28.06.2020

SBB-Employer-Kampagne

«Mütter und Väter bringen viele Qualitäten mit»

Fokussiert, lösungsorientiert und stressresistent: Zusammen mit der ETH eruierte die SBB den Wert von Wiedereinsteigerinnen. Employer-Branding-Expertin Corinne Kuhn sagt, Vereinbarkeit interessiere auch die ganz Jungen ohne Kinder.
SBB-Employer-Kampagne: «Mütter und Väter bringen viele Qualitäten mit»
Corinne Kuhn ist als Lead Employer Branding & HR Marketing bei der SBB tätig. (Bilder: zVg.)
von Edith Hollenstein

Frau Kuhn, sind Sie selber eine Wiedereinsteigerin?
Nein, ich habe nie eine längere berufliche Pause eingelegt, aber ich habe viele Wiedereinsteigerinnen in meinem Bekanntenkreis. Das Thema ist mir darum sehr nah.

Wieso zielt die SBB mit dieser Kampagne ausgerechnet auf die Wiedereinsteigerinnen? 
Die Kampagne fokussiert auf Frauen und Männer, die familienbedingt eine Arbeitspause eingelegt haben. Die Zahlen sprechen für sich: Es sind rund 84'000 Mütter, und vermehrt auch Väter, die zwischenzeitlich aufgrund der familiären Situation aufhören zu arbeiten. Laut der Studie, die die ETH in unserem Auftrag erstellt hat, würden jedoch viele gerne wieder in den Beruf einsteigen, sofern sich Familie und Beruf sinnvoll vereinbaren liessen. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels ist das ein Potential, das wir nutzen wollen.

Denken Sie denn in dieser Gruppe besonders fähige Leute zu finden?
Wer Kinder, Partnerschaft und Haushalt meistert, besitzt Talente, die auch in der Berufswelt sehr gefragt sind.

«Wiedereinsteigerinnen nutzen ihre Zeit fokussiert»

Ein Kernelement der neuen Employer-Kampagne bildet eine Analyse der ETH. Warum haben Sie dazu eigens eine Studie in Auftrag gegeben?
Es gibt fast keine wissenschaftlichen Daten über den Mehrwert der Wiedereinsteigenden. Diesen Mehrwert hat die ETH-Studie erhoben und analysiert. Die in der Studie befragten Mütter sagen unter anderem aus, dass sie sich nach der Geburt persönlich weiterentwickelt haben und mit einer höheren Motivation und neuem Selbstbewusstsein arbeiten gehen. Zudem bringt sie die neue Rolle dazu die Zeit fokussiert zu nutzen.

In diesem Fall hat die Studie Ihre Vermutungen bestätigt. Oder was hat Sie überrascht?
Die Studie bestätigte genau das, was ich in meinem Alltag wahrnehme: Mütter und Väter bringen viele Qualitäten mit, die im Arbeitsalltag für ein Unternehmen sehr wertvoll sind.



Mitarbeitende, die eine Familie haben sind doch stark belastet und machen mehr Fehler als diejenigen, die sich voll auf den Beruf konzentrieren können.
In dieser ETH-Studie war das kein Thema. Meine Beobachtung in meinem Alltag ist jedoch eine andere: Mütter und Väter arbeiten fokussiert, lösungsorientiert und sind stressresistent.

«Langfristig lohnen sich diese Investitionen. Denn zufriedene Arbeitnehmende sind loyal»

Doch für Unternehmen sind Mitarbeitende, die in reduziertem Pensum arbeiten, teuer. Warum sind den Wiedereinsteigende für die SBB trotzdem attraktiv?
Im Wettbewerb um Talente müssen wir uns überlegen, wie wir für gut qualifizierte Arbeitnehmende attraktiv bleiben. Langfristig lohnen sich diese Investitionen. Denn zufriedene Arbeitnehmende sind loyal.

Was für Hindernisse haben Sie denn eruiert?
Ein Hemmschwelle, gerade für die Zugbegleitenden ist, dass die achtmonatige Ausbildung dafür in 100 Prozent bestritten werden muss. Deshalb bieten wir ab Herbst 2021 eine Klasse an mit Pensum 60 Prozent. Bei der Informatik haben wir realisiert, dass Wiedereinsteigende mit dem Problem kämpfen, dass sich während ihrer Abwesenheit die Programmiersprache weiterentwickelt hat. Hier versuchen wir mit einem «Back to Business»-Programm, das in Teilzeit absolviert werden kann, Hilfestellung zu bieten. Zudem schreiben wir unsere Stellen, wo möglich, im Jobsharing aus oder in einem niedrigeren Pensum.

Unter den Massnahmen ist auch das Vorstellungsgespräch, zu dem Kinder mitgenommen werden dürfen. Haben Sie ein solches Gespräch bereits erlebt? 
Nein, denn wir starten ja erst damit. Wir haben aber festgestellt, dass der Stress der Vereinbarkeit bereits beim Job-Interviewtermin beginnen kann – dann nämlich, wenn kurzfristig der Babysitter ausfällt. Um hier anzusetzen, arbeiten wir mit Flying Nannies von Profawo, die die Kinderbetreuung während dem Vorstellungsgespräch übernehmen können. Wir möchten damit ein Zeichen setzen und zeigen, dass wir verstehen, wo der Stress entsteht.

«Wir möchten ein Zeichen setzen und zeigen, dass wir verstehen, wo der Stress entsteht»

Wichtig sind in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch Vorbilder: Wie ist es bei Ihnen? Gibt es inspirierende Beispiele, an denen Sie sich orientieren konnten? 
Alle Arbeitstätigen, die Familie und Beruf unter einen Hut bekommen, sind für mich Vorbilder. Denn das ist eine anspruchsvolle Managementaufgabe. Ich selber denke, dass unsere Initiative vielleicht auch eine Inspiration sein kann für andere Unternehmen, die Fachkräfte suchen. Denn bei der Diskussion um Vereinbarkeit geht es ja nicht nur um Eltern: Dieser Punkt ist auch der jungen Generation sehr wichtig. Jungen geht es zuerst noch um die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf. Doch sehr schnell wird daraus die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Bei Bachelorarbeiten, die ich kürzlich betreut habe, habe ich gemerkt, wie wichtig dieser Punkt bereits für ganz Junge ist, wenn sie sich nach dem Studium für einen Arbeitgeber entscheiden.

 

 

 



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