machen konnte. Die wichtigsten Chefs der betroffenen Bundesämter waren bei der zweiten "Arena" über die Vogelgrippe alle an Deck.

Herr Zeltner (Direktor Bundesamt für Gesundheit) wurde von Urs Leuthard auf die Lücken im Krisenmanagement (Strategische Führungsübung im Januar 05: "Schweinegrippe-Pandemie") angesprochen. Zeltner musste eingestehen, dass es sich damals gezeigt habe, dass die längerfristige Zusammenarbeit zwischen Bundesämtern und Departementen schwierig und die Kommunikation mit Kantonen und Nachbarländern verbesserungswürdig sei.

Beat Glogger, Wissenschaftsjournalist, wies einmal mehr auf das Kommunikationsdilemma hin, auf das bereits in der letzten Sendung hingewiesen worden war. Wer informiert, muss stets bedenken: Entscheidend ist nicht das, was der Sender verbreitet, sondern das, was beim Empfänger ankommt! Glogger fiel auf: In der ersten Arena über das Thema Vogelgrippe hat der Direktor des Bundesamtes für Gesundheit gefehlt.

Die Bevölkerung fragte sich gewiss: Weshalb fehlte der Chef? Nimmt er die Bevölkerung nicht ernst? (Die Stellvertreterin kam nachträglich in den Medien sehr schlecht weg)

Zeltner sah ein, dass sein Fernbleiben bei einer Kommunikationskrise falsch war. Immerhin vermochte er in der Arena einige Unklarheiten beseitigen. Vor allem verstand es Robert Steffen, Professor für Epidemiologie, die Bevölkerung mit Zahlen und Fakten wesentlich zu beruhigen. Nachdem Hans Wyss erklärte: "Bei Wildvögeln gibt es ein Problem, das wir nicht im Griff haben. Das wäre ein schwieriges Kapitel ", wollte der Moderator von ihm wissen, was denn das Bundesamt für Veterenärwesen vorgesehen habe, wenn künftig in der Schweiz ein Problem mit Zugvögeln auftrete.

Wyss wich bei dieser Frage aus und versuchte zu differenzieren. Es komme darauf an, ob es Einzelvögel seien oder eine grosse Anzahl von Tieren betroffen wäre. Die Antwort des Chefs des Veterenärwesens war unbefriedigend: "Wir werden uns mit dem Problem beschäftigen". Diese Antwort genügt nicht. Wir fragen uns: Wurde dieses heikle Problem nicht antizipiert? Bei der Vogelgrippethematik wurde deutlich, dass sich eine Schere geöffnet hat zwischen den Experten einerseits, welche heute keine akute Gefahr sehen und sich bemühen, die Bevölkerung mit Fakten zu beruhigen und einer Bevölkerung anderseits, die Angst hat und Medikamente hamstert. Glocker sah die Verwirrung darin, dass der Begriff "Grippe" in Diskussionen und Beiträgen ständig vermischt wird. Die unterschiedlichen Ebenen: Grippe, Vogelgrippe, Pandemie müssten viel klarer getrennt werden.

In der jüngsten Arena kreiste die Diskussion erneut um das Thema Medien. Die Thematik "Vogelgrippe" sei für alle Medien dramatisch und spannend. "Vögel fliegen wie B 52 Bomber über Europa und entledigen sich der krankmachenden Last". Emotionen dominieren. Aengste werden wach. Publizistikwissenschaftler Heinz Bonfadelli unterstrich ebenfalls die Erkenntnis, dass gewisse Themen im Volk anders ankommen, als es die Behörden beabsichtigen. Medien sind heute nicht mehr das Sprachrohr von Bundesämtern. Medien haben eine Informations - und Wächterfunktion. Sie inszenieren und emotionalisieren.

Die Bevölkerung besteht jedoch nicht nur aus Experten. Sie orientiert sich an Bildern und diese können bekanntlich viel mehr Aengste wecken als Worte. Die Öffentlichkeit müsse verständlicherweise aufschrecken, wenn die Medien das Thema Vogelgrippe tagelang auf den Frontseiten abhandeln. Für Otto Normalverbraucher sei damit die Situation zwangsläufig dramatisch.

Die "Arena"-Sendung vom vergangenen Freitag machte bewusst: Die Wahrnehmung der Bevölkerung bei der Bewertung eines schleichenden Risikos entspricht nicht der Sicht von Experten! Die Behörden und Experten müssen vermehrt auf die Sprach- und Gefühlsebene der Bevölkerung eingehen und vielleicht auch Massnahmen ergreifen, die Vertrauen schaffen.

Weshalb nicht demonstrieren, dass die Verteilung der Medikamente im Pandemiefall zeitgerecht durchgeführt werden kann? Dass die Koordination der Informationen immer noch nicht ganz klappt, war auch noch von Thomas Zeltner zu erfahren. Trotz schriftlicher Orientierung informierten die Kantone hinsichtlich der "Pflichtlager" vor Tagen diffus. Zeltner musste eingestehen: Dies führte zu Konfusionen.

Fazit: Heute wird eindeutiger und offener informiert. Die Behörden bemühen sich immerhin, konstant zu informieren. Bei sich anbahnender Krise sind vertrauenswürdige Leute gefragt. Verwirrende Informationen dürfen nicht gerechtfertigt werden mit Aussagen, wie: "Wir müssten eben in Kauf nehmen, dass Kommunikation immer unter Beschuss kommt." Dieser Satz war leider in der Diskussion zu hören. Er klingt zu sehr nach Selbstschutzbehauptung. Die Koordination der Informationen hat nach wie vor Priorität (Informationsmanagement!). Erfahrungen bei der Krisenkommunikation haben bestätigt: In krisenähnlichen Situationen geht es vor allem um menschliche, psychologische Phänomene. Dies gilt es, verstärkt zu berücksichtigen. Ziel ist immer die Entdramatisierung.



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