Herr Gross-Selbeck, Sie sind mit einem speziellen Xing-Day an der SuisseEmex vertreten. Warum sind Marketingprofis eine wichtige Zielgruppe für Xing?
Die Marketingbranche ist für uns allein schon deshalb interessant, weil Xing aus dieser Branche viele Mitglieder hat. Diese Leute haben immer schon verstanden, dass Netzwerke wichtig sind, und zwar sowohl online, wie auch offline.
Wenn ein Unternehmen Xing zu Recruitingzwecken nutzen will, was ist zu beachten?
Bei den Unternehmen stelle ich immer stärker fest, dass der Kampf um wirklich gute Mitarbeitende immer heftiger geführt wird. Dieser "War of Talent" zwingt die Unternehmen, von einem passiven Recruiting zu einem aktiven überzugehen. Unternehmen dürfen nicht länger warten, bis Lebensläufe reingeflogen kommen, sondern sie müssen raus gehen und sich im Recruiting mittels Employer-Branding eine Präsenz aufbauen. Das heisst, Unternehmen müssen unabhängig davon, ob sie gerade offene Stellen anzubieten haben - präsent sein als Employer-Brand; über Veranstaltungen und über Präsenz in den Communitys. Nur diejenigen Unternehmen mit intensiver Präsenz werden sich langfristig durchsetzen können.
Wie genau soll man vorgehen?
Zuerst sollte man ein Unternehmensprofil erstellen. Um dieses dann bekannt zu machen und eine kritische Masse von Mitgliedern aufzubauen, muss man sich etwas Attraktives einfallen lassen; wir bieten viele Produkte an, um das eigene Profil gezielt zu bewerben.
Probleme gibt es aber, wenn die Mitarbeiter den Unternehmensnamen leicht unterschiedlich schreiben.
Ja, wir hatten tatsächlich ein Problem mit unterschiedlichen Schreibweisen. Wenn z.B. jemand "Sony AG" eingegeben hat, wurde dieser Eintrag nicht automatisch mit z.B. "Sony Schweiz GmbH" zusammengeführt. Unser System erkannte teilweise nicht, dass es sich um dieselbe Firma handelt. Wir haben das Problem bereits viel besser im Griff, arbeiten aber noch an einer 100-Prozent-Lösung.
Welche Abteilung kümmert sich am besten um das unternehmenseigene Xing-Profil: Die Personal- oder Kommunikationsabteilung?
Typischerweise ist es schon die Personalabteilung, die sich ums Recruiting kümmert, aber am Ende ist dies eine kommunikative Aufgabe. Weil in Personalabteilungen immer mehr kommunikative Fertigkeiten gefragt sind, werden dort künftig immer mehr Kommunikationsspezialisten arbeiten, denn Human Resources nutzt immer mehr Instrumente der klassischen Kommunikation, wie z.B. Marke, Positionierung oder breitflächige Kommunikation.
Welche Unternehmen nutzen Xing besonders intensiv?
Ein Beispiel ist die Deutsche Lufthansa. Sie hat bei uns ein sehr erfolgreiches Unternehmensprofil mit 5300 Mitglieder und rund 14000 Abonnenten. Diese, teilweise über ein Gewinnspiel aufgebaute Community, kann Lufthansa jetzt mit Informationen versorgen und Beziehungen aufbauen.
Gibt es noch ein zweites oder drittes Best-Practice-Profil?
Ein Schweizer Beispiel wäre die jobs.ch AG, die ihr Unternehmensprofil aktiv bewirtschaftet, momentan 108 Abonnementen für Unternehmensneuigkeiten hat und ihre Stellen auch auf der XING Unternehmenswebsite ausschreibt. Jobs.ch hat auch eine sehr gute Bewertung auf der Arbeitgeberbewertungsplattform kununu.
Sie sind seit 2008 CEO von Xing, nun treten Sie ab - Ende August wird Ihr Nachfolger Thomas Vollmoeller übernehmen. Wenn Sie auf die vergangenen vier Jahre zurückblicken. Was konnten Sie erreichen?
Das Wichtigste was wir geschafft haben, ist die Verbreiterung des Geschäftsmodelles. Als ich 2008 angefangen habe, stammten über 90 Prozent der Erlöse aus dem Geschäft mit Premium-Nutzern. Heute sind dies noch 60 Prozent. Somit kommen nun 40 Prozent aus neuen Erlösquellen: Aus Recruiting-, Events- und Werbedienstleistungen. Zudem haben wir das Team ausgebaut: Die Mitarbeiterzahl ist von 150 auf 500 angestiegen.
Wie genau verdienen Sie mit Recruiting-Angeboten?
Wir können Stellenanzeigen sehr genau den Profilen interessanter Kandidaten zuordnen. So erreichen Unternehmen Talente, die nicht aktiv Stellen suchen, jedoch offen sind für neue Angebote.
Wie haben sich die Mitgliederzahlen entwickelt?
Mittlerweile haben wir im deutschsprachigen Raum rund 6 Millionen Mitglieder, davon sind 777000 als zahlende Premiummitglieder registriert.
Wie aktiv sind diese Premiummitglieder? Haben Sie dies ausgewertet?
Die Mehrheit der Premiummitglieder besucht pro Monat einmal unsere Seite, also sehr regelmässig.
Auch wenn Sie bald abtreten: Wo sehen Sie Xing in drei Jahren?
Wir werden unsere Marktdurchdringung im deutschsprachigen Raum weiter ausbauen. Ich glaube, dass wir die Mitgliederzahl in den nächsten Jahren verdoppeln werden können.
Und was werden Sie selber Neues anpacken?
Das ist noch nicht spruchreif. Es ist aufgrund meiner Arbeitserfahrung bei Xing und Ebay aber wahrscheinlich, dass ich wiederum eine Herausforderung im Internetbereich annehmen werde.
Interview: Edith Hollenstein

