21.12.2020

99 beste Schweizer Bücher

«Lesen macht mich glücklich»

Pascal Ihle hat zusammen mit Freunden ein Buchprojekt lanciert. Der Senior Consultant und Partner bei Furrerhugi über eine Liebeserklärung an die Schweizer Literatur.
99 beste Schweizer Bücher: «Lesen macht mich glücklich»
Schweizer Literatur sei hierzulande viel zu wenig verankert, sagt Ihle. Mit seinem Buchprojekt will er etwas an dieser Tatsache ändern. (Bilder: ©AyseYavas2020)
von Matthias Ackeret

Herr Ihle, Sie haben ein Projekt «99 beste Schweizer Bücher» auf die Beine gestellt. Was muss man sich darunter vorstellen?
Alles begann in Dublin, in einem altehrwürdigen Pub. «Was gibt es eigentlich für Schweizer Bücher ausser ‹Heidi›?» Die Frage aus der angeregten Runde sass. Zurück in der Schweiz traf ich mich mit meinen Freundinnen und Freunden, der Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Christine Loetscher, dem NZZ-Feuilletonredaktor Thomas Ribi, der Mittelschullehrerin und Buchhändlerin Sandra Valisa und meiner Frau, der Bildredaktorin und Journalistin Sonja Lüthi, und wir diskutierten die beiden Fragen: Wie verankert ist die schweizerische Literatur eigentlich bei uns? Welche Autorinnen und Autoren kennt und liest man? Wir debattierten, tauschten uns über unsere Leseerfahrungen und Bücher aus, die wir für wichtig halten und die uns geprägt haben. Darüber hinaus führten wir zahlreiche Diskussionen mit Literaturinteressierten.

CH99 #büCHerstimmen DSC_4884Team HOCH©AyseYavas2020


Ihre Erkenntnis?
Die Literatur, die in der Schweiz geschrieben wird und geschrieben wurde, ist eine wahre Fundgrube an Geschichten und Figuren. Sie sagen viel über dieses Land, seine Entwicklung, seine Besonderheiten und über die Menschen, die hier leben und gelebt haben. Aber, und dies ist die zweite Erkenntnis, die Schweizer Literatur ist hierzulande viel zu wenig verankert. Ausser den Klassikern und den aktuellen Bestsellern kennt man diesen literarischen Reichtum kaum. Blickt man aus der Deutschschweiz in die anderen Landesteile und Sprachregionen, ist das Ergebnis noch ernüchternder. Diese Erkenntnis mag auf den ersten Blick frustrierend sein. Uns hat sie motiviert, Schätze zu heben, die zu Unrecht vergessen sind.

Das war also die Grundidee Ihres Projekts. Wie haben Sie diese umgesetzt?
Wir haben eine Auswahl von Werken zusammengestellt, von denen wir finden, es lohne sich, sie zu lesen, sie wieder zu entdecken. Dabei haben wir uns ganz von unserer Leseleidenschaft leiten lassen. So ist eine Sammlung von Texten entstanden, die zur Identität der Schweiz beitragen – und die zeigen, wie vielfältig diese Identität ist. Das Buch «99 beste Schweizer Bücher» ist eine Liebeserklärung an die Schweizer Literatur. Aus Aberhunderten von Werken haben wir 99 aus den letzten 250 Jahren herausgepickt. Bücher aus der deutschsprachigen, der französischen, der italienischen und der rätoromanischen Schweiz, die uns berühren. Jedem Text steht ebenbürtig ein erzählendes Bild zur Seite. Die Porträts, Fotografien, Zeichnungen und Zeitzeugnisse inspirieren visuell – mal wortgewaltig, mal flüsternd – den Zugang zu den Texten.

«Die ‹99 besten Bücher› sind der Auftakt einer gross angelegten literarischen Spurensuche»

Nach welchen Kriterien haben Sie diese Bücher bewertet?
Es gibt keine Bewertungen. Jedes der 99 Bücher ist für uns ein «coup de coeur», eine Herzenssache. Die Auswahl widerspiegelt auch die ganz unterschiedlichen literarischen Vorlieben von uns fünf Autorinnen und Autoren. Es sind subjektive Empfehlungen. Und dennoch ergibt sich ein Netzwerk von Verbindungen zwischen Texten und literarischen Figuren, zwischen Autorinnen und Autoren, Schauplätzen und Motiven, literarischen Verfahren und sprachlichen Experimenten. Drei Essays nehmen diese Bezüge auf und geben ein paar neue, unerwartete Einsichten zur Schweizer Literatur.

Wer liegt Ihrer Meinung nach vorne?
Es gibt eben kein bestes Buch. Dass wir von «99 besten Büchern» reden, ist programmatisch gemeint. Die «99 besten Bücher» sind der Auftakt einer gross angelegten literarischen Spurensuche. Auf der Onlineplattform #büCHerstimmen setzen wir die begonnene Reise fort. Wir sind auch auf Instagram, Facebook und Twitter unterwegs. Zu den 99 Büchern aus den letzten 250 Jahren werden viele weitere hinzukommen: bekannte Stars, Schönheiten, die aus irgendeinem Grund in einer Art Tiefschlaf liegen, überraschende wie experimentelle Werke, alte wie neue. Und wir führen auf unserer Onlineplattform Gespräche mit wichtigen Akteurinnen und Akteuren der Schweizer Literatur wie der grossen Schweizer Erzählerin Eveline Hasler und der rätoromanischen Verlegerin Anita Capaul.

Wie hat die offizielle Literaturkritik oder die Kulturszene auf Ihren Anspruch, die besten Bücher zu bewerten, reagiert?
Unser Buch ist kein «Best of», kein Ranking. Es ist eine subjektive Auswahl, die zum Lesen und Entdecken anregen soll. Bislang sind in den Medien erste Besprechungen erschienen, darunter jene von Koni Loepfe im PS, der so beginnt: «Selten hat mich ein Buch auf den ersten Blick so begeistert wie ‹99 beste Schweizer Bücher – Literarische Coups de Coeur›.» Dieses Lob von einer kritischen Stimme hat uns enorm gefreut.

«Wer sich auf Schweizer Literatur einlässt, wird reich belohnt»

Die Schweizer Literatur steht immer im Ruf, schwerfällig und melancholisch zu sein. Haben Sie dies auch festgestellt?
Überhaupt nicht. Im Gegenteil, die Schweizer Literatur zeichnet sich unserer Ansicht nach durch ihren hintergründigen, manchmal abgründigen Witz aus. Mit unserem Projekt «99 beste Schweizer Bücher» wollen wir genau solche Vorurteile aufbrechen und den Reichtum, die Vielfalt und Schönheit der Schweizer Literatur aufzeigen. Sie ist reich, sehr reich an künstlerischen und erzählerischen Verfahren: Manche Texte sprühen vor Experimentierlust und schlagen Funken aus der Sprache, andere haben einen langen epischen Atem. Wer sich auf Schweizer Literatur einlässt, wird reich belohnt und versteht unser Land und seine vielen Kulturen und Gesichter besser.

Die SRG stellt ihre Sendung «52 beste Bücher» ein (persoenlich.com berichtete). Was bedeutet dies für die Schweizer Literaturszene?
«52 beste Bücher» ist eine wichtige literarische Sendung, in welcher Zusammenhänge hergestellt und Tiefe vermittelt werden – ein wichtiger und wohltuender Kontrapunkt zur schnelllebigen Zeit, in der schnell und unkritisch mit Likes bewertet wird. Die Kultur- und speziell die Literaturberichterstattung ist in den letzten Jahren generell unter Druck geraten und nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen reduziert worden. Uns fällt auf, dass in der Romandie, auch bei RTS, die Literaturkritik und die Begleitung der Schweizer Autorinnen und Autoren wesentlich ausgeprägter und breiter ist als in der Deutschschweiz. Es wäre schön, wenn sich die hiesigen Redaktionen davon etwas inspirieren liessen.

CH99 Cover 99_BSB_3D


Wie viel lesen Sie persönlich pro Woche?
Ich zähle die Stunden nicht – aber es sind viele Bücher. Lesen macht mich glücklich.

Welches Buch wäre Ihr absoluter Favorit für die Jetztzeit und die Weihnachtstage?
«Die Schöne des Herrn» von Albert Cohen, ein 1000-seitiger rauschender Roman einer tödlichen Liebe, die 1935 im grossbürgerlichen, calvinistischen und internationalen Genf spielt – der perfekte Schmöker für den Fast-Lockdown. «Der bittere Weg» der Reiseschriftstellerin Ella Maillart, die sich mit ihrer Freundin Annemarie Schwarzenbach auf eine faszinierende Reise von der Schweiz nach Afghanistan macht, was auf absehbare Zeit schwierig ist. Alle Bände des Comic-Weltstars «Titeuf» vom grossartigen Westschweizer Philippe Chappuis alias Zep, denn Lachen ist auch in diesen Zeiten gesund.

Pascal Ihle, Christine Lötscher, Sonja Lüthi, Thomas Ribi, Sandra Valisa: «99 beste Schweizer Bücher – Literarische Coups de Coeur», Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2020



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