18.10.2018

Zürcher Kammerorchester

«Wir geben dem anonymen Klangkörper Gesichter»

Ein klassisches Konzert mit Video-Animationen oder VR-Brillen, Noten auf dem Tablet und eine App, mit der sich Konzertbesucher verabreden können: ZKO-Kommunikationschefin Daniela Wachter erklärt, wie ein Orchester mit der Digitalisierung nahbar wird.
Zürcher Kammerorchester: «Wir geben dem anonymen Klangkörper Gesichter»
«Social-Media-Präsenz wird meiner Meinung nach auch für Orchestermusiker irgendwann Teil des Jobs sein», sagt Daniela Wachter, COO & Head of Communications. (Bild: zVg.)
von Marius Wenger

Frau Wachter, die klassische Musik, einer der «analogsten» Bereiche überhaupt, wird digital. Was bedeutet das?
Der Schwerpunkt der klassischen Musik wird immer analog bleiben. Denn um Klassik wirklich erleben zu können, ist das Konzert das zentrale Medium. Die angesprochene Digitalisierung wirkt sich bei uns daher vor allem im Bereich der Kommunikation und im Prozessmanagement aus.

Sie stapeln tief: Digitale Elemente werden beim Zürcher Kammerorchester (ZKO) auch auf der Bühne sichtbar.
Stimmt. Beispielsweise spielen wir Programme wie «Vivaldi Reloaded», bei denen Musik mit Video-Mapping kombiniert wird. Dabei erwartet die Zuschauer ein gigantischer dreidimensionaler Raum, in dem die im Zentrum stehende Live-Musik digital in Grafik- und Video-Animationen verwandelt wird. Ausserdem setzen Tänzer die Klänge zusätzlich in Bewegung um. Weiter lassen wir das Publikum ein Konzert mittels Virtual-Reality-Brillen aus der Sicht eines Musikers erleben. Und auch das Projekt «Digitale Notenbibliothek» ist in vollem Gange – mit dem Ziel, künftig von Tablets statt von Notenblättern zu spielen.

Sie sprachen die Kommunikation an. Wie wirkt sich die Digitalisierung dort aus?
Als Unterstützung der internen Kommunikation setzen wir auf ein onlinebasiertes Administrationstool, mit dem sowohl die Musikerinnen und Musiker als auch die Verwaltung beziehungsweise das Administrationsteam weltweit auf alle relevanten Informationen zugreifen können. Im Bereich der externen Kommunikation gehören eine Kundenprofilverwaltung, Retargeting sowie die Bewirtschaftung und Analyse ausgewählter Onlinekanäle bereits zum Daily Business.

Welche Vor- und Nachteile bringt diese Digitalisierung?
Sie ist eine Erweiterung des kommunikativen Spielraums und birgt neue Möglichkeiten, was ich persönlich sehr schätze. Es müssen neue Prozesse in der Kommunikation eingeführt und Erfahrungen gesammelt werden. Dadurch gibt es natürlich auch mehr zu beachten – etwa den Fokus und den sprichwörtlichen «roten Faden» in den ganzen Geschichten und Möglichkeiten nicht zu verlieren.

Welche strategischen Überlegungen stehen dahinter?
Wir öffnen die «Türen in unsere Konzertsäle» und möchten unserem Publikum einen Raum der Begegnung anbieten. Es geht einzig und alleine darum, eine Verbindung und einen persönlichen Austausch zu schaffen. Klassik muss keineswegs altmodisch oder verstaubt sein. Sie soll vielmehr für jeden erlebbar werden – egal, in welcher Dosis. Gerade die «Neulinge» können dies über jene Kanäle erfahren, die sie heutzutage täglich nutzen, beispielsweise Facebook oder Instagram. Wir sehen es als Heranführung an die Klassik und möchten, dass Menschen das ZKO als modernes, flexibles und nahbares Orchester kennenlernen.

«Klassik muss keineswegs altmodisch oder verstaubt sein. Sie soll vielmehr für jeden erlebbar werden»

Das ZKO will nahbar sein. Was bedeutet das im Alltag?Offline wird dies von unseren Musikerinnen und Musikern sowie vom gesamten Team bereits sehr intensiv gelebt. Nach den Konzerten laden wir Besucher in die Lounge ein, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich mit den Musikern, Solisten und Dirigenten austauschen.

Und online? Werden die Musiker angehalten, selber via Social Media «Öffentlichkeitsarbeit» zu betreiben?
Aus meiner Kommunikationsperspektive gibt es immer den Wunsch, dass die Musiker vermehrt auf Social Media partizipieren. Denn das Kommunikationsteam ist nicht immer mit unterwegs und selbst wenn es vor Ort ist, kann es bei Konzerten nicht gleichzeitig vor und hinter der Bühne sein. Wer mitmachen, sich einbringen und uns bei der Berichterstattung unterstützen möchte, ist daher herzlich eingeladen.

Besteht beim Publikum wirklich ein Bedürfnis danach?
Vor allem im Social-Media-Bereich merkt man, dass sich die Besucher für die Menschen auf der Bühne und ihren persönlichen Hintergrund interessieren. Daher geben wir dem «anonymen Klangkörper» einen Namen, Gesichter und Geschichten. Das, was Solisten wie unser Music Director Daniel Hope bereits seit Jahren im Bereich Social-Media-Präsenz leben, wird meiner Meinung nach zukünftig auch für die Orchestermusiker immer wichtiger und irgendwann auch Teil ihres Jobs sein.

«Wie könnten wir unsere Musikfreunde einfacher begleiten als auf ihrem mobilen Endgerät?»

Zur Saisoneröffnung am 23. Oktober lanciert das ZKO auch eine eigene App. Was kann man damit machen?
Ziel der «Perfect Match App» ist es, Musikfreunden ein Tool in die Hand zu geben, das es ermöglicht, auf einfache Art in die Welt der klassischen Musik einzutauchen. Dabei kann man seine eigenen Präferenzen festlegen, persönliche Empfehlungen erhalten und ausgewählte Stücke geniessen. Auch die Verbindung und der Austausch zwischen Musikbegeisterten und Musikfreunden werden mit der App ermöglicht. Über die App können Nachrichten versendet und empfangen werden. Man kann mit anderen Konzertbesuchern kommunizieren und sich verabreden – zum Beispiel auf ein Glas Wein in der Lounge nach einem unserer Konzerte.

Also eine Dating-App für Konzertbesucher?
Jein, eher eine App für Musikfreunde und zur Vernetzung mit interessanten Persönlichkeiten, aber ebenso spielt die Aktualität eine grosse Rolle: Über die App wird der Nutzer über Spezialangebote, Last-Minute-Tickets und exklusive VIP-Anlässe informiert. Die ZKO-App garantiert aktuelle Informationen zu den Veranstaltungen und ist immer auf dem neusten Stand. Wir sind ein modernes Orchester, das die Nähe zum Publikum sucht. Und wie könnten wir unsere Musikfreunde einfacher begleiten als auf ihrem mobilen Endgerät, das sie täglich nutzen?

Mit dem Marketing-Fokus auf Online machen Sie einen grösseren Teil inhouse. Wieso?
Vereinfacht gesagt kann das ganze Team mit eingebunden werden und so aktueller, schneller und kostengünstiger agieren. Im Sinne einer Förderung des Zusammengehörigkeitsgefühls und der Integration hat es noch einen weiteren Vorteil, denn die Teammitglieder werden für das Thema sensibilisiert und geschult. Es ist aber nicht so, dass wir alles selber machen. Unsere eigenen Tätigkeiten liegen hauptsächlich im Content-Bereich, der Erarbeitung von Storys und der Bewirtschaftung der Online-Kanäle. Mit Peter Rehnke steht uns ein Online-Marketing-Experte zur Ideenentwicklung und technischen Umsetzung zur Seite.


An den ADC Awards 2018 wurden das ZKO und Havas für ihre Kampagne «Grosse Gefühle» mit dem Evergreen Award geehrt. Hier das dazugehörige Bewerbungsvideo.

Wird oder wurde die oftmals preisgekrönte Zusammenarbeit mit Havas in diesem Zusammenhang eingestellt oder reduziert?
Als Musikliebhaber und Teil der ZKO-Familie stand vor allem Frank Bodin persönlich mit sehr viel Herz – er ist Mitglied des Zürcher-Kammerorchester-Vereins – hinter den vielen schönen kreativen Ideen. Über die Jahre hat er mit der Kampagne «Grosse Gefühle» für das ZKO eine tolle und sehr starke Basis geschaffen, die wir stetig ausbauen und weiterentwickeln – seit zwei Saisons bereits unter dem Slogan «Berührend und nahbar». Wie die Zusammenarbeit mit Havas in Zukunft aussehen wird, ist noch offen.



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